Karger Süden

  • Ferientyp: für Sonnenanbeter und Liebhaber der Italianità
  • Ort: Apulien
  • Stimmung: viel Atmosphäre
Jeder kennt sie: die Frauen, die in den Dörfern des Südens, in Schwarz gehüllt, allein oder in Gruppen vor den Häusern sitzen. Eine von ihnen ist Nonna, die Grossmutter des Wissenschaftsjournalisten Thomas de Padova, der als Kind von Gastarbeitern in Deutschland aufgewachsen ist. Wie jedes Jahr besucht er sie auch diesen Sommer. Seine Nonna ist noch ein bisschen kleiner geworden, bewegt sich mit ihrem Gehgestell nur noch im Dunkel des Hauses und weiss genau, welche Pastasorten ihr Enkel im Dorf für sie einkaufen soll. Behutsam beobachtet er die alte Frau und nähert sich ihr voller Respekt. Im gleissenden Licht der Adria mischen sich längst vergangene Sommer in den Aufenthalt und erzählen von einem entbehrungsreichen, geerdeten Leben. Eine berührende Hommage, die nebenbei von den Migrationsbewegungen Europas spricht.

Alpine Einsamkeit

  • Ferientyp: für Klettergeissen und Lebensforscher
  • Ort: irgendwo am Berg
  • Stimmung: Poesie in der Präzision
Eine Frau allein in den Bergen. Sie hat sich ein Stück Land gekauft, 200 Hektaren, irgendwo nahe 2871 Meter Höhe. Minuziös hat sie alles vorbereitet. Ihre Behausung gleicht einem Flugzeugrumpf, halb auf einen Granitvorsprung abgestützt, halb ragt sie ins Leere. Der Rückzugsort ist eine futuristische Tonne aus glasfaserverstärktem Kunststoff und Hart-PVC, in der alles optimal auf Funktionalität ausgerichtet ist. In der alpinen Einsamkeit lässt die französische Autorin Céline Minard ihre Protagonistin akribisch das Terrain vermessen und der Frage nachgehen: Was ist das Leben? Mit Alpenromantik hat das nichts zu tun. «Die Welt der Abgeschiedenheit, der Leere, der grossen Kälte, der bleiernen Hitze, des harten Felsens, der Stille und der Schreie der Tiere ist ein genauer Lotse», schreibt sie. Immer wieder überrascht sie mit der Schönheit, die in dem forschenden Blick liegt.

Geisselndes Meer

  • Ferientyp: für Dauersuchende und Zweitpubertierende
  • Ort: Andalusien
  • Stimmung: gehaltvoll unbeschwert
Wie ein «nicht vollzogener Selbstmord» lauert die Datei im Computer: Sofia hat ihre Doktorarbeit hingeschmissen, um ihre Mutter zu pflegen, die von seltsamen Schmerzen heimgesucht wird. Ein Arzt in Andalusien ist die letzte Hoffnung der beiden Frauen, die sich in einer ungesunden Mutter-Tochter-Beziehung verkeilen. «Heisse Milch» lebt von seinen mit Leichtigkeit hingeworfenen Bildern. Das Andalusien im Buch ist alles andere als eine Idylle: Wer ins Meer taucht, wird von Quallen gegeisselt, am Strand kläfft ein Hund, und die Plastikfolien der Plantagen ziehen sich wie eine kranke Haut über die Wüste. Die britische Autorin Deborah Levy erzählt von einer Tochter, die sich ihren Weg sucht aus einem «armseligen Miniaturleben» in ein «grösseres Leben».

