Die Programme sind gedruckt, der Vorverkauf läuft, in den letzten Tagen vor Beginn des Lucerne Festival heisst es nochmals durchatmen. Aber Ruhe, gehobenes Understatement und Professionalität sind ohnehin Markenzeichen von Intendant Michael Haefliger. Nur die erste Frage, die bringt ihn ein wenig ins Grübeln.

Herr Haefliger, wann haben Sie das letzte Mal richtig gestaunt?

Michael Haefliger: Gestaunt? Da muss ich ein wenig überlegen ... nun ...

Ich frage, weil Sie im Programm zum Lucerne Festival schreiben: Ich wünsche uns allen, dass wir am Luzerner Sommer das Staunen wieder lernen.

Staunen ist ja, wenn man etwas noch nie erlebt hat, ein «Wow», ein Erlebnis, das wir dem Kontext der Kindheit zuweisen.

«Kindheit» ist auch das diesjährige Motto des Festivals.

Wir haben lange überlegt, sollen wir das jetzt wirklich «Kindheit» nennen, was denken sich die Leute dabei? Aber für mich ist es ein Appell an die Erwachsenen: seid kindischer.

Sie meinen damit keine Papierschlangen im KKL.

Nein, aber es gibt eine kindliche Naivität und den Glauben, dass alles gut sein kann. Als Erwachsene sind wir sehr vorsichtig und pragmatisch. Natürlich kann man nicht einfach tun, wie man will. Aber in einem Festival kann man es doch: Diese besondere Welt wieder in den Vordergrund schieben – auch für unser Publikum. Das ist für mich das Schöne an diesem Thema.

Ihr Vater Ernst Haefliger war ein international berühmter Tenor. Haben Sie als Kind seine Auftritte miterlebt?

Wir sind regelmässig zuhören gegangen. In die Deutsche Oper Berlin, die Passionen und seine Liedrezitale. Doch doch, wir haben viel miterlebt.

Sie spielten selbst Geige. Aus Eigeninitiative?

Ich denke, es war ein Joint Venture – zwischen meinen Eltern und mir (lacht). Die Musik wurde mir nahegelegt, und die Geige hat auf mich den stärksten Eindruck gemacht. Beim Klavier sind die Töne da. Bei der Geige muss man das Gefühl in den Fingern entwickeln und im Kopf. Aber es ist schon mühsam, bis der Ton gut ist. Und ich war jetzt auch niemand, der sich darum gerissen hat, acht Stunden am Tag zu üben.

Als Jugendlicher waren Sie an der New Yorker Kaderschmiede Juilliard School. Hatten Sie eine unbeschwerte Kindheit?

Es war eine intensive Kindheit. Man hat einfach sehr viel gearbeitet. Man hatte die Schule, wöchentlich dreimal Geigenstunde, zweimal Klavierstunde, und dann ging man nach Amerika. Das war sehr kompetitiv.

Aus dem Archiv: Der junge Michael Haefliger (ganz links) im Kreise seiner Familie, in der Mitte Vater Ernst Haefliger (1919– 2007), der Opernsänger war.

Aus dem Archiv: Der junge Michael Haefliger (ganz links) im Kreise seiner Familie, in der Mitte Vater Ernst Haefliger (1919– 2007), der Opernsänger war.

Fast wie Spitzensport.

Ich weiss nicht, ob ichs nochmals machen würde. Auf der anderen Seite hat mir gerade das Studium in Amerika den Horizont sehr geöffnet. Dort wurde ein Niveau gesetzt, wo die Dimensionen an der Welt gemessen wurden.

Musikalisch oder politisch?

Es war ein internationaler Ort mit Koreanern, Japanern, vielen Europäern. Da galt: Wenn man Karriere macht, dann weltweit und nicht lokal. Das ist, was Amerika gut kann. Das zeigt sich auch an den dortigen Brands.

Sie habe von der Geige ins Management gewechselt. Normalerweise sagen Eltern: Kind, lerne erst einen richtigen Beruf. Hat Ihr Vater damals umgekehrt gesagt: Werde zuerst Musiker?

Als ich gesagt habe, ich kann mir das Leben anders als mit der Geige vorstellen, ohne diese Einsamkeit, ohne das Isoliert-Sein – denn die extreme Fokussierung hat mir, persönlich betrachtet, nicht gutgetan –, war das für meinen Vater tatsächlich eine Herausforderung. Meine Mutter hat Kunst zwar bewundert, aber für sie war es ein Beruf. Das hat mir geholfen.

Kann man Intendant-Sein üben wie ein Geigenkonzert von Tschaikowsky?

(lacht) Bei mir fing das relativ improvisiert an. Wahrscheinlich hatte ich eine Veranlagung dazu, die ich mit einem Studium in St. Gallen vertieft habe. Aber die Praxis zählt sehr viel.

