Das Bahnhofbuffet zwischen dem Schweizer und dem französischen Bahnhof, heute nur noch Durchgangszone, war einmal ein Ort der Gastfreundschaft. Wer ab Basel den Regionalzug in Richtung Elsass nimmt, kennt die Atmosphäre, die der etwas hilflosen Umnutzung vom Saal zum Durchgang anhaftet. Die Bank, die sich rundum an die holzverkleideten Wände schmiegt, vermisst jene Tische, wo man sitzen und es gut haben könnte – mit einem Bier zum Feierabend und einem Gegenüber, das beim Grenzübertritt die Sprache wechselt. Die Malerei über allem stellt idyllische Landschaft in Aussicht – und erinnert an den kalten Rauch, den es hier gab, solang das Rauchen noch salonfähig war.

Doch in den kommenden Wochen ist etwas anders in diesem schweizerisch-französischen Nadelöhr: Das Buffet, das dem Ausschank diente, wird zum Ort der Literatur. Jennifer K. Dick nimmt bis Anfang Januar diese Leerstelle ein. Als Grenzgängerin zwischen Text- und visueller Arbeit äussert sich die Poetin und Literaturwissenschaftlerin zum Thema von Stadt und Urbanität – vor Ort und über einen eigens eingerichteten Blog. Die gebürtige Amerikanerin lebt in Mulhouse und beteiligt sich an der Ausstellung, die das Kunsthaus Baselland mit
der Kunsthalle in Mulhouse verschwistert: «Encoding the Urban».

Grosszügige Präsentationen

Die Regionale ist mehr als eine Ausstellung von Künstlerinnen und Künstlern aus dem Dreiländereck. Sie ist auch ein weitläufiges Angebot, bisher peripher wahrgenommene Orte zu erschliessen und den eigenen Raum der kulturellen Rezeption zu weiten: Schon einmal im Projektraum L6 in Freiburg gewesen? In der Galerie Stapflehus in Weil am Rhein? Oder in der Kunsthalle von Mulhouse? Seit 2009, als die Stadt mehrere Departemente der Université Haute Alsace im Industriegebiet unweit der Stadtmitte ansiedelte, hat Mulhouse im zweiten Obergeschoss einer sanierten Giesserei ihre Plattform für zeitgenössische Kunst.

Hier, wie in vielen weiteren Ausstellungsräumen, zeigt sich der Gewinn dieser gross angelegten Jahresausstellung: Indem 19 Institutionen und Kunsträume der trinationalen Grenzregion mitmachen, muss die Präsentation nicht gedrängt erfolgen wie bis vor 18 Jahren, als sich allein die Basler Kunstschaffenden die jeweils ‹besten› Räume und Wände in der Kunsthalle am Steinenberg strittig machten. Ganz im Gegensatz zu jetzt: Die meisten Werke und Werkgruppen haben so viel Raum, dass man sie gern als Keimlinge umfassenderer Einzelausstellungen weiter denkt.

© Martin Toengi

Über das Reale hinaus: Kunsthalle Basel

Natürlich gibt es unzählige Arten, wie sich Kunstwerke mit der Realität auseinandersetzen. Ein Stück Wirklichkeit lässt sich dokumentarisch wiedergeben, es gibt die Nachbildung, die Veränderung des Vorgefundenen und schliesslich das Herstellen von eigenen Objekten. Endpunkt ist die Grenzüberschreitung zum Traumhaften, Surrealen. Komplizierter wird es nun, wenn in der sogenannten Realität Elemente von Illusion auftreten: So eröffnet die Ausstellung programmatisch mit einer Installation von YouTube-Videos, die zu Selbstoptimierung und materiellem Erfolg anspornen. Doch die angestrengt aufmunternden Botschaften werden relativiert: Die Monitore stehen auf plastikverklebten Sofas.

Die Wirklichkeit von illusionärer Beschönigung entkleiden will auch die Elsässerin Camille Holtz. In «Fétiches» zeigt sie Fotos und glitzernde Trophäen von Hundeschauen. Sie hält dem Glamour der Tier-Schönheitswettbewerbe eine Kehrseite entgegen: verwachsene Klauen, blutige Körperteile. Hinter private Fassaden blicken auch ihre Filme über Jugendliche und einen Securityangestellten («Big Daddy»).

