«Ich bin müde, und so langsam finde ich irgendwie alles, was passiert, logisch. Aber so einen Gedanken kann man nur haben, wenn man in Schwierigkeiten steckt – völlig unlogischen Schwierigkeiten.» Das sagt Tish, die in James Baldwins vorletztem Roman «Beale Street Blues» von ihrem Leben erzählt. Tish heisst eigentlich Clementine, und in der Eröffnungsszene des Romans besucht sie ihren Freund Fonny, eigentlich Alonzo im Gefängnis. Alonzo nennt sie ihn nur, wenn sie ihm etwas richtig Heftiges sagen muss. Und das ist der Fall: «Alonzo, wir kriegen ein Kind», sagt sie.

So logisch-unlogisch wie die Tatsache, dass die Leute sie nicht Clem oder Clementine nennen und ihren Freund nicht Lonnie oder Alonzo ist die Geschichte, die ihnen passiert. Tish und Fonny kennen sich von klein auf. Bei einem Streit nach der Schule hatte sie ihm einen Stock mit einem Nagel ins Gesicht gehauen und er ihr daraufhin ins Gesicht gespuckt. Doch dann wurden sie Freunde. So hat es sich ganz von selbst ergeben, dass sie, als sie um die zwanzig waren, ein Paar wurden. Alonzo ist Bildhauer, mit Tish will er aus Harlem weg in die weissen Quartiere von Manhattan ziehen.

Doch dort kommt es zu einer Konfrontation mit dem Polizisten des Stadtviertels. Das beherzte Einschreiten einer Ladenbesitzerin in Little Italy rettet Fonny davor, unschuldig verhaftet zu werden. Aber: «Der wird noch versuchen, mich dranzukriegen», sagt Fonny, «Weisse Männer haben es gar nicht gern, wenn eine weisse Lady ihnen sagt, ihr seid ein Haufen Arschlöcher, und der schwarze Typ hat recht, und leck mich am Arsch.» Er wird recht behalten. Fonny wird eine Vergewaltigung angehängt, obwohl die Beweislage völlig unhaltbar ist. Logisch-unlogisch eben.

Von 1974 stammt das Buch, das jetzt in einer Neuübersetzung wieder greifbar gemacht ist und sich so liest, als wäre es von heute. Noch nie seien so viele schwarze junge Männer in den USA ermordet worden wie 2015, schrieb die «Zeit» 2016 und berief sich auf eine gross angelegte Untersuchung. Junge schwarze Männer würden neunmal so oft Opfer von tödlicher Polizeigewalt wie der Durchschnitt der Bevölkerung und fünfmal so oft wie gleichaltrige junge Weisse. Den Untersuchungen zufolge stirbt einer von 65 jungen schwarzen Männern durch Polizeigewalt. 25 Prozent der getöteten Afroamerikaner sind unbewaffnet, bei den getöteten jungen Weissen sind es nur 17 Prozent. Seither hat die Polizeigewalt weiter zugenommen, auch wenn das Thema mit der irrlichternden Präsidentschaft von Donald Trump in den Hintergrund gerückt ist. Rechtsextreme Demonstrationen wie in Charlottesville 2017 zeigen, wie tief die Gräben sind.

Ein Roman wie ein Bluessong

Anlass für James Baldwin und seinen Roman war der Fall seines Freundes Tony Maynard, der eines Mordes angeklagt wurde, den er nicht begangen hatte, und sechs Jahre im Gefängnis verbringen musste. «Beale Street Blues» entstand aber auch unter dem Eindruck der 1960er-Jahre, als nach der Ermordung der Aktivisten Medgar Evers, Malcom X und Martin Luther King die Bürgerrechtsbewegung zersplitterte und sich nach der Beendigung des Vietnamkriegs eine konservative Konsolidierung abzeichnete. «Die Beale Street ist unser Erbe», schreibt Baldwin in einer Vorbemerkung zum Roman. Beale Street, eine legendäre Strasse in Memphis, wird dabei zum Bild für die Welt, in die Schwarze gedrängt werden, der Roman selbst zu einer Art Blues.

