Es ist ein Gerichtsfall rund um Graffitikunst, der es schon vor dem ersten Verhandlungstag gross in die «New York Times» geschafft hat: Der Fall des Schweizer Sprayers Adrian Falkner. 1979 in Liestal geboren, hat er sich mit seinen Graffiti international einen exzellenten Ruf verschafft – und bereits vor seinem Master-Abschluss in Fine Arts an der HGK Basel den Status eines Künstlers erarbeitet. Falkner, bekannt unter seinem Pseudonym Smash 137, hat Anfang Jahr den Riesenkonzern General Motors verklagt.

Was ist geschehen?

Vor vier Jahren erhielt Falkner vom US-Unternehmer Dan Gilbert den Auftrag, ein Wandgemälde anzubringen. Das Gebäude: Ein zehnstöckiges Parkhaus in Detroit, das zur Touristenattraktion geworden ist. Ein Hingucker, die «Z Lot» an der Broadway Avenue, die auch als öffentliche Kunstgalerie entworfen worden ist.

Mehrere internationale Graffitikünstler schmücken mit ihren Kreationen die Wände. Die prominenteste Position nimmt dabei Falkners Graffiti ein, im obersten Stockwerk, vor der Skyline der Stadt.

Auftragsarbeiten sind für Adrian Falkner, der wie alle Basler Sprayer in den 90er-Jahren entlang der Line (der Bahnstrecke vor dem Bahnhof SBB) erste Werke schuf, Alltag geworden.

Früher gehörten Graffiti zur Untergrundkultur, kommerzielle Einsätze waren verpönt. Heute ist für manche die Kunst zum Geschäft geworden, zur Arbeit. So beispielsweise für Adrian Falkner, der auch schon mal für die Filiale einer deutschen Sparkasse künstlerisch tätig war.

Für die Werke, die er ausstellt und die in internationalen Galerien verkauft werden, verwendet er nebst Spraydosen auch Ölkreiden und Acrylfarben.

Kleiner Wagen, grosse Kunst

2016 nutzte ein Fotograf dieses Wandbild in Detroit als Hintergrund für eine Werbekampagne, mit der der Autokonzern General Motors den Cadillac XT5 bewarb. Der Geländewagen wirkte neben der Graffitikunst von Smash 137 kleiner, als er ist, im Zentrum schien die Street Art zu stehen (siehe Foto). Die Bilder dieser Kampagne, die unter dem Slogan «The Art of Drive» stand, wurden von General Motors auf vielen Social-Media- Kanälen geteilt: Facebook, Twitter, Instagram. Allerdings ohne, dass Adrian Falkner je um seine Einwilligung gebeten worden wäre.

Falkner reichte im Januar diesen Jahres Klage ein – beim Bezirksgericht von Los Angeles, wo der Fotograf seinen Sitz hat. Anklagepunkt: Verletzung des Urheberrechts.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Graffiti-Künstler auf sein Recht als Urheber pocht. 2014 klagten drei Sprayer den Modedesigner Roberto Cavalli an, der ihre Wandmalerei in San Francisco gesehen, fotografiert und kopiert hatte – indem er sie als Muster auf seinen Markenkleidern und -schuhen verwendete.

Der Designer und die Sprayer einigten sich noch vor der ersten Verhandlung auf einen Vergleich, die Summe ist unbekannt. Derselbe Anwalt von damals, Jeff Gluck, der sich auf den Urheberrechtsschutz von Street-Art spezialisiert hat, vertritt nun auch Adrian Falkner.

Architektur und Argumente

GM versuchte, den Rechtsstreit vorzeitig zu beenden, allerdings nicht mit Geld, sondern mit Argumenten: Man dürfe dieses Wandgemälde, das Teil eines Parkhauses sei, verwenden, weil gemäss amerikanischem Gesetz Bilder von architektonischen Arbeiten keinen Urheberrechtsschutz geniessen würden. Adrian Falkners Bild sei in die Architektur eingearbeitet und daher nicht geschützt.

Doch das müssen sie nun einem kalifornischen Richter erklären, morgen bei der ersten Anhörung. Denn Falkners Anwalt sieht das anders: «Wenn diese Ansicht obsiegt, dann ist jegliche Graffitikunst an Gebäuden urheberrechtlich ungeschützt.»

Die «New York Times» sieht in dieser Verhandlung die Möglichkeit eines neuen Präzedenzfalls: Verdient eine vergängliche Kunst wie jene der Wandgraffiti die Garantien eines Urheberrechts? Ist ein solches Werk geschützt, bedarf es der Einwilligung des Urhebers, wenn dieses für eine Werbung verwendet wird?

Adrian Falkner antwortet auf die Anfrage der bz für ein Interview: «Zu diesem Zeitpunkt möchte ich nicht über den Fall in der Öffentlichkeit sprechen.» Nachdem die erste Anhörung eigentlich im Juli stattfinden sollte, wurde sie nun auf den 28. August verschoben. Adrian Falkner gegen General Motors, es ist ein Kampf wie David gegen Goliath.