Wenn man heute die Frage stellt: «Hatte Marx vielleicht nicht doch recht?», so beantwortet «Das Kapital» diese Frage gerade nicht. Dies nicht, weil Marx ein Ökonom gewesen wäre, der völlig falsch gelegen wäre, wie ihm heute «Ökonomen» vorwerfen, die selber auch nicht viel Ahnung haben. Sondern weil «Das Kapital» den «Kapitalismus» nicht erklärt. Der Begriff kommt in allen drei Bänden nur einmal vor – und wurde vermutlich von Friedrich Engels, der Band II und III herausbrachte, hineinredigiert.

Was den «Kapitalismus» angeht, kann Marx andernorts Punkte buchen. Seine «Globalisierung» haben Marx und Engels nämlich ziemlich präzise vorausgesagt – allerdings im «Kommunistischen Manifest» (KM) von 1848. Global sind heute zwei Dinge: Westliche Wissenschaft/Technik und die Sprache des Geldes (denn es geht immer nur ums Geld). Im KM heisst das Subjekt hinter dieser Ausbreitung zwar noch «Bourgeoisie», aber das ist eine reine Sache der Terminologie.

Was will Marx mit diesem Buch? Das «ökonomische Bewegungsgesetz der modernen (bürgerlichen) Gesellschaft» enthüllen. «Wissenschaftlich» soll es dabei zugehen. Das heisst: Nur wenn materialistisch argumentiert wird, ist es richtige Wissenschaft. Und man muss unterscheiden zwischen Erscheinung und Wesen. Wirtschaftliche Grössen wie Kosten oder Wert oder Preis müssen hinterfragt werden. Wie sie an der Oberfläche erscheinen, zeigt nicht, was sie wirklich sind. Die Ökonomie will die Beziehungen zwischen diesen Grössen darstellen. Das nennt Marx «Vulgärökonomie». Denn solche «Kinderspiele», mögen sie mathematisch noch so raffiniert sein, sind nur abstrakt, zu weit abgehoben von dem, was wirklich passiert. Sagen nichts über die Wirklichkeit.

Karl Marx und der Klassenkampf

Karl Marx und der Klassenkampf

Die Industrielle Revolution wirft die Frage der Gleichheit immer stärker auf. Immer mehr Arbeiter in den Stadt haben Teil am steigenden Wohlstand, doch zugleich haben sie kaum Rechte. Somit wird die soziale Frage aufgeworfen, für die Karl Marx klare Antworten gefunden hat. Bis heute hat sein Werk "Das Kapital" nichts von seiner Faszination verloren. 

Im Spiegelkabinett

Das macht die Lektüre dieses Buches ausgesprochen schwierig. Denn es ist, wie in einem Spiegelsaal herumzulaufen. Im Text wimmelt es von «vergegenständlicht», «einverleibt» oder «gegenübergestellt», man muss sich ständig fragen: Ist es jetzt das Original oder das Gespiegelte oder ein Gespiegeltes eines Gespiegelten?

Diese Probleme kommen von Hegel. Dieser urdeutsche Philosoph war der Lehrmeister von Marx. Man muss fairerweise sagen, dass er da nicht irgendeinem nachgelaufen ist, sondern dass Hegel DER PHILOSOPH war damals. Man sah ihn so, weil er ganz fundamental an die Sache heranging. Er gab vor, nachzuzeichnen, wie der Geist zu sich selber kommt. Dies geschieht über viele Stufen, wie das Denken sich selber bewusst wird und am Schluss sich selber begreift. Marx hat – wie er selber sagte – «Hegel vom Kopf auf die Füsse» gestellt.

Die Menschen, sagt Marx, «denken» ihr Leben nicht, sondern sie «produzieren» es im «Stoffwechsel mit der Natur». Sie durchschauen diesen Prozess nicht, aber das soll nicht so bleiben. Von Hegel lernte Max noch zwei wichtige Dinge. Die Natur eignet sich der Mensch an in der «Arbeit» – und wird sich so erst seines Menschseins inne. Und die Geschichte, sagt Hegel, ist nicht eine Aufeinanderfolge von Geschehnissen, sondern «Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit» – oder wie Marx es sah: sich selbst aufklärende Praxis.