Lange hatte man James Baldwin für eine historische Figur aus der Zeit der Bürgerrechtsbewegungen abgetan. Doch seit einigen Jahren erlebt er in den USA eine spektakuläre Renaissance. Heutige Schriftsteller berufen sich auf ihn, ebenso die Bewegung #BlackLivesMatter (siehe Box unten). Der Dokumentarfilm «I Am Not Your Negro» (2016) von Regisseur Raoul Peck wurde für den Oscar nominiert. Er gründet auf einem unvollendeten Text des Schriftstellers. In Archivaufnahmen hält Baldwin im Film fest: «Die Welt war nie weiss. Weiss ist schlicht eine Metapher für Macht». Er betont, die Geschichte der Schwarzen Amerikas sei die Geschichte Amerikas, nicht bloss ein Nebenschauplatz. Die Weissen müssten herausfinden, warum sie den Nigger erfunden haben. «Ich bin kein Nigger. Ich bin ein Mensch», sagt er. Es sei unerlässlich, eine neue gemeinsame Identität anzustreben, denn «die Menschen, denen die Teilhabe verweigert wird, werden den amerikanischen Traum durch ihre schiere Anwesenheit zerstören».

Baldwin bezog sich nicht nur auf Rassismus. Vielmehr widersetzte er sich jeglichen Zuschreibungen und Kategorisierungen, auch jenen von Frauen oder Homosexuellen. «Ich begreife ‹schwul› als Verb», erklärte er einmal, und: «Ja, ich schlafe mit Männern, das ist etwas, was ich tue». Mit diesem Verständnis ist er sehr aktuell.

Ein Roman wie ein Gospel

Der deutsche Verlag dtv lanciert dieses Jahr die Neuausgabe von James Baldwins Texten in der Neuübersetzung von Miriam Mandelkow. Den Auftakt machte sein Debütroman «Von dieser Welt» (englisch: «Go Tell It on the Mountain») von 1953. Baldwins Widerstand ist seinem Werk von Anfang an eingeschrieben. «Alle hatten immer gesagt, John werde später mal Prediger, genau wie sein Vater», lautet der erste Satz des autobiografischen Debüts. Er eröffnet das Spannungsfeld zwischen Anpassung und Auflehnung, das sich durch den ganzen Roman zieht. «Von dieser Welt» spielt am 14. Geburtstag von Baldwins Alter Ego John. Am Morgen wagt sich der Junge mit dem bisschen Geld, das ihm die Mutter zusteckt, in eine Kinovorstellung im weissen Süden New Yorks, am Abend geht er in den Gottesdienst seiner Gemeinde und hat dort sein Erweckungserlebnis. Dazwischen, langen Beichten ähnlich, erzählen drei Figuren aus ihrer jeweiligen Perspektive von Johns Familie und der Bigotterie des tyrannischen Vaters – ein von Sklaverei, der Great Migration in den Norden, Sex und erdrückender «Sünde», der Drohung der Hölle und transzendentalen Versprechungen geprägter Gospel.

«Von dieser Welt» hat einen biblisch-apokalyptischen Ton und eine bildgewaltige Sprache. Baldwin lässt darin starke Frauenfiguren auftreten und mit Andeutungen einer homosexueller Liebe schreibt er Johns Erweckungserlebnis Dissidenz ein. Acht Jahre lang hat James Baldwin an seinem Debüt gearbeitet. Fertiggestellt hat er es in Leukerbad, in einem Chalet, das ihm sein zeitweiliger Schweizer Lebensgefährte zur Verfügung gestellt hatte.

Baldwin lebte zumeist im Ausland. Er brauchte die Distanz, um über die amerikanischen Verhältnisse zu schreiben. 1987 ist er 63-jährig in Frankreich an Krebs gestorben. Seine Romane sind formvollendet und zeitlos schön. Nicht zuletzt, weil sich der Glaube an die Liebe durch seine Texte zieht. Im Film sagt er einmal, Optimismus sei Leben.