Es ist keine Frage: Michel Houellebecq schreibt gut, saumässig gut. Zum Beispiel wenn er in der Mitte seines neuen Romans «Serotonin» seinen traurigen Helden auf einer halben Seite sein Elend auf den Punkt bringen lässt: «Was ich brauchte, war Liebe, insbesondere brauchte ich eine Muschi», lässt er ihn sagen, und weiter: «Es gibt viele Muschis, Milliarden Muschis auf der Oberfläche eines Planeten von doch recht bescheidener Grösse, wenn man mal darüber nachdenkt, ist es überwältigend, was es an Muschis gibt, es macht einen ganz schwindelig, ich glaube, jeder Mann hat diesen Schwindel schon einmal verspürt, andererseits brauchten die Muschis Schwänze, oder zumindest hatten sie sich das eingebildet (ein glücklicher Irrtum, auf dem die Lust des Mannes und der Fortbestand der Spezies und vielleicht sogar der Sozialdemokratie beruhen).»

Halsbrecherische Achterbahn

Es ist ein tolles Bild, das der Autor mit tänzerischer Leichtigkeit auf die Seiten pinselt, erfrischend frivol, plastisch, sofort entsteht eine Szene vor den Augen, ein Bild, das sich um die gängigen Grenzen des Denkbaren foutiert und auf eine halsbrecherische Achterbahn lockt – denn der Held nimmt sich in der Klammerbemerkung ja selbst auch auf die Schippe. Wie wunderbar. Wie verführerisch, diesen quecksilbrigen Autor zu feiern, der jeglichen Vorstellungen von politischer Korrektheit ans Bein pisst, wie verlockend, in Houellebecq gar einen Feministen zu sehen. Wie dröge, wie moralinsauer, ihn als Sexisten, als Nationalisten, als reaktionäres Ekel zu brandmarken. Nur zu leicht liest es sich im Rausch der schmissigen Sätze über Houellebecqs Schlussfolgerung hinweg: «Im Prinzip ist das Problem lösbar», lässt er seinen Helden sinnieren, «aber in der Praxis ist es das nicht mehr, und auf diese Weise stirbt eine Zivilisation», nämlich: «am blossen Überdruss, am Abscheu vor sich selbst, was konnte mir die Sozialdemokratie bieten, offensichtlich nichts, nur ein Fortbestehen des Mangels, einen Aufruf zum Vergessen.»

Das ist der Kern des neuen Romans des hochgejubelten Literaturstars. Doch natürlich garniert der Autor diesen Kern mit ein paar pointierten Abrissen diverser Übel der modernen Welt mit ihren «Illusionen von individueller Freiheit, von einem offenen Leben, von unbegrenzten Möglichkeiten» – der voyeuristische Kitzel von Gangbangpraktiken und Sodomie der Kunstschickeria, das Elend von Massentourismus und globalen Wirtschaftsströmen, die EU-Reglementierungswut und das Leid der normannischen Milchbauern – Letzteres hat Houellebecq die Feier für seine angeblich hellseherische Vorwegnahme der Proteste der «gilets jaunes» eingetragen. Auch hier zeichnet Houellebecq das handwerklich toll gemachte Bild von Delacroix' umgedeuteter Marianne, nur um es in einer letzen Volte zu verkehren: Es ist die abgehalfterte Aristokratie, die bei Houellebecq auf der Kreuzung zweier Autobahnen versucht, dem Bauernstand zu helfen – derweil der moderne Staat den Ausverkauf der Milchbauern betreibt.

Keine Dumpfbacke

So schmissig Houellebecqs Exkurse an der Oberfläche sein mögen, seine Folgerungen daraus sind es nicht. Seine Rede zum Frank-Schirrmacher-Preis vor zwei Jahren und kurz vor Weihnachten ein Essay im «Harper’s Magazine», in dem Houellebecq dem amerikanischen Präsidenten Trump seine Reverenz erwies, machten klar, wo der Autor politisch steht. Nur: Michel Houellebecq ist nicht die Dumpfbacke, als die man die Rechte gerne sehen will. Er ist nicht der Prolet, der pöbelt «Das wird man doch mal sagen dürfen». Houellebecq ist belesen, intelligent, mitunter durchaus witzig und eben ein saumässig guter Autor. Genau wie seine Figuren unterläuft er gängige Denkmuster und eröffnet ein Spannungsfeld mit aufregendem Interpretationsspielraum. Seine Texte sind eigentliche Hologramme, in die man je nach Blickwinkel oder politischer Orientierung die eigene Position hineinlesen kann: Man kann sie als künstlerische Pose verklären, in der er als Bürgerschreck den Konformisten einen Spiegel vorhält. Man kann gefahrlos den schlechtesten Seiten in sich selbst frönen, weil die Figuren ihren Sexismus, Rassismus, Nationalismus und Autoritarismus immer gleich selbst relativieren. Oder man kann sich freuen, dass man mit der Stimme des kulturell gebildeten Querdenkers diese Dinge endlich einmal formulieren darf.

Für seinen jüngsten Wurf wurde Houellebecq als Romantiker gefeiert. Aber: Es ist die dunkle Seite der Romantik, der Michel Houellebecq huldigt, das macht der Text an mehreren Stellen deutlich. Zu den wirklichen Problemen des Landes hat er nichts Neues zu sagen. Da gibt es andere französische Autoren, nur schillern diese weniger grell. Édouard Louis beispielsweise, oder auch die Ausnahmeschriftstellerin Annie Ernaux, Leila Slimani oder Virginie Despentes. Aber: Der Kaiser ist nackt. Er ist ein reaktionärer Grüsel.