Lassen Sie sich nicht abschrecken! Nicht vom schwierigen Titel «Surrealismus», nicht von der Vorstellung, hier gehe es um Kunstgeschichte, nicht von der Ankündigung, Krieg und Krisen hätten diese Kunst-Epoche geprägt. Und auch nicht von der immensen Fülle an Kunstwerken, vom Labyrinth, in das einen das Aargauer Kunsthaus mit der Ausstellung «Surrealismus Schweiz» schickt. Der Rundgang wird Sie in ein Wechselbad von Gefühlen tauchen: zwischen Bewunderung, existenziellen Fragen und der Erkenntnis, dass der Mensch ein so schwieriges wie faszinierendes Geschöpf ist. Aber die Schau schafft es auch, einem diese wenig erforschte Epoche in einem breiten Bilderbogen zugänglich zu machen.

Bevor man sich in Eingeweide und Seelen-Abgründe stürzt, bevor man in die Lüfte schwingt, baut einem die Ausstellung einen historischen Boden. Was war in der Schweiz in den 1930er-Jahren in der offiziell goutierten Kunst angesagt? Was diente der geistigen Landesverteidigung? Ein starker Mann, der «Schweizertyp» von Jakob Probst, steht wie ein antiker Held mitten im ersten Raum. Hans Ernis Landi-Bild von 1939 bildet die touristisch-patriotisch angesagte Kulisse – obwohl die Passstrasse irgendwie subversiv unrealistisch in der Luft schwebt. Aber ein Postauto ist hier ein Postauto, so wie eine Metzgete bei Wilhelm Schmid ein krasses, ländliches Ritual bleibt.

Kompakte Geschichte

Die Schweizer Künstlerinnen und Künstler der 30er-Jahre – ob im kreativen Paris ansässig oder in der enger werdenden Heimat – suchten neue Wege, um die wechselhafte Zeit in Bilder zu fassen. Man schloss sich Gruppen an oder bildete neue, um sich Gehör zu verschaffen. Zwei Hauptwege zeichnen sich ab: Der Gang in die Abstraktion oder auf das surrealistische Feld. In eine neue Bildsprache, mit der sich die politische Bedrohung durch die Nationalsozialisten wie die Purzelbäume des Unbewussten darstellen lassen. Das wird einem als Betrachterin vom Kuratorenduo Peter Fischer und Julia Schallberger zum Einstieg komprimiert dargelegt. Ob Koryphäen wie Alberto Giacometti und Meret Oppenheim oder Unbekanntere wie Gérard Vuillamy und Isabelle Waldberg: Man lernt Dutzende der wichtigsten Schweizer Surrealisten mit Schlüsselwerken kennen, sieht Zusammenhänge und Unterschiede.

So ist man also gerüstet, um ins Labyrinth durch die surrealen Themenwelten einzutauchen. Die Wunden und wunderbaren Sprünge der Seele projiziert man in Landschaften oder baut ihnen eine Bühne. Die Basler Otto Abt und Walter J. Moeschlin lassen Akrobaten, Dämonen und Maskierte ein Theater der Gefühle spielen – krasser, als es die Fasnacht je in Bilder packte. Ihre Figuren verlieren sich in der Weite von Sandlandschaften oder in nebligen Tiefen. Gérard Vuillamy dagegen sperrt sie in Höhlen, und Ricco Wassmer setzt die Menschen auf offenen Bühnen ungeschützt der Nacht aus.

Mensch oder Marionette

Zentral im Surrealismus ist der Mensch, und zentral sind die mit Köpfen und Figuren vollbepackten Räume. Bei Karl Ballmer ist der Kopf eine blasse Scheibe, Auge und Mund sind verzogene Löcher, und über Paul Klees mit schwarzen Strichen umrissenem Gesicht stehen sechs Haare starr in die Höhe: wahrlich «Zum Abschrecken». Gemütlicher wirds auch bei seiner «Gliederpuppe» nicht, die einen in Einzelteile aufgelösten Menschen zeigt.

Doch nicht nur innere Zerrissenheiten, nicht nur Drängendes aus dem Unbewussten deformieren Körper und Gesichter. Die Weltwirtschaftskrise und die politische Bedrohung degradieren die Menschen zu Marionetten. Ernst Maass malt den «Maschinenmenschen», und Werner Schaad funktioniert eine nackte Frau zur Ständerlampe um, montiert ihr einen Schalter ans Bein und einen Kabelanschluss in den offenen Bauch. Max von Moos’ Tänzerinnen und Meret Oppenheims liegende Frau versteinern. Doch auch die Mächtigen sind nicht gefeit davor, zu Marionetten zu werden, wie der «Ruhmreiche Robotergeneral» von Eva Wipf beweist.

Krieg und Frieden

Beunruhigt in den 1930er-Jahren die faschistische Bedrohung zuerst nur, erschütterten die rohe Gewalt des Spanischen Bürgerkriegs und der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die Künstler. Walter Kurt Wiemken malt die Menschheit am «Abgrund», und bei von Moos quellen die Eingeweide aus zerstörten Körpern. Als Betrachterin steht man schaudernd vor diesen Bildern und Zeitzeugnissen. Doch bei Meret Oppenheim erhellt eine Lichterkette das Feld zwischen «Krieg und Frieden», Ernst Maass entleert zwar die Landschaft, lässt Vulkane drohend rauchen, Messerstecher unter technoiden Architekturen auftreten, aber er gibt stets auch die «Hoffnung auf Morgenlicht».

Traumwelten – beflügelnde wie deprimierende – kennen auch wir. Bedrängen uns in der Nacht ein übergrosser Mond, wilde Wellen oder düstere Gestalten, so bannt man sie mit Erzählen. Das machten nicht nur die Surrealisten der 1930er-Jahre, sondern praktizieren Künstlerinnen und Künstler bis heute. Auch das zeigt die Ausstellung: Mit Ilse Webers irrealen Flüssen, Pipilotti Rists «Raumkapsel» in einer Kiste oder Hubbard/Birchlers Traumberichten eines Polizisten.

Wie wenn die Welt der Visionen und Träume noch nicht reichen würde, um uns aus den Klauen des Abgründigen zu retten, hat das Kuratorenduo Fischer und Schallberger die Darstellungen der Natur zum Schluss aufgehoben. Da keimt fantastisch Nächtliches wie bei Ernst Maass, erotisch Weiches wie bei Serge Brignoni oder ein «Zaubergarten» wie bei Paul Klee. In der Abteilung Wolken reicht die fantasievolle Auswahl von Hans Arp gar bis ins Heute.

Surrealismus Schweiz Aargauer Kunsthaus, bis 2. Januar 2019. Vernissage Fr, 31. 8., 18 Uhr.