Der tschechische Autor Jaroslav Rudiš liebt die Musik und Reisen durch Mitteleuropa. Über beides hat er mit «Winterbergs letzte Reise» einen grandiosen Roman geschrieben.

In Ihrem neuen Roman leidet einer der beiden Haupthelden an ganz besonderen Anfällen. Woran leidet Herr Winterberg da genau?

Jaroslav Rudiš: Wenzel Winterberg liegt einsam in einer Wohnung. Er spricht nicht mehr. Die Verwandten haben keine Zeit, sich um ihn zu kümmern. Also engagieren sie Jan Kraus, einen jungen Pfleger. Er stammt aus Tschechien. Und er findet heraus, woran Herr Winterberg leidet. Er leidet an Geschichte. Genauer: Er leidet an der europäischen Geschichte. Noch genauer: Er leidet an den Folgen der Schlacht von Königgrätz.

An der Schlacht von Königgrätz?

Wir alle leiden an der Schlacht von Königgrätz. Sie fand im Jahr 1866 statt und verschob die Kräfteverhältnisse zwischen dem Kaiserreich Österreich-Ungarn und Preussen. Sie war die Geburtsstunde des späteren Deutschland. Sie war es, die das Gesicht Europas veränderte. Der Erste Weltkrieg, der Zusammenbruch der k. u. K Monarchie, die Gründung der Tschechoslowakei – alle Ereignisse, die folgen sollten, führt Herr Winterberg auf Königgrätz zurück. Selbst für den Verlust seiner grössten Liebe macht er diese Schlacht verantwortlich. Und je mehr er sich in den Wahn hineinsteigert, umso heftiger werden seine historischen Anfälle.

Wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch über das Leiden an der Geschichte zu schreiben?

Ich habe tatsächlich einen Freund, bei dem ich das Gefühl habe, er leide an der Geschichte . Dieser Freund weiss unheimlich viel über die Historie Mitteleuropas. Mit ihm habe ich einen Teil der im Buch geschilderten Reise unternommen. Mit ihm bin ich nach Hradec Králové gereist. So heisst Königgrätz heute.

Sie sind in der Gegend aufgewachsen …

… ich bin in der Gegend aufgewachsen. Aber erst er hat mir die Augen geöffnet. Dafür, wie viel heute noch von der Schlacht zu sehen ist. Wie sie bis heute die Landschaft prägt. Du stolperst über wahnsinnig viele Gräber. Du siehst die Namen der preussischen und sächsischen Soldaten. Du siehst österreichische Namen. Viele Tschechen liegen da begraben, Kroaten, Ungarn, Slowaken. Und plötzlich zitierte mein Freund aus dem Buch eines englischen Historikers: «The beautiful landscape of battlefields, cemeteries and ruins.» Vielleicht war dieses Zitat der Anfang der Geschichte.

Dieser Satz taucht in Ihrem Roman immer wieder auf. Wie ein Refrain.

Ich bin ein sehr musikalischer Mensch. Sie wissen vielleicht, dass ich auch in der Band Kafka spiele. Unter anderem mit Jaromir 99. Jaromir ist ein begnadeter Cartoonist. Zusammen haben wir nicht nur die Graphic Novel «Alois Nebel» geschrieben. Gemeinsam machen wir auch Musik. Deshalb ist es mir wichtig, meinen Büchern immer einen Rhythmus, eine musikalische Sprache zu geben. Und insofern ist es richtig, dieser Satz bildet im Buch eine Art Refrain. Wer sich an die Zeit der alten Eisenbahnen erinnert, der hört vielleicht auch noch: tatam-tattam, tatam-tattam, tatam-tattam. Dieses Geräusch der immer wiederkehrenden Schienenstösse ist im Buch der Rhythmus meiner Sprache.

Haben Sie deshalb Teile des Buches in der Eisenbahn geschrieben?

Genau. Die Musik der Eisenbahnen ist immer eine andere. Wenn du in einem Schnellzug der SBB sitzt, ist der Sound natürlich ein völlig anderer, als wenn du mit einer Lokalbahn von Strakonice nach Vimperk, dem früheren österreichischen Winterberg, fährst. Oder wenn du zwischen Linz und Wien in einem Rail-Jet sitzt. Stimmt, um diesen Roman zu schreiben, habe ich absichtlich sehr lange Bahnreisen unternommen. Der einzige Grund: Ich wollte diesen Roman zu grossen Teilen in der Eisenbahn schreiben. Und immer hatte ich ein altes Buch dabei …

Darf ich raten? Den alten Baedeker-Reiseführer, aus dem der alte Winterberg in Ihrem Roman immer wieder zitiert und damit Jan Kraus immer wieder an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringt?

(lacht und holt ein in rotes Leder gebundenes altes Buch hervor): … genau. Diesen Baedeker hier aus dem Jahr 1913. Es ist die 29. Auflage. Der letzte Europa-Reiseführer von Baedeker vor dem Zusammenbruch von Österreich-Ungarn. Nach diesem Zusammenbruch war alles anders. Ist eine Rarität. Und schwer zu bekommen. In meinem Roman zitiere ich daraus. Die erstaunlichste Entdeckung: Vieles, was er beschreibt, ist noch da. Nur steht es heute in einem völlig anderen Kontext. Nämlich dem Kontext der «Beautiful landscape of battlefields, cemeteries and ruins».