Die staksigen Metallskulpturen von Danae Hoffmann knüpfen ebenfalls an den Alltag an: Ihre mit farbigem Schaumstoff und Stoffen versehenen Objekte tragen verspielte Titel wie «Antennensporti» oder «Personaltrainer», sie erinnern an Fitnessstudios. Eigenständige Realitäten zu schaffen vermögen schliesslich die Objekte der in Basel lebenden Kanadierin Maude Léonard-Contant (im Bild an letzten Retouchen): Ihre Arbeiten aus Plastilin, Filz, Stahl und Glas wirken losgelöst von Alltagsbezügen. Die Materialien bilden die Wirklichkeit der Arbeiten, die keine imaginierte Realität sind, sondern eine produktiv neu gestaltete.

Christoph Dieffenbacher

Grenzgänge: Fabrikculture

Der Besuch der FABRIKculture in Hegenheim bietet zunächst eine eindrückliche Perspektive auf Basels nordöstliche Stadtgrenze. Wenige Fahrrad-, noch weniger Autominuten von Luzernerring und Bachgraben entfernt, geht die dichte Besiedelung in Brachen, dann in weite Landschaft über. Ortspezifisch hat das Kuratoren-Duo Martina Siegwolf und Andreas Frick hier den Grenzgang aufgegriffen und unter dem Titel «Border-Crossing» Generationen, Sprachen und Mentalitäten aufgemischt. Es gibt – das zeigt sich rasch in dem durchs Sheddach gleichmässig einfallenden Licht – keine Bilder, Gegenstände und Ansichten mehr, in die sich nicht die ganze Welt schon irgendwie eingemischt hätte. Wo Eva Borner die Schlafplätze von Obdachlosen in Athen dokumentiert, wird Privates öffentlich und Öffentliches privat, die Musterung von Plakatwänden mutiert bittersüss zum Schmuck von dauerhaften Provisorien. Das Künstler-Duo Stoeckerselig hat in bunt gemusterte Teppiche einen Halbsatz hinterlegt, der den Zustand der Behausung regelrecht durchlöchert.

Allen Arbeiten in dieser Schau ist ein Weltbezug eingeschrieben, der die Nachbarschaften steigert. Noch die kleinste, eigenwillige Setzung scheint mit einer Frage nach Zusammenhängen untermalt. Das ist auch das Ergebnis einer anhaltenden Konzentration: Studierende der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW sowie Schülerinnen und Schüler haben sich über Wochen auf zeitgenössische Kunst eingelassen.

Auf einen Künstler hat Martina Siegwolf auf keinen Fall verzichten wollen: Dadi Wirz, 85, Künstler, Sammler, Weltreisender. Der Sohn des gebürtigen Basler Ethnologen Paul Wirz hat den Kuratoren nebst der Leihgabe von Zeichnungen, Reliefs und Objekten seine umfangreiche, unsystematische Sammlung an Erinnerungsgegenständen, Devotionalien und Souvenirs geöffnet. Was seine Habseligkeiten an privater und an Weltgeschichte auffächern, ist auf mehreren Ebenen lesbar. In der «Constellation itinérante» (wanderndes Sternbild) steht das Einzelne immer für mehr. Die Wanderung ist noch lange nicht am Ende. (izu)

Sujet: MIN Jisook ,»Invitation de Voyage»

© Nicole Nars-Zimmer niz

Simulierte Natur: HeK

Wie erleben wir Natur? Wie speichern und verändern wir sie mit den technischen Mitteln? Wie rekonstruieren wir sie, wenn sie einmal fehlt? Diesen Themen stellen sich die Arbeiten im Haus der elektronischen Künste Basel HeK – experimentell, reflektierend, spielerisch. Der Titel «Die zweite Natur» spielt auf mehr als die vom Menschen geschaffenen Objekte an: Bekommt das Virtuelle schon bald den Status von Realität? Und ist die Technologie bereits ein Teil der Natur?

So sind die Videobilder einer scheinbar natürlichen Wolke und eines Stücks blauen Himmels am Computer digital erzeugt worden (Philipp Gasser). Eine Expedition auf einen fernen Planeten erweist sich als fiktiv (Thomas Lasbouygues, Guillaume Barth), während sich eine Strahlenmessung in Fukushima als real entpuppt (Susanna Hertrich). Verfremdete Natur vermittelt ein Sternenbild, das auf der andern Seite der Erde zu sehen ist, nachgebildet aus schwarzem und weissem Sand (Lingjje Wang, Jingfang Hao).

