Sieben hohe Cs nacheinander. Das sind die höchsten Töne, die ein Tenor treffen kann und die hat sich der junge Tenor Esewu Nobela in der Rolle von Tonio aus der Oper «La fille du Régiment» vorgenommen. Er wird dafür die physikalischen Grenzen seiner Stimme ausreizen. Für diesen Auftritt ist Nobela aus Südafrika in die Schweiz geflogen, um mit 17 weiteren Sängerinnen und Sängern aufzutreten.

Gemeinsam singen sie alles, was die Oper zu bieten hat. Arien von Puccini, Mozart, Händel, Wagner, Rossini, Verdi, Donizetti und vielen anderen. Vor nur drei Wochen trafen sich die Sänger in Sigriswil, im Berner Oberland, zur Probe. Am Mittwoch feierten sie bereits Premiere und am Samstag treten sie gemeinsam im Stadtcasino Basel auf.

Für diesen Probe-Marathon kommen die 18 Sänger aus Mexiko, Israel, Deutschland, Südafrika, der Slowakei, der Ukraine, der Schweiz, kurz: aus der ganzen Welt. Und trotzdem haben sie eine Gemeinsamkeit: Sie wollen renommierte Opernsänger werden. Dafür haben sie sich im Berner Oberland getroffen, in der Internationalen Opernwerkstatt der erfahrenen Opernsängerin Verena Keller.

Drei Wochen haben sie dort unter der Leitung von vier professionellen Korrepetitoren und Verena Keller ihre Stimme auf Hochtouren zum Vibrieren gebracht, damit ihr Auftritt den gewünschten Effekt erzielt: den Sprung in die etablierte Opernszene. Im Publikum sitzen nämlich Intendanten der Wiener Staatsoper oder der Bregenzer Festspiele, aber auch Agentur-Vertreter. Die Opernwerkstatt ist so gesehen ein indirektes Casting.

Basler Opernintendantin zu Gast

Am Samstag wird auch die Basler Operndirektorin Laura Berman mit ihrem Kollegen Stephen Delaney, dem Leiter des Basler Opernstudios Oper Avenir, unter den Zuschauern sitzen. Auch Berman ist die Werkstatt bekannt als eine aussergewöhnliche Talentschmiede. Und für sie ist klar: «Wenn wir jemanden besonders interessant finden und eine entsprechende Stelle am Theater Basel zu besetzen ist, ist ein Engagement durchaus denkbar», teilt sie der bz in einer Mail mit.

Die Werkstatt ist eine grosse Chance, denn: «Hochbegabte Sänger haben es schwierig. Wenige finden einen sofortigen Einstieg», sagt die Leiterin Verena Keller in einem Telefongespräch gegenüber der bz. Bis ein Sänger in einem Opernensemble fest angestellt wird, übt er verbissen und ehrgeizig. Jeden Tag, jahrelang.

Sänger seien Hochleistungssportler, die den Wettkampf nicht scheuen, sagt Keller. Nach dem Studium nehmen viele junge Sänger an internationalen Wettbewerben teil, um dort den Sprung in die professionelle Opernwelt zu schaffen. Wettbewerbssieger erhalten Werkstipendien oder bekommen eine erste Rolle an einem renommierten Opernhaus. Das sind aber nur Wenige; die Meisten bleiben leer aus.

Einige Sänger der Opernwerkstatt hat Keller an solchen Wettbewerben getroffen. Sie besucht nämlich jedes Jahr Castings und hält dort Ausschau nach jungen Talenten. Seit 22 Jahren ist Keller als Talent-Entdeckerin unterwegs. 2002 wurden ihre Bemühungen mit dem Förderpreis des hessischen Kulturministeriums ausgezeichnet.

Damit die Werkstatt bestehen kann, erhält Keller Unterstützung von vielen Sponsoren. «Finanziell reicht die Subventionierung aber nicht für ein kostendeckendes Stipendium aus», sagt sie. Den Sängern werde die Unterkunft bezahlt, für ihre Verpflegung und Anreise nach Sigriswil müssen sie jedoch selber aufkommen.

Diese Investition lohnt sich für die Sänger. In den 22 Jahren haben es einige der Teilnehmer auf internationale Bühnen geschafft. Zum Beispiel die New Yorkerin Latonia Moore. Nach ihrem Auftritt mit den Werkstatt-Teilnehmern wurde Moore an der Staatsoper Dresden angestellt und kürzlich sang sie die Titelpartie von Aida in Zürich.

Antibiotika für die Stimme

Für die Fribourger Mezzosopranistin Annina Haug, die zu den jetzigen Teilnehmerinnen zählt, wäre ein solch erfolgreicher Anschluss an die Werkstatt ein Traum. «Wenn ich zu einer Produktion eingeladen würde, wäre ich überglücklich», sagt sie am Tag der Premiere. 13 Stunden Probe mit einer halben Stunde Pause hat sie hinter sich.

Unter solchen Belastungen leiden die Stimmbänder, sofern die Technik des Sängers nicht ausgefeilt ist. Falls sich einer die gefürchtete Erkältung einholt, helfen laut Keller nur noch Antibiotika. Haugs Stimme klingt am Telefon klar und kräftig. Ihrem Auftritt scheint nichts im Wege zu stehen — höchstens Lampenfieber. Und das habe sie.