Jede Stadt, jeder Ort hat seine eigene Farbigkeit. Rote Gebäude etwa prägen Basel, Zürich dagegen ist beige-grau dominiert. Das hat nichts mit Geschmack zu tun, sondern war bestimmt durch die Verfügbarkeit von Steinen. Denn gebaut wurde bis ins 20. Jahrhundert mit Materialien aus Steinbrüchen der Umgebung und Ziegeln aus Brennereien in der Nähe. Darauf stimmte man die Farben von Läden, Verputz und Gebäudeschmuck ab. Was wie ein lokaler Zufall klingt, prägte aber über Jahrhunderte das Bild von Orten, gab ihnen ihre Identität. In Zeiten von Beton, Stahl und Glas und vor allem seit der industriellen Herstellung von Farben hat sich das Bild über geografische Grenzen hinweg vereinheitlicht. Aber noch sind regionale Unterschiede auszumachen, begründet durch Tradition und Zeitgeist, lokale Vorlieben und die Umgebung.

Was heisst schon Orange?

Doch über nichts lässt sich so schwer diskutieren wie über Farben. Denn was heisst Weiss oder Grau – oder gar Olive-Grün oder Orange? Vor seinem inneren Auge sieht bei der Nennung einer Farbe jede und jeder einen anderen Ton. Dagegen helfen nur Farb-Systeme wie Pantone, RAL oder NCS (Natural Color System). Sie normieren nicht nur Grundfarben, sondern auch Hunderte von Zwischentönen, sodass man punktgenau bestimmen kann, welche Farben verwendet wurden oder welchen Ton man neu streichen lassen will. Wer RAL 2004 bestellt, bekommt ein genau bestimmtes «Reinorange», und das unterscheidet sich ziemlich stark vom «Leuchtorange» von RAL 2005.

Für Denkmalpflege, Altstadtkommissionen, Architektinnen und Planer ist das detaillierte Wissen über Vorhandenes eminent wichtig. Umso erstaunlicher ist, dass es wenig systematische Erhebungen über die gebaute Farbigkeit und ihre Wirkung gibt.

Farb-Forschung im Aargau

Das soll sich für den Aargau ändern – zumindest punktuell. Das «Haus der Farbe», eine Forschungsstelle und Schule in Zürich, nimmt sich in Absprache mit der Aargauer Denkmalpflege der kantonalen Farbtradition an. Was das heisst, wie man vorgeht und erste Resultate sind nun Thema der Ausstellung «Lokalkolorit» im Forum Schlossplatz in Aarau. Hier werden beispielhaft Farbkonzepte und ihre unterschiedliche Wirkung von sechs internationalen Architekturbüros vorgestellt, wird gezeigt, wie Künstler Farbe nutzen, welche Pigmente der Aargauer Boden hergibt und wie man Farben erforscht.

Das Kernstück der Ausstellung ist die Werkstatt. Hier sind Stefanie Wettstein und Marcella Wenger-Di Gabriele an der Arbeit. Sechs Aargauer Bauten aus der Nachkriegszeit untersuchen sie als Erstes auf ihre Farbigkeit hin: Vom Hochhaus in Spreitenbach über Siedlungen in Seon, Brugg und Neuenhof. Weitere Objekte sollen dazu kommen. Typische, aber gute Objekte, die auch dank der Farbe Eigenständigkeit und Charakter haben.

Im Auftrag der Stadt wurde vor kurzem Rheinfelden inventarisiert. «Erstaunlich wie rot die Stadt ist», sagt Stefanie Wettstein. Bedingt durch den Sandstein, aber nicht nur.» An rund 50 Objekten haben die Forscherinnen vom «Haus der Farbe» die genauen Töne nicht nur abgenommen, sondern auch nachgemischt, auf Referenzbogen aufgestrichen, vor Ort kontrolliert und bei Bedarf nachgemischt. Nur so werde ihre Arbeit für Denkmalpflege, Maler und Bauherrschaften nutzbar.

Welche Farbe hat nun aber der Aargau? Stefanie Wettstein lacht und erklärt: «Wir haben erst angefangen!» Aber klar, der Zofinger Sandstein, der Mägenwiler Muschelkalk seien prägend. Auffällig auf dem Land seien starke Farben, etwa bei Fensterläden. Drei Forschungsfelder sind vorgemerkt: der ländliche Aargau, die Städte und die Nachkriegs-Architektur, die anders mit Farben umgeht. Im Vergleich zum bereits untersuchten Kanton Thurgau sei aber jetzt schon klar: «Der Aargau ist vielfältiger.» Hier gibts mehr Bau-, also auch mehr Farbtypologien. Von Mittwoch bis Samstag kann man den Forscherinnen über die Schulter schauen, Fragen stellen – und selber sehen, welche Farben den Kanton prägen.

Lokalkolorit. Farbe Architektur Raum Forum Schlossplatz Aarau, bis 23. September. Führungen und Workshops: www.forumschlossplatz.ch