Bewegungsprinzip Kapital

Zurück zum «Kapital». Es geht um das Auffinden des Prinzips. Wie in Hegels Interpretation der Geist die Geschichte treibt, ist es für Marx das Kapital (oder der Privatbesitz), das alles bewegt. Das Kapital hat eine in ihm wohnende Tendenz, sich ständig zu vermehren (die Akkumulation). Das klingt abenteuerlich, aber bereits der Urvater der Ökonomie, Adam Smith, sah nur in einer wachsenden Wirtschaft eine gesunde. Stagnierende Ökonomien sind krank. Diese Dynamik führt irgendwann zu unerwünschten Folgen.

Man hört oft, Marx habe gar nicht so viel Neues gebracht im «Kapital». Er übernimmt die gängige Sicht des Wirtschaftsprozesses: Produktion, Tausch, Gewinn und Verlust. Aber er muss dauernd das «Wesen» hinter den Phänomenen suchen. Das fängt an mit dem Begriff der Ware, denn alle Dinge werden im kapitalistischen Produktionsprozess zu Waren: Sie werden produziert zum Zwecke des Tauschs. Marx sagt: Getauscht wird auf der Basis des Tauschwerts. Der muss nicht identisch sein mit dem Gebrauchswert oder dem «Nutzwert».

Wichtig wird das, weil die Ökonomen – nicht nur Marx – auf die Idee kamen, der «eigentliche» Wert eines Produkts sei die zu seiner Herstellung aufgewendete Arbeitszeit. (Wenn ich vier Stunden brauche, um einen Biber zu fangen, aber nur zwei Stunden, um ein Kaninchen zu erlegen, kann ich zwei Chüngel gegen einen Biber tauschen – das Beispiel ist von Adam Smith.) Und nun schliesst Marx: Der Arbeiter kriegt Lohn. So viel, wie er braucht, um sich «zu reproduzieren» (heute würden wir sagen: um zu leben). Aber der Kapitalist zahlt ihm das auch nur, weil er ihn länger arbeiten lassen kann, um Produkte herzustellen, die mehr «Wert» haben als der Geldwert des Lohns. Und die verkauft er auf dem Markt und die Differenz eignet er sich an. Marx nennt das den «Mehrwert».

Und immer Krisen

Hier steckt der Skandal, sagt Marx. Der Arbeiter wird ausgebeutet. Ausbeutung heisst konkret, dass der Arbeiter über die Notwendigkeit hinaus schuften muss. Das ist nicht gerecht. Aber es ist nicht nur eine moralische Kritik. Die kapitalistische Produktionsweise ist vom Humanitätsstandpunkt aus auch «ineffizient». Sie steht dem menschlichen Anspruch im Weg, seine Menschlichkeit auszubilden und auszuleben.

Die kapitalistische Produktionsweise produziert dauernd Krisen. Weil nicht die Bedürfnisse der Menschen die Produktion steuern, sondern die Akkumulation des Kapitals. Das Kapital kriegt Verwertungsprobleme. Denn der «Mehrwert» kommt aus der menschlichen Arbeit. Und die wird durch den technologischen Fortschritt dauernd weniger. So gibt es eine Tendenz zur fallenden Profitrate. Wenn das Kapital holpert, schüttelt es die Leute durch. Vielleicht bis die Achse des Karrens bricht.

Über das Ende hat Marx im «Kapital» nicht viel geschrieben – drei Seiten vielleicht. Er zog eine Parallele: Wie die Mechanisierung im Lauf der Industrialisierung den Feudalismus hinwegfegte, wird die Zentralisierung des Kapitals (die Konzerne werden immer grösser und drängen die kleinen Unternehmen aus dem Markt) dazu führen, dass immer weniger vom System profitieren und immer mehr Leute ins Elend (materiell und geistig) gestossen werden. Sie haben genug und machen Revolution.

Was dann kommen soll, lässt Marx ziemlich offen, denn Revolution bedeutet bei ihm nicht Machtergreifung, sondern Umwälzung der Verhältnisse. Gesellschaftlich soll alles organisiert werden. Nicht produzieren, was Profit schafft, sondern was die Bedürfnisse der Menschen befriedigt. Das ist ein Punkt, wo die Kritik ansetzt. Marx hat – weil er «materialistisch» analysieren will – die Subjekte, die Menschen, entfernt. Die Waren «tauschen sich aus», das Kapital wird akkumuliert. Und jetzt kommen die Menschen auf einmal wieder hinein. Wenn ihre «Bedürfnisse» die Wirtschaft steuern sollen, müsste man sie danach fragen oder sie diskutieren oder wählen lassen. Die Vollstrecker von Marx stellten einen «Plan» auf. Das konnte nicht funktionieren.