Sie haben 25-jährig das Davoser Festival Young Artists in Concert gegründet.

Ich hatte dort die Möglichkeit vieles auszuprobieren. Als ich vor 20 Jahren zum Lucerne Festival gekommen bin, konnte ich darauf aufbauen. Die Aufgabe hiess: Mach etwas mit dem KKL. Das war hoch spannend. Wir konnten neue Projekte entwickeln, die jetzt zum festen Bestandteil des Festivals zählen.

Macht es Ihnen Sorgen, dass heute überall in der Kultur gespart wird?

Ja, die aktuelle Situation in Luzern ist für uns Kulturveranstalter eine grosse Herausforderung. Wir sind wie im Tunnel und sehen am Ende kein Licht. Man spürt zurzeit kaum Unterstützung. Das ist eine Katastrophe, weil man in umliegenden Kantonen sieht, was möglich ist.

Infolge der kantonalen Beitragskürzungen stand vor zwei Jahren das Lucerne Festival in der Kritik. Es hiess: Musikschulen würden geschlossen, während das Festival die grössten Orchester einlade.

Der Vorwurf fiel im Umfeld der Salle Modulable. Aber das betrifft uns auch jetzt. Ich sehe nicht, wie das Festival wachsen soll, wenn es auch jetzt nicht mehr Unterstützung vonseiten der öffentlichen Hand gibt.

Obwohl das Festival mit 5 Prozent wenig Subventionen erhält.

Wir sind uns bewusst, dass das nie in grossen Dimensionen sein kann. Aber wenn man bedenkt, dass das Opernhaus in Zürich 80 Millionen bekommt ... während wir intern um jede Verbesserung kämpfen wie um eine neue Software für den Kartenverkauf.

Wenn ich fragen darf: Was kostet so ein Abend mit den Wiener Philharmonikern?

Genügend. (lacht)

Das war sehr diplomatisch.

Wir haben klare Richtlinien, was wir nach aussen tragen.

Können Sie einen Durchschnittspreis für ein Orchester nennen?

So ein Orchester bewegt sich in der Grössenordnung zwischen 100'000 und 250'000 Franken.

Wenn Sie sparen müssten, wo würden Sie beginnen?

Grundsätzlich würde ich zuletzt bei der Kunst sparen. Sie ist das Wichtigste. Das, was nach aussen ausstrahlt und wo unser Publikum lebt. Ich würde versuchen, in allen Bereichen zu schauen. Weniger ist manchmal mehr.

Sie haben grosse Firmen als Sponsoren. Heute herrscht ein gewisses Unbehagen gegenüber Grosskonzernen und deren CEOs.

Die Chefs, die ich kenne, zeigen ein starkes Kulturbewusstsein und Engagement. Sie wissen, was es bedeutet, dass ihre Firma sich engagiert. Dass es nicht um rein kommerzielle Interessen geht und dass das auch ein Beitrag an die Schweiz ist. Natürlich spürt man aber, dass diese Personen heute viel stärker gefordert sind als früher. Das ist sehr anspruchsvoll. Ich beneide sie oft nicht.

Stichwort «Ansprüche»: Was dürfen Sie als Intendant bestimmen? Sagen Sie: Liebe Berliner Philharmoniker, wir haben das Thema «Kindheit». Könntet Ihr bitte dieses und jenes Stück für uns vorbereiten?

Ja, das machen wir. Wir schicken den Orchestern Vorschläge.

Entwerfen Sie auch gemeinsam mit den Künstlern Konzerte?

Mit Simon Rattle haben wir uns oft hingesetzt. So entstanden die Zusammenarbeit mit der Lucerne Festival Academy und das Programm mit Stockhausens Werk «Gruppen». Das hat eine zentrale Bedeutung für mich. Dass man mit einem tollen Dirigenten gemeinsam das Festival planen kann.

Ist dieses Konzert einer Ihrer Favoriten?

Neben dem Festival Orchestra natürlich. Da erweitern wir nach dem Mahler-Zyklus mit Abbado nun das Repertoire, dieses Jahr mit Tschaikowsky, Ravel und Strawinsky. Riccardo Chailly bietet mit seinen Kenntnissen alle Möglichkeiten dazu. Auch die Berliner mit dem neuen Chefdirigenten Petrenko werden ein Höhepunkt sein. Oder die Wiener Philharmoniker mit Welser-Möst. Und Andris Nelsons mit dem Boston Symphony Orchestra.

Was ist Ihre Stärke als Intendant?

Dass ich letztendlich immer wieder Ideen habe, Dinge entwickeln kann. Und dass ich versuche, das einigermassen sauber hinzubekommen. Alexander Pereira sagte immer so schön: «Ich wurschtle mich durch.» Das ist bei mir schon auch der Fall. Man kämpft an allen Fronten, man kriegt auch aufs Dach.

