«Ich glaube nicht, dass es so etwas wie einen freien Willen gibt», sagt der Luzerner Autor Niko Stoifberg im Gespräch. Wir seien ein Produkt aus zwei Faktoren, nämlich Erbgut und Erfahrungen. «Und für beides können wir nichts.» Dass die Menschen dennoch so handeln, als gäbe es etwas wie Eigenverantwortung, sei nötig. Sonst setze das einen Anreiz zum gegenteiligen Verhalten. Der 42-Jährige ist Denker und Vielleser, getrieben von Neugier. Der studierte Anglist und Germanist hat als Werber, Weinhändler und Journalist gejobbt, bevor er vor elf Jahren Redaktor bei der Firma getAbstract wurde. Heute leitet er die englischsprachige Redaktion des Unternehmens, das für Kunden weltweit Bücher zusammenfasst.

Gedanken auf ihre Substanz eingedampft hat Niko Stoifberg auch in seiner Minikolumne «Vermutungen» im «Kulturmagazin 041». «Selbstekel ist eine Grundvoraussetzung für gute Literatur», schrieb er etwa. Oder: «Im Innern ist es immer dunkler.» Oder: «Jeder will verstanden werden, niemand durchschaut.» All das trifft auch auf seinen ersten Roman, «Dort», zu. «Ich kann nicht fragwürdige Sei- ten an literarischen Figuren beschreiben, ohne sie an mir selbst zu erkennen», so der Autor.

Ein böser Protagonist

So böse handeln wie Protagonist Sebi könnte er aber nie. Jener stösst ein Kind in den See, um dessen Begleiterin als Retter zu beeindrucken. Doch das Kind ertrinkt. Sebi erobert zwar die nichts ahnende Lydia, schleppt nun aber das schlimme Geheimnis mit, das sich kaum verdrängen lässt.

Der Roman basiert auf einem Albtraum, den Stoifberg 1999 hatte. «Ich konnte mich am Morgen an alles genau erinnern, was selten vorkommt.» Er machte Notizen, die zum Gerüst für die Geschichte wurden. Sie ist wie der Traum aus Sicht der Hauptfigur erzählt. «Es war fast wie eine Auftragsarbeit», sagt er. Das Schreiben sei ihm darum deutlich leichter gefallen.

Stoifberg hat keine Berührungsängste mit Ungewissem, Schattenseiten, sucht sie bisweilen gar. So fuhr er als 20-Jähriger nach einer Party in einer Waldhütte, an der halluzinogene Drogen konsumiert wurden, allein mit dem Auto heim. Auf halbem Weg stieg er aus und versuchte, die Bäume zu verscheuchen, die immer näher zu kommen schienen. «Das war natürlich gefährlich und dumm», sagt er mit einem schuldbewussten Lachen.

Niko Stoifberg «Dort». Nagel & Kimche, 280 S. Lesungen: 19. 2., 20 Uhr, Neubad Luzern; 20. 2., 19 Uhr, Kosmos Zürich.