Wer den deutschen Intellektuellen Navid Kermani schon einmal im Gespräch erlebt hat, kann nicht ohne Neid auf Martin Ebel blicken, wenn dieser heute Abend im Basler Volkshaus mit ihm über sein neustes Buch sprechen wird. Denn Kermani ist ein Künstler des Dialogs.

Es erstaunt daher wenig, dass das Brillanteste seiner Reisereportage nicht etwa die Naturbeschreibungen sind, sondern die zahlreichen Gespräche, die er mit dem Notizblock festgehalten und danach bestechend auf den Punkt montiert hat.

Für «Entlang den Gräben. Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan» ist der Autor weit gereist. Sei es in Deutschland, Polen, Litauen, in der Ukraine, Weissrussland, Russland, Georgien, Armenien, Aserbaidschan oder im Iran: Man hört die Menschen, mit denen Kermani sich unterhalten hat, förmlich sprechen, als würden sie neben einem auf dem Sofa sitzen.

Unterhalten hat sich der Autor mit sehr vielen Menschen, mit Städterinnen, Dorfbewohnern, Politikern, Geistlichen, Jungen, Alten, Regierungstreuen und Regierungskritischen. Da er die Reise im Auftrag des Magazins «Der Spiegel» antrat, war die Liste seiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner nicht nur sehr lang, sondern auch sehr prominent.

Darunter etwa Polens vielleicht berühmtester Intellektueller Adam Michnik, der Redaktor der Zeitung «Gazeta Wyborcza». Dass Kermani ebenfalls mit Pawel Lisicki, dem Chefredaktor der regierungsnahen Zeitschrift «Do Rzeczy» sprach, ist typisch für seinen Zugang. Obwohl erst nacheinander befragt, widersprechen die Menschen einander, und manchmal auch sich selbst.

Nah an der Wirklichkeit

Kermanis Fragen kreieren fesselnde Dialoge. Wie wurde Willy Brandts Kniefall im Osten aufgenommen? Welche Form von Gedenkstätten ist angemessen? Welche Rolle spielt Europa für die Menschen? Was bringt Menschen dazu, unter widrigsten Umständen an einem unwirtlichen Ort zu bleiben?

Es gelingt dem Autor, am Konkreten das Allgemeine aufzuzeigen. Wenn er beispielsweise berichtet, wie die Bewohner des Gebiets rund um Tschernobyl einen Unterschied zwischen essbaren und nicht essbaren Waldbeeren machen, obwohl alle Beeren kontaminiert sind. So zeigt er das Bemühen der Menschen, eine Region als Heimat behalten zu wollen, obwohl rational alles dagegen spricht.

Gespräche mit einem Nuklearbiologen aus Gomel, der 1999 verhaftet und später ins Exil abgeschoben wurde, weil seine Erkenntnisse unbequem waren, und der weissrussischen Autorin Swetlana Alexijewitsch zeigen die politische Dimension dieser Verdrängung.

Mit westdeutschem Blick

Mit Reportagen ist es wie mit Taschenlampen. Sie beleuchten bestimmte Dinge, während sie andere im Dunkeln lassen. Wer das Bedürfnis hat, einen westdeutschen Blick auf die Länder zu erhalten, möchte von der literarischen Qualität her keinen anderen auf dieser Reise wissen als Kermani. Er berührt, regt an, reisst mit. Aus ethnografischer Perspektive wirkt das Projekt aus zwei Gründen etwas sonderbar. Wegen des Tempos seiner Reise und des Fokus seiner Aufmerksamkeit.

So exquisit die Auswahl der Interviewpartner, so kurz ist die Zeit, die Kermani an den Orten verbringt, pro Land sind es nur einzelne Tage. Zehn Länder in 53 Tagen, das ist eine Speedreportage.

Hinzu kommt die Perspektive auf die Orte, die er bereist. Dass ihn Timothy Snyders aufwühlendes Buch «Bloodlands» über die Gräuel unter Hitler und Stalin stark geprägt hat, erzählt er. Zu einem grossen Teil reist Kermani entlang von Gedenkstätten, auf den Spuren von Verbannung, Vergewaltigung, Vertreibung, Kontamination und Krieg.

Man kann auch einen Körper hauptsächlich entlang seiner Brüche, Narben und Wunden beschreiben. Das gibt ein spannendes und expressives Buch. Aber selbst wenn man dabei transparent macht, welchen Fragen man folgt: Wird man dem Körper auf diese Weise gerecht? Die Verführung, gerade weil die Beschreibungen so klug sind, als Leser danach das Gefühl zu haben, diese Länder zu kennen, ist gross.

Dieser Mann kann erzählen

Dass Kermani im iranischen Isfahan mehr Zeit zur Verfügung hatte, macht diese letzte Passage des Buches besonders vielschichtig. Wenn am Schluss der Reise seine Tochter dort, in der Heimat seiner Eltern, Reitstunden nimmt, staunt man ungläubig darüber, dass das womöglich die gleiche Tochter sein könnte, deren Koliken als Baby ihren Vater 2002 zu dem zauberhaften Band «Das Buch der von Neil Young Getöteten» inspiriert haben. Das war doch erst gestern, denkt man.

Aber nein. In der Zwischenzeit hat Kermani fast zwanzig Bücher geschrieben, hat Reportagen über die Flucht entlang der Balkanroute verfasst und den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten. Spätestens seit seiner Auseinandersetzung mit der christlichen Ikonografie gilt der habilitierte Islamwissenschafter als Brückenbauer zwischen Islam und Christentum und über Deutschland hinaus als einer der bedeutendsten Gesprächspartner zu politischen Themen.

Selbst wenn Kermani als Nächstes in 54 Tagen eine vom «Spiegel» finanzierte Reportage über das Wesen von zwanzig verschiedenen Körperteilen schriebe (seine drei Brüder und sein Vater sind übrigens Ärzte), man frässe ihm aus der Hand. Denn, Hand aufs Herz, dieser Mann kann erzählen.