Braucht es eher ein Talent zum Wurschteln oder zum Aushalten?

Ich nehme eine Situation nie als gegeben, sondern versuche, das Heft in die Hand zu nehmen. Manchmal mache ich die Leute auch ein bisschen nervös, weil ich nicht zufrieden bin. Ich glaube, das ist wichtig. Gerade als Chef nicht zu sagen: Es ist, wie es ist. Sondern: Es ist nicht, wie es ist. Wir machen es besser.

Dürfen sich Ihre Sponsoren die Konzerte aussuchen?

Das ist ein sehr intensiver Prozess bei rund 20 Sponsoren und etwa 30 Stiftungen. Da stehen oft auch Daten im Vordergrund: Der eine Sponsor will am Freitag, der andere am Montag.

Sie sind befreundet mit Urs Rohner und mit Walter Kielholz, den Verwaltungsratspräsidenten von Credit Suisse und Swiss Re. Worüber unterhalten Sie sich privat: Über Musik oder über Management?

Man redet natürlich über das Festival, wie es läuft, wo die Sorgen sind. Auch sonst reden wir viel über Kunst. Nicht unbedingt nur über das Festival. Aber die Kunst ist schon sehr wichtig.

Gibt es Konzerte, wo Sie ahnen: Das ist ein typisches Konzert zum Beispiel für Roche?

Mit Roche haben wir natürlich das tolle Projekt «Roche Commissions», wo wir alternierend einen Kompositionsauftrag an eine berühmte Persönlichkeit – dieses Jahr Péter Eötvös – oder zwei junge Komponisten herausgeben. Die Werke werden dann mit der Lucerne Festival Academy erarbeitet.

Auffallend zeitgenössische Musik und junge Interpreten – weil für Firmen wie Roche Entwicklung und Forschung in die Zukunft gerichtet sind?

Absolut. Darum verbringen die Komponisten einen ganzen Tag bei Roche und treffen sich mit Forschern. Sie lernen auch den CEO kennen. Das ist richtig toll. Und es ist ein Beitrag an die Gesellschaft: Forschung und neue Kompositionen. Die Entstehung von Neuem.

Klassik wird sonst eher wegen zu wenig Neuerung kritisiert. Aber aktuell begeistern klassische Open Airs Hunderttausende. Ist das Open Air die Zukunft der Klassik?

Man wird sich immer bewusster, was es bedeutet, wenn so viele Menschen aus unterschiedlichen Backgrounds ein klassisches Konzert erleben und sich mit der Musik verbinden in einer sehr entspannten Art und Weise.

Auch am Lucerne Festival gibt es Open-Air-Events.

Am Eröffnungstag veranstalten wir auf dem Europaplatz ein Konzert mit jungen Musikern, und später zwei Konzerte «in den Strassen». So etwas ist ganz, ganz wichtig. Und man muss nicht meinen, man verliere dadurch an Image oder Exklusivität. Die klassische Musik muss sich überlegen, wie die Formate sich entwickeln, wie der Kontext ist. Allerdings sind wir hinsichtlich der klanglichen Qualität an tolle Säle gebunden.

Also das Gegenteil vom Open Air.

Klassische Häuser müssen zu Orten werden, an denen man sich auch so trifft. Southbank in London ist für mich so ein Beispiel. Das gibt ein ganz anderes Gefühl.

Ob Ärzte, ob Professoren, Fachspezialisten kommen gerne in die Schweiz. Weil wir als Standort Schweiz mehr finanzielle Möglichkeiten haben. Gilt das auch für Orchester?

Am Lucerne Festival trifft sich die Weltklasse. Die Orchester denken: Wir sind dabei und wollen unser Bestes geben. Denn unsere künstlerischen Partner nehmen wahr, dass wir nicht nur Konzerte runterlaufen lassen, sondern uns intensiv einbringen. Wir stecken viel Arbeit und Überlegung und Zeit hinein. Man könnte sagen, das ist Luxus, das streichen wir, aber dann würde das Festival seine künstlerische Ausstrahlung verlieren.

Sie haben Ihre Intendanz gerade bis 2025 verlängert. Was wollen Sie bis dahin erreichen?

Das Lucerne Festival ist ein internationales Festival. Zum einen, weil das Publikum international ist. Zum anderen, weil wir internationale Projekte machen. Wir waren letztes Jahr mit dem Festival Orchestra auf einer grossen Asientournee, die Academy war zweimal in der Elbphilharmonie. Und im Oktober haben wir eine Residenz in Schanghai, wo wir mit dem Festival Orchestra fünfmal auftreten. Das wollen wir weiterführen. Wir haben einen Drang nach aussen.

Luzern ist überall?

Als diese internationale Marke? Ganz klar.