Leiden Sie selbst auch unter geschichtlichen Anfällen?

Ja natürlich. Ich habe schliesslich nicht nur Germanistik, sondern auch Geschichte studiert. Auch in Zürich. Beide Figuren, Winterberg und Kraus, haben sehr viel von mir. Aber meine Anfälle sind anderer Natur. Ich leide vor allem an der Geschichtslosigkeit vieler Zeitgenossen um mich herum. Nur die Unkenntnis von geschichtlichen Ereignissen erleichtert es den Populisten und Propagandisten von heute, wieder Zwietracht und Hass zu säen. So gesehen könnte das Nichtwissen über geschichtliche Ereignisse Europas längste Friedensphase tatsächlich bedrohen. Das würde auch für die Schweiz nicht ohne Folgen bleiben.

War es diese Sorge, die Sie «Winterbergs letzte Reise» schreiben liess?

Das haben Sie gut beobachtet. Aber damit wir uns nicht falsch verstehen, «Winterbergs letzte Reise» ist kein Geschichtsroman, es ist ein Liebesroman. Denn am Ende ist es die Liebe, die Herrn Winterberg aus dem Sterbebett treibt. Es ist die Liebe, die Jan Kraus dazu bringt, mit ihm durch Mitteleuropa zu reisen. Nach Böhmen, Wien und Sarajevo. «Winterbergs letzte Reise» ist für den Pfleger Jan Kraus zweierlei: lehrreich und lustig.

Wer ist Jan Kraus?

Jan Kraus steht für mich für all die namenlosen und fleissigen Menschen aus Mittel- und Osteuropa, ohne die auch in der Schweiz manches nicht mehr funktionieren würde. Sie reinigen Büros, lehren die Abfallcontainer, stehen im Spital neben dem Bett. Jan Kraus ist Spezialist für die letzte Überfahrt. So nennt er die Zeit, die er mit seinen Patienten verbringt. Eingestellt von Familien, die sich nicht um ihre sterbenskranken Angehörigen kümmern wollen oder können. Er ist es, der die letzten Monate, Wochen und Tage an ihrer Seite ist. Er ist einer von Tausenden.

Doch ist es weder ein moralisierender noch ein trauriger Roman. An vielen Stellen im Roman glaubt man, den Witz und den Humor von Jaroslav Hašeks «Der brave Soldat Schwejk» herauszuhören.

Ich liebe den Humor von Jaroslav Hašek. Er ist sicher einer der bekanntesten tschechischen Schriftsteller. Mit «Der brave Soldat Schwejk» hat er der tschechischen Literatur eine ihrer wichtigsten Figuren geschenkt. Bei Schwejk fällt auf, dass er nicht nur lustig ist, sondern auch melancholisch. Und das ist genau das, was ich meinem Buch mitgeben wollte: eine gehörige Portion Humor und Melancholie.

Landen Ihre beiden Helden deshalb wie Schwejk immer wieder in einem Gasthaus?

Wenn Sie tschechische Bücher lesen, stellen Sie fest: Tschechische Geschichten beginnen oft in einer Kneipe. Ich glaube, nirgendwo wird so viel Bier getrunken wie in der tschechischen Literatur. Jan Kraus, der Pfleger von Wenzel Winterberg, kämpft deshalb hin und wieder mit den Dämonen des Alkohols. Was mich betrifft: Ich treffe gern Leute, ich rede gern mit Leuten. Und wo kann man das besser als in der Beiz? So nennen doch die Schweizer ein Gasthaus? Viele Geschichten in meinem Buch habe ich tatsächlich dort aufgeschnappt. Ich bin überzeugt: Die besten Geschichten und Dialoge kann man sich überhaupt nicht ausdenken. Sie werden einem in der Beiz geschenkt.

Sie haben bisher alle Ihre Romane auf Tschechisch verfasst. Dieses Buch jedoch haben Sie komplett auf Deutsch geschrieben. Warum?

Ja, das ist in der Tat sehr merkwürdig. Deutsch war Bestandteil meines Lebens. Mein Urgrossvater war Böhme. Doch er sprach Deutsch. Später habe ich Germanistik studiert. Ich weiss nicht warum, aber ich habe über dieses Buch tatsächlich nie auf Tschechisch nachgedacht. Nicht eine Sekunde. Vielleicht weil es ein deutscher Freund war, der den Anstoss zu der Geschichte gab. Aber natürlich war dieses Buch für mich auch eine Reise, eine Entdeckungsreise durch die Feinheiten der deutschen Sprache.

Ob im Roman «Nationalstrasse», ob in ihrer Graphic Novel «Alois Nebel» oder nun in «Winterbergs letzter Reise» – das Reisen und die Eisenbahn spielen bei Ihnen immer eine Rolle. Wie kommt das?

Vielleicht, weil ich aus einer Eisenbahnerfamilie komme. Mein Onkel war Vorsteher eines kleinen Bahnhofs in Böhmen. Er ist im Grunde «Alois Nebel». Immer zog es mich auf seinen Bahnhof. Irgendwann bekam ich eine Brille, und aus war es mit meinem Traum. Aber die Liebe zur Eisenbahn ist geblieben. Ich habe meinem Onkel so oft zugesehen, dass ich selbst heute noch einen Provinzbahnhof leiten könnte. Eigentlich wollte ich immer Lokführer werden.