«Harry ist ein komplizierter, höchst widersprüchlicher Charakter, dessen Leben in Trümmern liegt. Er hat Routine im Verlieren und er weiss, dass es keine Siege für ihn gibt, die Bestand haben. Trotzdem lässt er sich immer wieder darauf ein, Verbrecher zu jagen.»

Mit diesen Worten charakterisierte der norwegische Krimi-Superstar Jo Nesbø einmal seinen Helden Harry Hole, der seit 1997 im Zentrum seiner weltweit gefeierten Serie steht. Zehnmal konnten wir Harry inzwischen dabei zusehen, wie er – wenn die Polizeiarbeit seiner Osloer Kollegen in der Sackgasse oder im Korruptionssumpf endete – auf den Plan trat, um zu retten, was eigentlich nicht mehr zu retten ist.

Denn Harry, so will es sein Schöpfer, ist eine Art Mann mit sieben Leben, ein von Einschussnarben gezeichneter Super-Hero, der in seiner unerfüllten Sehnsucht nach Heil und Liebe rastlos über die eigenen Abgründe jagt.

Jo Nesbø: "Durst". Ullstein-Verlag, Berlin 2017, 620 Seiten.

Jo Nesbø: "Durst". Ullstein-Verlag, Berlin 2017, 620 Seiten.

Verwerfungen der Gegenwart

Und lange folgte man seiner Spur durch das von Amoral, Gewalt und Perversion unterwanderte Parallel-Oslo wie ein Süchtiger seinem Dealer. Denn Nesbø verstand es glänzend, die Verwerfungen der Gegenwart von ihren historischen Ursprüngen her zu erklären. Bis er, den seine Serie reich und berühmt machte, die Plot-Schraube zuletzt mächtig überdrehte – und darüber erzählerisch den Kontakt zur Realität verlor. Wie? Indem er seinen seelisch zwar arg gefledderten, gleichwohl aber sympathischen Protagonisten in eine Art unzerstörbaren Roboter verwandelte, der selbst mit acht Kugeln im Bauch noch als Sieger aus seinen Schlachten mit den Finsterlingen hervorging.

Darüber wendete sich manch eingefleischter Harry-Hole-Fan enttäuscht von der Serie ab, die lange als das Nonplusultra der zeitgenössischen europäischen Thrillerkunst galt. Nesbø hatte seinen Zauber der harten, realitätsnahen Schilderung an das Nebulöse des Phantastischen verraten.

Rasant erzähltes Kopf-Kino

Nun aber, mit Fall Nummer elf, kehrt Harry in «Durst» als Wesen aus Fleisch und Blut zurück – und siehe da: Das Ganze funktioniert wieder! Kleiner und wieder angenehm heruntergedimmt auf unsere Lebenswirklichkeit. Und die hört diesmal auf den Namen «Tinder». Gemeint ist jene kommerzielle Mobile-Dating-App, die das Ziel hat, Facebook-Benutzern das Kennenlernen von Menschen in der näheren Umgebung zu erleichtern. Millionen einsame Herzen knüpfen mit ihrer Hilfe Bekanntschaften.

Und genau da schlägt der grosse blutdurstige Unbekannte zu. Er reisst den Paarungswilligen so lange ungestraft die Herzen heraus, bis ihm die Kellnerin aus Harrys Stammlokal zum Opfer fällt, Harry von der ermittelnden Sektion hinzugezogen wird – und zu alter Hochform aufläuft. Das Resultat ist bester Nesbø: rasant erzähltes Kopf-Kino!

«Ich glaube», notierte der Schriftsteller George Orwell Ende der Dreissigerjahre, «dass Schriftsteller und Reporter die Historiker unseres Zeitalters sind.» Jo Nesbø löst diese Einschätzung mit seinem neuen Roman endlich wieder ein, indem er dorthin zurückgekehrt ist, wo seine Meisterwerke «Rotkehlchen» oder «Schneemann» einst wurzelten: in die norwegische Realität dieser Tage.