Bereits im Aussenraum sind wir zur Interaktion eingeladen. Per Händedruck vertrauen wir unseren Herzschlag einer Glühbirne an. Sie trägt ihn fort und gibt ihn weiter, bis er die lange Reihe von insgesamt 127 Lichtquellen durchlaufen hat, immer neuen Nutzerinnen und Nutzern weichend. Sinnlich bewahrt das Lichterfeld unter dem grossen Vordach des Hauses für elektronische Künste in Basel vorübergehend unseren Puls und lässt die individuelle Spur in die Erinnerung eingehen an jene, die vor uns gekommen und gegangen sind.

Rafael Lozano-Hemmers Werke wurzeln im Mentalitätsraum Südamerikas und beziehen sich immer wieder auf das kulturelle Gedächtnis seiner mexikanischen Herkunft. Ungeahndete Verbrechen an der Zivilbevölkerung, die (weltweit) horrende Anzahl an Tötungsdelikten, aber auch das tief verankerte Wissen um Vergänglichkeit fordern den Künstler heraus, digitale Partituren zu Sinnbildern zu verdichten.

Denkmal aus Stimmen

Als Lozano-Hemmer zum 40. Jahrestag des Studentenmassakers im mexikanischen Stadtteil Tlatelolco aufgefordert war, ein Denkmal zu entwerfen, war absehbar, dass nicht Stein oder Bronze zum Tragen kämen, sondern die Sprache der Erinnerung im Hier und Jetzt. Ein modifiziertes Megafon lud Ende Oktober 2008 Anwohnerinnen und Überlebende, Angehörige, Politiker, Aktivisten und spontan Beteiligte zu öffentlichen Stellungnahmen ein. Unzensiert und über mehrere Tage wurden ihre Stimmen in stadtweit empfängliche Radiowellen übertragen und als Lichtblitze an drei Suchscheinwerfer weiter gegeben. Im Radius von 15 Kilometern sichtbar, entfachten diese ein synchrones Flackern über der nächtlichen Stadt: Vitale Bekenntnisse und Zeugenaussagen fanden ein Echo im lichten Gruss an jene, die nicht mehr sind.

Spielerische Interaktion

Neue Technologien sind für Lozano-Hemmer kein Widerspruch zu Geschichte und Poesie kein Gegenpol zu Politik. Im Gegenteil. Wo der Künstler politische Ereignisse medial reflektiert oder das Verhältnis zwischen individuellem Körper und kollektivem Gedächtnis neu vermisst, entstehen prägnante, ja einleuchtende Bilder. Und auch da, wo er Überwachungskameras oder biometrische Trackingsysteme nutzt, bleibt seinem Schaffen ein freilassend spielerischer Zugang eigen.

Wenn sein Name heute in international renommierten Sammlungen aufscheint, hat das genau damit zu tun: Lozano-Hemmer schürft zwar im kollektiven Bewusstsein auch nach individueller Teilhabe und Verantwortung. Deswegen mit schroffen Anklagen zu brüskieren, liegt ihm fern.

Jüngstes Zeugnis eines empathischen, ja zarten Umgangs mit Information und Überlieferung ist die Installation Call on Water, die das mehrköpfige Team Lozano-Hemmers exakt zur Medienkonferenz am Dienstag fertigstellte. Hunderte von Ultraschallzerstäubern sprühen ausgewählte Zeilen aus Gedichten Octavio Paz’ durch einen Schleier aus blütenweissem Wasserdampf. «To see the world is to spell it», heisst es da einmal. Das könnte ein Motto und Antrieb von Lozano-Hemmer sein – und schon ist der blubbernd leise hingehauchte Zauber wieder weg.

Rafael Lozano-Hemmer: Preabsence. Haus der elektronischen Künste Basel. 9. Juni bis 28. August. Sonderöffnungszeiten während der Art Basel: Mo–So, 13.6. bis 19.6.2016, 10 bis 20 Uhr, am Di bis Mitternacht. Schulklassen sind auf Anfrage auch ausserhalb der regulären Öffnungszeiten willkommen.