Traumverlorene Erinnerungen

  • Ferientyp: für Althippies, Neoromantiker und Sprachverliebte
  • Ort: Jütland und die eigene Jugend
  • Stimmung: schwerelos
Diese Sätze! Manchmal erstrecken sie sich über Seiten hinweg. Wie Wellen am Strand rollen sie aus und greifen weit vor, in die Zukunft. Dann ziehen sie sich zurück und holen Anlauf in der Vergangenheit. Oder sie plätschern, greifen assoziativ ineinander und lassen immer neue Erzählräume entstehen. Madame Nielsen, dänische Sängerin, Theatermacherin und gefeierte Performancekünstlerin, die ihr eigenes Leben als Experiment versteht, 1963 als Mann geboren wurde und sich 2013 als weibliche Kunstfigur und Schriftstellerin neu erfunden hat, erzählt in ihrem Debüt von einer Zufallsgemeinschaft auf einem heruntergewirtschafteten Gutshof im dänischen Jütland. Der Text ist grundiert mit Gewalt, verkörpert im Ehemann Mads, der den Hof gekauft hat. Als Mads unverhofft verschwindet, wird der Platz frei für den endlosen Sommer: «Eine Welt für sich, wo Zeit und Licht stillstehen und der Staub in der Luft schwebt und flimmert und niemand etwas anderes tut ausser leben». Wie in einem Traum lässt die Autorin ihre Figuren in der Erzählung auftauchen. Neben dem «scheuen Jungen, der vielleicht ein Mädchen ist, es aber noch nicht weiss», ist da vor allem die «aristokratische Mutter», die sich in einen portugiesischen Tramper verliebt, halb so alt wie sie. Auf dem Höhepunkt ihrer Leidenschaft erscheinen die beiden «wie König und Königin mit ihrem Gefolge». Alles ist möglich in diesem Ausnahmezustand – bis der «endlose Sommer» für alle Beteiligten ein jähes Ende findet und der Tod in ihr Leben tritt, in Form des «irdischen Höllenszenarios ihrer Generation». Mit ihren schwebenden Sätzen schafft Madame Nielsen ein flirrendes Sprachkunstwerk, in dem sich sublimes Glück und Melancholie die Hand geben.

Mitreissende Obsession

  • Ferientyp: für Wellenreiter und Strandnixen
  • Ort: auf und unter den Wellen, in Hawaii und anderswo
  • Stimmung: obsessiv
In Kalifornien war es noch Freizeit. Doch das ändert sich, als der junge Bill Mitte der 1960er-Jahre mit seiner Familie nach Honolulu zieht. «Alle Surfer und Leser von Surfmagazinen verbrachten den Grossteil ihrer Tagträume zwangsläufig in Hawaii. Und ich war jetzt hier, lief über echten hawaiianischen Sand (grobkörnig und mit einem seltsamen Geruch), schmeckte hawaiianisches Meerwasser (warm und mit einem seltsamen Geruch) und paddelte hawaiianische Wellen an (klein, finster, windgepeitscht)». Am Tag der Ankunft, während seine Familie noch die Kisten auspackt, stürzt sich der 13-Jährige auf dem Brett in die Wellen. In Hawaii wird das Surfen sein Lebensinhalt. Umso mehr, als es für ihn in der Schule nicht so gut läuft. Aus dem «abgeschotteten kalifornischen Vorortleben unreflektierten Weissseins» war er plötzlich in eine von Rassenproblemen geprägte Welt katapultiert.
Die gesellschaftlichen Verwerfungen und die Jagd nach der perfekten Welle: Das sind die beiden Pole in William Finnegans Leben. Dass er sich als Kriegsreporter einen Namen gemacht hat, findet allerdings kaum Eingang in seine Autobiografie «Barbarentage», die mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, wie seine Obsession von den besten Breaks ihn auch an die Hotspots der Weltgeschichte gespült hat. Die Line-ups, Cutbacks, die Tubes und die Take-offs stehen im Vordergrund: «Dort draussen war alles auf verstörende Weise miteinander verflochten. Die Wellen waren das Spielfeld. Sie waren das Ziel. Das Objekt tiefster Sehnsucht und Verehrung. Doch gleichzeitig waren sie auch der Gegner, der Widersacher, manchmal sogar der Todfeind», schreibt er. Auch wie William Finnegan davon schreibt, ist das Protokoll eines intensiv gelebten Lebens.