Als Roman bezeichnet Jürg Halter sein Buch «Erwachen im 21. Jahrhundert». Eigentlich besteht es aber vor allem aus fieberhaften Gedankenfetzen, die die Hauptfigur Kaspar in einer schlaflosen Nacht umtreiben. Kaspar will am nächsten Morgen ins französische Brest abreisen, zu den «Anderen».

Wer diese «Anderen» sind, weiss nicht einmal er selbst genau. Nur so viel ist gewiss: Die Gruppe hat sich vorgenommen, die Welt zu retten.

Das will der 35-jährige Kaspar ebenfalls – im Prinzip. Doch als typischer Mensch seiner Zeit zweifelt er an allem. Er bemüht sich zwar, moralisch und ökologisch korrekt zu denken und zu handeln. Doch was ist überhaupt richtig? Überall lauern Sackgassen.

Hinzu kommt die eigene Bequemlichkeit. Selbstkritisch fragt sich Kaspar: «Wer geht schon so weit und ist bereit, für eine bessere Welt einen hohen persönlichen Preis zu bezahlen?» Diese Zwiespalte lassen Kaspar nicht schlafen. Natürlich stellt man sich als Leser automatisch auch die Frage, inwieweit man bereit wäre, Kompromisse einzugehen für das Allgemeinwohl. Und damit hat der Berner Autor und Dichter Jürg Halter sein offenkundiges Ziel erreicht: Er rüttelt uns wach.

Wie in einem Drogenrausch hat Kaspar immer wieder das Gefühl, aus dem Schlaf aufzuschrecken, nur um kurz danach wieder wegzudriften. In diesem Schwebezustand vermischen sich schräge Eingebungen und reale Fakten. Dem Autor gelingt es so, neue, erschreckende Parallelen herzustellen. Zum Beispiel, wenn Kaspar beim Einnicken in der Badewanne von ertrinkenden Flüchtlingen träumt, die bei den Zuschauern um sie herum nur begrenzt Mitleid auslösen. Doch als ein Katzenbaby ins Wasser fällt, ist das Entsetzen riesig. Im gleichen Stil handelt der Autor die drängenden Probleme des 21. Jahrhunderts ab. Dazu gehören der Überwachungsstaat, Terrorismus, Massentierhaltung, Umweltverschmutzung, entfesselter Kapitalismus, die Aussicht auf ewiges Leben und die fortschreitende Entmündigung des Menschen.

Nie deprimierend

Das klingt wahnsinnig anstrengend. Jürg Halter gelingt es aber, dass sich dieser philosophische Rundumschlag stets leicht liest und nie deprimierend wirkt. Das liegt an seinem Sprachwitz und am Protagonisten Kaspar, den der Autor unüberwindlich scheinende Widersprüche brillant auf den Punkt bringen lässt: «Was uns Menschen betrifft, bin ich generell hoffnungslos, aber grundsätzlich zuversichtlich.»

In solchen Aphorismen ist der Dichter Jürg Halter spürbar. Der 38-jährige Berner hat sich als Performance-Poet und Mundartrapper einen Namen gemacht. Sein Alter Ego Kutti MC gab er 2015 auf. Nach Gedichtbänden und CDs legte er 2016 mit «Mondkreisläufer» erstmals ein Theaterstück vor. Letztes Jahr veröffentlichte er dieses in Form eines Prosatexts. Und nun also ein Roman.

Dass sein Buch als solcher durchgeht, ist vor allem der Rahmenhandlung zu verdanken. Denn die Klammer zu Kaspars schillernden Gedanken bilden Briefe und Erinnerungen an Josephine. Bei ihr fühlte sich Kaspar aufgehoben und verstanden. Doch die Tochter eines Mafioso ist seit Jahren verschwunden. Ob sie auch in Brest auftauchen wird? Kaspar hofft es sehr und der Leser mit ihm. Denn in dieser Welt der Ungewissheit scheint die Liebe die einzige Sicherheit zu bieten.

Jürg Halter «Erwachen im 21. Jahrhundert», Zytglogge-Verlag, 230 Seiten, erscheint am 10. September.

Lesung und Buchtaufe: 12. 9. Kaufleuten Zürich; 18. 9. Dachstock Reitschule, Bern. Mit Endo Anaconda und Mario Batkovic.