Friedrich Engels soll im März 1883 am Londoner Grab seines Freundes Karl Marx gestanden und gesagt haben: «Sein Name wird durch die Jahrhunderte fortleben – und so auch sein Werk.» Ganz falsch lag Engels damit nicht. Denn mindestens der erste Band von Marx’ mehr als 2000 Seiten dicker Schrift «Das Kapital» gibt auch heute noch zu reden.

Marx investierte fast vier Jahrzehnte in die Recherchen für das Buch, das er 1867 schliesslich veröffentlichte. Sein Ziel: eine Analyse der wirtschaftlichen Verhältnisse im industrialisierten Europa und der Ausbeutung der Arbeiter durch kapitalistische Unternehmer. Er selbst schrieb in einem Brief an einen Freund, sein Buch sei «das furchtbarste Missile, das den Bürgern noch an den Kopf geschleudert worden ist». Dass man es den Leuten und vor allem den Arbeitern aber an den Kopf schleudern und ihnen die Augen für das ausbeuterische System öffnen müsse, das stand für ihn ausser Frage.

Wie aktuell Marx’ Analyse noch ist, an dieser Frage scheiden sich die Geister. Der Publizist Martin Schuck etwa schreibt, Marx habe wie kein anderer Deutscher der Neuzeit die Welt verändert. Andere sind in ihrem Urteil weniger grosszügig.

Marx’ gefährliche Interpreten

Getrübt wird der Blick auf Marx’ Hauptwerk nicht zuletzt durch die fatalen Gesellschaftsexperimente, die im 20. Jahrhundert mit Verweis auf seine Schrift unternommen worden sind. Klar: Das «Kapital» hat die Arbeiterbewegung beflügelt und die antikolonialen Befreiungsbewegungen vor allem in lateinamerikanischen Schwellenländern mit theoretischen Argumentarien versorgt. Handkehrum aber haben sich diktatorische Herrscher wie Stalin oder Mao an Marx’ Werk vergriffen und ihre brutale Politik mit Verweis auf dessen Analysen gerechtfertigt.

Meisterdenker der Ökonomie:

«Der Marxismus endete oft in Dogmatismus, weil man das ‹Kapital› für eine Prognose des Zusammenbruchs des Kapitalismus nahm», erklärt der deutsche Journalist und Marx-Kenner Mathias Greffrath. Marx’ Werk als Prognose zu verstehen, sei aber falsch. «Er beschreibt das kapitalistische System, wie es ohne politischen Widerstand funktionieren würde.»

Genau diesen Widerstand machte Marx möglich, indem er der Arbeiterschaft einen analytischen Teppich ausrollte, auf dessen Basis sie ihren Protest gegen die bestehenden Verhältnisse formulieren konnte. 1869 trat die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands auf die politische Bühne mit dem Ziel, Marx’ Erkenntnissen mehr Geltung zu geben. Der Einfluss auf die europäische Arbeiterbewegung wuchs. Spätestens in den 1880er-Jahren wurden seine Ideen auch in der Schweiz breit diskutiert.

Einer der fleissigsten Marx-Leser hat die Schweiz im April 1917 Richtung St. Petersburg verlassen: Wladimir Iljitsch Lenin, der russische Revolutionär, der zuvor für rund ein Jahr in Zürich gelebt hatte. In seiner Heimat dachte er Marx’ Analyse unter den «neuen Verhältnissen des Klassenkampfes» weiter und erhob den Leninismus in den 1920er-Jahren zur Staatsdoktrin in der Sowjetunion. Anders als Marx war Lenin der Auffassung, dass die notwendige Revolution gegen die kapitalistischen Verhältnisse nur möglich sei, wenn das revolutionäre Bewusstsein von aussen an die Arbeiterklasse herangetragen werde. Alleine seien die Arbeiter nicht in der Lage, ein Klassenbewusstsein zu entwickeln und die Revolution loszutreten.

Genau dafür war es in Lenins Augen höchste Zeit. Er wähnte sich in der imperialistischen Endphase des kapitalistischen Zeitalters und wollte in der Sowjetunion einen Aufstand anzetteln, der sich zur Weltrevolution hätte ausdehnen sollen. Den Begriff «Marxismus-Leninismus» prägte Lenins Nachfolger Stalin, der die Verschärfung des Klassenkampfes vorantrieb und seine Säuberungsaktionen und seine Politik, der Millionen Menschen zum Opfer fielen, mit Verweis auf die marxistische Lehre rechtfertigte – genau wie das ab 1949 auch Mao in China tat.

Allerdings muss man Marx vor dem vorschnellen Fingerzeig in Schutz nehmen. Genauso wenig, wie Nietzsche mit seiner Übermensch-Konzeption die Nazis mit theoretischer Munition beliefern wollte, hatte Marx im Sinn, den Terrorregimen der Sowjetunion oder der Volksrepublik China einen ideologischen Steilpass zuzuspielen. «Marx hätte Lenin, Stalin und Mao scharf kritisiert», sagt Greffrath.

Weideflächen und Google-Wissen

Und heute? Die Sowjetunion ist passé und China eine kapitalistische Grossmacht. Einzig Staaten wie Nordkorea, Venezuela oder Kuba halten noch an marxistischen Ideologien fest. Haben Marx und die Lehren des «Kapitals» also ausgedient?

Keinesfalls, betont Mathias Greffrath. «Marx’ Analyse ist vielleicht sogar aktueller denn je.» Mit Blick auf moderne Megakonzerne wie Amazon und Google sei dessen Beschreibung der «ursprünglichen Akkumulation», also der gewaltsamen Einzäunung dessen, was einst allen zur Verfügung stand, wieder topaktuell. Zu Marx’ Zeiten eigneten sich kapitalistische Unternehmer Weideflächen, Gold oder Rohstoffe gewaltsam an. «Heute lebt Google von der Aneignung des Menschheitswissens, Amazon beutet die Infrastrukturen aus, die von der Allgemeinheit finanziert wurden, und die Produktionsalgorithmen, die Microsoft verkauft, beruhen auf von der Öffentlichkeit finanzierter Forschung.» Der Raub am Allgemeinbesitz, sagt Greffrath, habe nie aufgehört.

Nicht zuletzt wegen solcher Erkenntnisse lohne sich die «Kapital»-Lektüre bis heute. «Ökonomen erlangen ein tieferes, historisches und moralisches Verständnis ihres Gegenstands. Historiker erhalten Aufschluss über die ökonomische Basis politischer, sozialer und kultureller Prozesse. Leser können mit dem ‹Kapital› den Warenfetischismus und den Konsumismus besser kritisieren», sagt Greffrath. Wenn Marx das Buch heute nochmals schreiben würde, dann liesse er die ersten dreieinhalb Kapitel – die er selbst in seiner Einleitung als ziemlich sperrig bezeichnete – wohl weg. Ansonsten aber würde der Autor des Jahrhundertwerks kaum anders schreiben. «Das schrumpfende Wachstum, das Elend im globalen Süden, die ökologischen Zerstörungen: All das taucht am Horizont der Analyse des ‹Kapitals› auf und wird in diesem Jahrhundert zur Wirklichkeit», sagt Greffrath.

Die üblen Seiten des Kapitalismus hinter sich lassen, das werde man mit den aus der Lektüre gewonnenen Erkenntnissen wohl noch nicht, glaubt der Marx-Kenner. Aber es wäre doch immerhin löblich, «wenigstens im Denken nicht unter unseren Möglichkeiten zu bleiben».