Als wäre es nicht Kunststück genug, mit wenigen Strichen den griesgrämigen Herrn Rock in den Buchdeckel des Comicbandes zu zaubern, führt sein Erschaffer Boris Zatko derweil das Gespräch unbeirrt weiter. Während sich die Sprechblase mit einer Widmung füllt, umreisst der 44-jährige Basler in überlegten Worten seinen Zeichenstil, den er zwischen Hergés («Tintin») «ligne claire» und André Franquins («Spirou et Fantasio», «Gaston») anarchistischem Humor verortet.

Dabei sieht sich Zatko, dessen Eltern im Zuge des Prager Frühlings von der Slovakei nach Basel kamen, nicht als Comiczeichner – sondern als Geschichtenerzähler. Schon früh habe er diesen Drang verspürt, Figuren und Plots zu erfinden. In der Primarschule habe er regelmässig 40-seitige Aufsätze abgegeben, wenn die Lehrerin zwei Blätter als Hausaufgaben erteilt hatte. «Das Geschichtenerzählen ist eine frühe Flucht gewesen», sagt Zatko.

Fragt man den sympathischen Mann, vor was er denn geflohen sei, bekommt man ebenfalls eine Geschichte zur Antwort. Sie handelt von einem Einzelkind, das bereits im Tagesheim zum Aussenseiter wird, weil sein Deutsch lückenhaft ist. Von einem Jungen, dessen Mutter alkoholkrank ist und dessen Vater mit der Situation nicht klar kommt.

Es ist eine traurige Geschichte, die erst gegen Ende der Teenager-Jahre den Rank in Richtung Happy End findet. Es ist eine wahre Geschichte – jene von Zatko, der sie bei einer Tasse Schwarztee mit entwaffnender Offenheit vor dem Journalisten ausbreitet.

Schon als Kind entschieden

Er habe früh seine Liebe entdeckt zu den surrealen tschechischen Fernseh-Märchen aus der Schmiede Kratky Film Praha, später zu den ungeschönten Zeichentrickfilmen des Japaners Hayao Miyazaki. Und ja, auch zu den Disney-Klassikern, die «so schön überzuckert» seien.

Mit acht Jahren hat er einen Entschluss gefasst, den er seither kompromisslos verfolgt: Zatko will das Geschichtenerzählen leben. Mit 17 verlässt er das Mathematisch-Naturwissenschaftliche Gymnasium und schreibt sich, ohne die Eltern zu informieren, an der Kunstgewerbeschule ein. Dort stösst er sich bald an der «öden Konformität» und hangelt sich fortan als freischaffender Illustrator von Auftrag zu Auftrag.

Mitte der Neunzigerjahre reist er mit einem Stapel Skizzen, Entwürfen und Drehbuchideen an die Zürcher Comicbörse, wo er zwischen den geladenen Zeichnern einen leeren Tisch erspäht und sich instinktiv hinsetzt. Die dreiste Aktion geht auf: Von den Veranstaltern bekommt Zatko eine Zwischenverpflegung und von der Pro Juventute seinen ersten grossen Auftrag.

Seither hat sich der begnadete Zeichner einige langjährige Engagements sichern können: Für den «Baslerstab» liess er von 2003 bis 2013 die Lausbuben «Nico und Mirek» wöchentlich ihren Unfug treiben, die Leser der Coop-Zeitung bringt er seit zehn Jahren mit dem «Ladenhüter» zum Schmunzeln, und auch die Deutsche Sparkasse greift für ihr auflagestarkes Kundenmagazin «KNAX» alle vier Monate auf Zatkos Handwerk zurück.

Heute sei er, so der Vater zweier Kinder (acht und elf), in jeder Hinsicht glücklich – wobei er das Wort durchaus zweideutig verstanden haben möchte: «Ich habe in meinem Leben Glück gehabt.» Wichtiger als die finanzielle Sicherheit oder der Ruhm, den er sich mit seinen Werken erarbeitet hat – sein Roman «Anna Fink, die Fanfare des Königs» wurde 2009 mit dem Thüringer Kinderbuchpreis ausgezeichnet –, ist für Zatko die Tatsache, dass er seiner Berufung nach Lust und Laune nachgehen kann.

Entsprechend beachtlich ist sein Output: Alleine in diesem Jahr hat er mit «Die Festung des Herrn Rock» und «Die Tuwadulis, Willkommen auf Mahokey» zwei Comics herausgegeben und den ersten Teil seiner Roman-Trilogie «Anna Fink» neu illustriert. Noch diesen Winter soll ein erster Band einer Kinderbuchreihe über den Nachwuchs von Wilhelm Tell erscheinen, und auch die Fortsetzungen der «Tuwadulis» sowie von «Anna Fink» warten bereits auf ihre Veröffentlichung.

Gerade noch Geld für einen Apfel

Beeindruckender als die Menge ist jedoch die Qualität von Zatkos Zeichnungen und Illustrationen. Die vielfältigen Gesichtsausdrücke der überdrehten Tuwadulis sind ebenso geglückt wie die Wimmelbilder um Herrn Rock; und bei den fantasievoll bunten Naturimpressionen (etwa auf dem Umschlagbild von «Anna Fink») blüht Zatko regelrecht auf. Das Einzige, was ihm zeichnerisch Schwierigkeiten bereite, so der Autodidakt, seien Schwarzflächen. Es handle sich dabei wohl um eine Art «Verweigerung der Düsternis», schmunzelt er.

Natürlich habe es in den vergangenen Jahren auch Hungerstrecken gegeben – auch wortwörtliche, in denen das Geld gerade noch für einen Apfel gereicht habe. «Auf einen anderen Job auszuweichen, ist aber keine Option gewesen», so der Zeichner. Wenn er das sagt, dann verengen sich die sonst treuherzigen Augen.

Kurz nach dem Gespräch stellt Zatko eine Skizze jenes Gemüsestandes, den er zuvor auf dem Weg zu unserem Treffen passiert hat, auf Facebook. Spätestens jetzt verstehen wir, was er gemeint hat, als er sagte: «Einen Plan B zum Zeichnen hat es nie gegeben.»