Wer hat sie nicht, jene Dinge, die einen über Jahre begleiten. Die wir hüten, weil sie Trophäen liebevoller Erinnerung oder einmaliger Begegnungen sind. Weil sie ein Interesse auslösten und für eigene Werte stehen. Weil sie geschenkt sind und ohne unser Zutun ihren Platz behaupten an den Rändern unseres Alltags und Denkens.

Roni Horn hat eine Auswahl solcher Dinge fotografiert. In «67 Inkjet Prints» legt «The Selected Gifts, 1974-2015» Fragmente aus eines autobiografischen Inventars – und damit auch den Mentalitätsraum ihrer Kunst. Die aktuelle Präsentation im Untergeschoss der Fondation Beyeler ist eine Vorwegnahme und ein Teaser. Sie geht der Einzelausstellung voraus, die das Werk der amerikanischen Künstlerin ab Oktober in seiner ganzen Breite auffächern wird.

Roni Horn.

Roni Horn.

Konzept und Sinnlichkeit

Schon kurz nach dem Besuch der Ausstellung bin ich mir nicht mehr sicher: Habe ich Kunst gesehen oder ganz direkt die Gegenstände, die erst durch die Reihe und Rahmung als Werk ausgewiesen sind? Roni Horn setzt viel daran, ihre gesammelten Gaben vor Ablenkung in Schutz zu nehmen. In hoher Auflösung, im Massstab 1:1 sind sie freigestellt und werfen kleine Schatten auf den einheitlich weissen Grund. Die Frage nach dem Werk und Wert der Kunst bleibt im objektivierenden Blick gebannt – zugunsten einer Neugierde, die sich ganz auf die Dinge selbst konzentriert. Darunter sind solche von naturkundlichem Interesse: das versteinerte Ei eines Dinosauriers, ein Stück ungeschliffenen Bernsteins, ein präparierter Schwan mit leuchtend rotem Schnabel.

Es gibt Verspieltes wie die janusköpfige Plastikfigur, die per Drehknopf ihr Rotkäppchen- gegen ein Wolfsgesicht tauscht. Kurios muten die Postkarten an, die ausschliesslich Eulen zeigen, während die Sammlung reproduzierter Wasserfälle eine Brücke schlägt zum japanischen Künstler – vielleicht Wahlverwandten – Tadanori Yokoo. Bücher schliesslich stehen für literarische Referenzen sowie für Horns immer wieder auftauchende Befragung sozialer und geschlechtlicher Identität: Sowohl im Roman «Orlando» von Virginia Woolf wie in «Funeral Rites» von Jean Genet steht nicht weniger auf dem Spiel als die Vorstellung über männlich und weiblich definierte Handlungsräume.

Zeugnis vom Eigensinn der Dinge

Selected Gifts ist eine durch und durch bibliophile Arbeit. Leise gibt sie Zeugnis vom materiellen und emotionalen Eigensinn der Dinge. Unaufgeregt scheint sie anzuknüpfen an ein frühneuzeitliches Sammeln, das in der akribischen Wiedergabe von Gegenständen Erkenntnisgewinn und Weltbezug gefunden hat.

In gleichbleibender Tiefenschärfe legen The Selected Gifts Spuren aus zur Autorschaft von Roni Horn. 1955 in New York geboren, arbeitet die Künstlerin seit den 1970er-Jahren in so unterschiedlichen Medien wie Fotografie, Text, Buch, Skulptur und Installationen. Immer sorgfältig dosiert, tastet das fotografische Oeuvre die Aussenwelt ab, um Spuren und Spiegelungen des Eigenen frei zu legen.

Viele ihrer materiellen und räumlichen Setzungen suchen dem Unbegreiflichen ein Echo zu sein und Möglichkeiten anzubieten, das Verhältnis zwischen Subjekt und Welt überhaupt fassbar zu machen. «Making being here enough» («Einfach hier sein und nichts weiter») hiess denn auch trefflich das Begleitbuch zur Ausstellung in der Kunsthalle Basel vor über
20 Jahren. «Ich möchte», schrieb Roni Horn damals, «den Unterschied zwischen dem Hiersein, ohne das Hier zu verändern, und einem Hiersein, das dieses Hier beeinflussen könnte, erfahren.» Solche Erfahrung könnte missverstanden werden: als Widerspruch gegen jeden leichtfüssigen Fortgang, gegen Mobilität und Beschleunigung. The Selected Gifts aber setzen gerade im Beharren auf Präsenz ein Erzählen in Gang. Ohne direkten Bezug auf den eigenen Körper konzentriert Roni Horn rund 40 Jahre ihres Schaffens in einem dinglichen Verweissystem. Nichts weiter: Und das ist schon sehr viel.

Roni Horn, The Selected Gifts, 1974-2015, im Souterrain der Fondation Beyeler. Am 1. Oktober eröffnet die weiterführende, grosse Roni Horn-Ausstellung. Bis 1. Januar 2017.