Nicht immer ist es das Visuelle, das für ein Stück Natur steht – manche Installationen verweisen mittels Geräuschen wie Wind oder Meeresrauschen auf natürliche Umgebungen. Sind sie es denn auch? Selbst die Maschine aus Leuchtröhren, die Lichtblitze und mechanischen Lärm aussendet, entwickelt fast ein Eigenleben. Die Röhren fangen an zu glimmen – das Konstrukt wirkt vergänglich und damit organisch (Kollektiv Laytbeuis). Die Spannungen zwischen der Natur und ihrer medialen Inszenierung und Vermittlung im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit bildet augenfällig die Arbeit von Jonas Baumann ab: Ein alternder, mit Moos bewachsener Kirschbaumzweig ist mit einem Datenträger an einen Laptop verbunden (Bild). Der Monitor zeigt einen blühenden Kirschbaum unter blauem Himmel. Welches der beiden Objekte wird überleben – der reale Zweig oder der digitale Baum?

Christoph Dieffenbacher

© Martin Toengi

Dokumentation und Erfindung: Kunsthaus Baselland

Im Entree zum Kunsthaus Baselland setzt Maya Bringolf mit ihren «Interferenzen» einen prominenten Auftakt (Bild oben). Mächtige Orgelpfeifen sind in metallene Lüftungsrohre gefasst und geben ein dumpfes Rauschen von sich. Das Misstrauen, das die Künstlerin in ihrer Gegenständlichkeit ansiedelt, sitzt auch in ihren zweidimensionalen Collagen: Die fotografischen Bilder von Börsen – Orte des undurchsichtigen Transfers von Geld und Gold – ist erneut von Rohren durchkreuzt.

Das surreale Zusammentreffen von dokumentiertem Raum und künstlicher Erweiterung taugt als Leitmotiv auf dem Weg durch die gesamte Ausstellung. Ein Schwerpunkt bleibt im Raum, ein anderer bei der Fotografie: Esther Hieplers genaues Hinsehen etwa entfremdet die nahe liegendsten Oberflächen im Quartier. Eine Kleinbasler Hausfassade hinter zaghaft blühenden Bäumen könnte auch in Asien sein, die Aufsicht auf ein Floss hat jede geografische Verankerung abgestreift.

Anders die Filme von André Lehmann – eine Leitfigur der Experimentalfilm-Bewegung der 1970er- und -80er-Jahre in Basel: Als er 1977 mit der Kamera der Stadt den Puls abnahm, gelangen ihm fiebrige Porträts von New Yorks Verdichtung. Alles Architektur, überall Menschen, Konsumgüter aller Herren Länder.

Fast 40 Jahre später weist die junge Basler Künstlerin Sabine Hertig nach, wie die ausufernde Verfügbarkeit fotografischer Bilder das Fassungsvermögen zu überfordern droht. In kaleidoskopischer Kleinteiligkeit fallen ihre Körper und Räume schwarz-weiss ineinander. Dass Philipp Gasser im selben Raum die Bewegung und Flucht im Aquarell verlangsamt, verweist eindringlich auf das breite Spektrum, in der globale Erfahrung, Geschichte und Zeitgeschichte künstlerisch ein Echo finden. 

Stadt als verlorene Utopie: Kunsthalle Mulhouse

Das Erinnern, die Vorstellung, die Dokumentation städtischer Räume, aber auch Produktionsbedingungen und Befindlichkeiten des Urbanen waren leitend in der Auswahl an Kunst, welche die Kuratorinnen Ines Goldbach (für Muttenz) und Sandrine Wymann (für Mulhouse) gemeinsam aus rund 700 Dossiers getroffen haben. Vier Positionen sind an beiden Orten gegenwärtig. Jan Kopp etwa vermisst rennend das Gelände eines riesigen, ungenutzten Messegeländes von Oscar Niemeyer im libanesischen Tripoli. Eine Fotografie der Strassburger Künstlerin Emilie Vialet lässt innehalten vor einer eigenartigen Felsformation. Sie untersucht die Landschaft zoologischer Gärten – Freiräume, welche der Stadt ein Stück vermeintlicher Wildnis zugestehen.

Es sei ein oft nostalgischer Zugriff auf urbane Motive und Themen, auf die sie beim Sichten der Eingaben getroffen sei, sagt Sandrine Wymann. Das Städtische ist auch in ihrer sorgfältigen Präsentation weniger ein sozialer Knotenpunkt als ein Raum, der in der Kunst von heute architektonische Oberflächen, materielle Relikte, Leerstellen und verlorene Utopien sehen lässt. Und wenn bei Marta Caradecs bunten Kartografien oder in der Überzeichnung von Fotografien bei Viola Korosi und Mathieu Husson gleich zweimal Budapest den Hintergrund ästhetischer Aneignung bildet, ist das kein Zufall: Strassburg unterhält in der ungarischen Hauptstadt ein Austauschprogramm. (izu)