Am 2. September ist es viel zu spät für einen Maibaum. Und doch scheint dieser kuriose Anachronismus weder die französische Compagnie «Arrangement Provisoire», die sich auf dem Kasernenareal für das Aufstellen der Kreation bereitmacht, noch die zunächst spärlichen Zuschauer zu kümmern.

«Die Idee eines Maibaums stand nicht am Anfang», erklärt der Leiter der Compagnie, Tänzer Jordi Galí. «In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit Objekten. Ich wollte aber einmal über das Objekt hinausgehen, um eine Architektur anzustreben. Das war einer der Ausgangspunkte des Maibaums.»

Ein quasireligiöser Akt

Den Maibäumen aus der nord- und mitteleuropäischen Tradition und Galís Installation, die das erste Mal 2015 präsentiert wurde, liegt dasselbe Prinzip zugrunde: «Es ist ein Mast, der von einer Gruppe Menschen aufgestellt wird, die sich um ihn sammeln. Es kommt dadurch eine kontemplative Zelebration zustande», fährt der Künstler fort.

Die Menschen, die sich um den allmählich wachsenden Maibaum gesammelt haben, scheinen dem Katalanen recht zu geben. Je mehr der Baum in den geschickten Händen der Tänzer Gestalt annimmt, desto tiefer wirkt die Andacht der Anwesenden, desto religiösere Züge nimmt der kreative Prozess an. Die Struktur wächst: Dicke Seile werden von grossen Spulen entwirrt und auf Drähte gewickelt. Eine zwölf Meter hohe Stange, der Baumstamm, wartet auf dem Boden auf ihren Moment. Neugierige verfolgen mit vibrierender Partizipation, wie ein Kunstwerk auf die Welt kommt, Geste um Geste, Blick um Blick.

Denn kein Wort begleitet die Genese des Baums, kein menschlicher Ton darf die fruchtbare, beinahe sakrale Ruhe stören. Die Compagnie, drei Männer und zwei Frauen, verfolgt ihr gemeinsames Ziel mit devoter Sturheit, drückt sich aus in zyklisch wiederkehrenden, minutiös kalkulierten Bewegungen, bei denen alles seine Rechtfertigung findet und nichts dem Zufall überlassen wird.

Der Baum wächst, wird zu einer mündigen Entität, die über die Künstler, diese liebevollen, eifrigen Eltern, die Kontrolle erlangt. Eine flüchtige Kontrolle für die nächsten zwei Stunden, bevor das Werk wieder abgebaut wird, um am Tag danach den gleichen Prozess zu durchlaufen.

«Ein zweiter Ausgangspunkt der Kreation war, dass ich von der Geradlinigkeit der vorherigen Arbeiten abweichen wollte», erzählt Galí. «Ich wollte die Kurve, die Architektur in ihrer Weiblichkeit erkunden».

Die Schaulustigen, die erst bei vollendetem Werk eintreffen, verstehen nicht, was diese riesige Struktur mitten auf dem Kasernenareal soll. Man kann ihnen ihre Bestürztheit nicht übel nehmen: Es wächst doch kein Maibaum am 2. September.

Der Maibaum wird noch mal am Dienstag und Mittwoch von 15 bis 18 Uhr auf dem Zentrumsplatz Birsfelden aufgestellt.