Ennio Flaianos 1947 erschienener Abessinien-Kriegs-Roman «Tempo di Uccidere» erzählte in Bildern von hypnotischer Langsamkeit die Geschichte eines italienischen Leutnants, der, geplagt von Zahnschmerzen, auf der Suche nach einem Zahnarzt durch die vom Krieg versehrte, flirrend-heisse äthiopische Landschaft irrt. Die dunkle, wiederholt mit Albert Camus’ existenzialistischem Meisterwerk «Der Fremde» verglichene abessinische Odyssee machte ihren Verfasser schlagartig berühmt – und bescherte ihm seinerzeit den damals neu geschaffenen Premio Strega – Italiens höchste literarische Auszeichnung.

Mussolinis Eroberungskrieg

Doch das italienische Trauma, das den Hintergrund seiner Geschichte bildete, nämlich der 1935 von Benito Mussolini völkerrechtswidrig in Äthiopien begonnene Eroberungskrieg, in dessen Verlauf 750'000 Menschen unter Einsatz von Senfgas ihr Leben liessen, erlebt erst jetzt – 83 Jahre später – seine grosse literarisch-politische Aufarbeitung. Und es sieht so aus, als sei der römischen Schriftstellerin und Drehbuchautorin Francesca Melandri mit ihrem 604-seitigen Epos «Alle, ausser mir» der Roman zur Zeit geglückt. Denn in Zeiten immer grösserer Flüchtlingsströme nach Europa zeigt ihr auch literarisch erstklassiges Buch, dass Geschichte nie zu Ende ist – und was geschieht, wenn ihr langer Schatten die einstigen Macher Generationen später einholt.

Francesca Melandri, die sich bereits mit Vorgängerromanen wie «Eva schläft» (2011) und «Über Meereshöhe» (2012) als hellwache Chronistin gesellschaftlicher Umbrüche erwies, inszeniert ihre Aufarbeitung des italienischen Äthiopien-Traumas vordergründig als klassischen Familienroman über drei Generationen. Und noch ahnt ihre Protagonistin, die 46-jährige Lehrerin Ilaria, nicht, was auf sie zukommt, als eines Tages ein junger Äthiopier vor ihrer Wohnungstür sitzt und behauptet, mit ihr verwandt zu sein. Doch als der junge Afrikaner ihr seinen Pass zeigt, der auf den Namen seines Grossvaters Profeti, ihres Vaters, ausgestellt ist, lässt Ilaria sich auf seine Geschichte ein – und beginnt zu forschen.

Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti, ihr angeblicher Neffe, ist einer von der anderen Seite des Mare Nostrum – ein junger, durch die Flüchtlingswirren herübergewehter, heimatlos gewordener Knabe, der als politischer Flüchtling in Lagern im Sudan und in Libyen festsass, ehe ihm die Weiterreise nach Italien gelang. Nun steht er vor Ilarias Tür. Und mit ihm die lange verdrängte dunkle Vergangenheit ihres Vaters, seines Grossvaters.

So wandelt sich Melandris Familiengeschichte, die im Jahr 2010, zu Zeiten Berlusconis spielt, in einen brandaktuellen Roman über Rassismus, Ausgrenzung, Schuld und kollektives Verdrängen. «Bis heute ignorieren die Italiener dieses Kapitel ihrer Geschichte», erklärte die Autorin in einem Interview, «weil es immer noch mit dem Faschismus assoziiert wird. Denn jetzt leben wir doch in einer Demokratie! – sagen sie. Was geht uns das alles noch an?»

Woher kommt der Rassismus?

Francesca Melandris Roman fragt danach, woher der grassierende Rassismus in Italien rührt. Woher kommt der Hass auf alles Fremde? Und sie führt vor, dass die Antworten auf diese und ähnlich brennende Fragen vor allem in Italiens nie aufgearbeiteter Vergangenheit zu finden sind. Denn der Fall ihres Vaters Attilio Profeti, der 1935 als junger faschistischer Soldat nach Äthiopien ging und kämpfte und dort wie viele andere Italiener eine Familie gründete, deren Nachkommen jetzt zu Hunderttausenden übers Mittelmeer nach Europa drängen, ist stellvertretend für Zahllose und jene unmenschliche Kolonialpolitik, die Mussolini einst praktizierte, um in Afrika sein Profil als furchtloser Eroberer zu schärfen.

«Ja, wir hatten Kolonien und, ja, wir hatten den Faschismus – aber eigentlich sind wir anständige Leute!» Diese Aussage ihrer Landsleute sei ihr im Zuge ihrer Recherche für ihr Buch immer wieder begegnet, sagt Melandri. Und genau damit räumt sie nun schonungslos auf: mit dem Mythos der brava gente – der anständigen Italiener.

Dunkles Familiengeheimnis

Attilio, Jahrgang 1915, hatte, wie so viele seiner damaligen Mitstreiter in Afrika, seinen italienischen Kindern die dort geschlossene Ehe mit einer Äthiopierin und die daraus hervorgegangenen afrikanisch-italienischen Nachkommen immer verschwiegen. Und nun, da er über neunzigjährig dement geworden seinem Verlöschen entgegendämmert, ist es an Personen wie Ilaria, mit der «afrikanischen Vergangenheit», seinen Lügen und Vertuschungen aufzuräumen. Sie müssen begreifen, dass es sehr wohl eine gemeinsame Geschichte zwischen Italien und Afrika gibt. Und dass die sogenannten Fremden, denen sie feindlich begegnen, in Wahrheit Mitglieder ihrer eigenen Familien sind.

«Nur wenige Italiener wissen davon», sagt Francesca Melandri. «Doch immer mehr, vor allem junge Leute, beginnen, Fragen zu stellen.» Francesca Melandri ist neben Elena Ferrante eine von ihnen, die zeigt, wie kollektive Schuldverdrängung ein Land seiner Identität beraubt – und dass nur jene eine Perspektive für die Zukunft haben, die bereit sind, sich schonungslos ihrer Vergangenheit zu stellen – und damit auch den Taten der Väter.

Mit ihrem fesselnden Buch hat Francesca Melandri die Büchse der Pandora namens «Kolonialismus» endlich literarisch geöffnet. In Form eines Romans, der denen, die heute in Schlepperbooten auf dem Mittelmeer auf eine Zukunft in Europa hoffen, endlich eine Stimme gibt. Wer also wissen will, wie Rassismus auch entsteht, der sollte, nein: Der muss dieses Buch lesen! Denn es ist auch ein Aufschrei gegen die europäische Abschottungspolitik, die wir im Moment erleben, und gegen das Sichern der sogenannten Aussengrenzen gegen unerwünschten Besuch.

«Italien ist ein Sumpf geworden» heisst es bei Elena Ferrante dazu, «und wir sind alle drin gelandet». Doch Europa ist mehr als nur Italien. Was also ist mit Ländern wie Frankreich, Russland, den Niederlanden und Spanien? Es ist an der Zeit, auch deren lange verdrängte Kolonial-Geschichten zu hören! Sie könnten unsere europaweit fremdenfeindliche Gegenwart verändern.

Francesca Melandri, «Alle, ausser mir». Roman. Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Wagenbach-Verlag, 2018. 608 Seiten.