«An diesem Sonntagabend im November war ich in der Rue de l’Abbé-de-l’Epèe. Ich ging an der grossen Mauer der Taubstummenanstalt entlang.» Mit diesen Worten begann Patrick Modianos im Jahr 2000 auf Deutsch erschienener Roman «Ruinenblüten». Er entrollte darin – ähnlich wie in vielen seiner vorangegangenen Bücher – die Geschichte einer ganz bestimmten Erinnerung: Ein Mann sitzt an einem heissen Augusttag in einem Pariser Café, lauscht den Klängen der Jukebox – und lässt sich in seinen Gedanken zurücktragen in eine folgenschwere Nacht des Jahres 1933: Ein junges Paar beging damals aus nur schwer durchschaubaren Gründen Selbstmord – und der Erzähler erweckt die versunkene Szenerie noch einmal mithilfe seiner fragenden Erinnerungen vor dem Auge des Lesers zum Leben.

Nun, 18 Jahre nach Erscheinen des Romans, stehe ich selbst in jener Rue de l’Abbé-de-l’Epèe aus «Ruinenblüten». Es ist ein heisser Augusttag, genau wie damals. Und hier, unweit des Boulevard de Beauville, scheint die Zeit tatsächlich stehen geblieben zu sein: Die Fassaden, die Toreingänge: All das atmet Vergangenheit. Und wie auf einer fotografischen Überblendung legen sich plötzlich Modianos Schilderungen über meine eigenen Wahrnehmungen, so, als stünde ich in den Kulissen seines Romans.

Wie vergilbte Stadtpläne

Es wird mir in den folgenden drei Tagen wiederholt so gehen, die ich auf den Spuren der Romane von Modiano durch sein Paris streife. Und es werden Expeditionen in bestimmte Abschnitte der vom ihm beschworenen Vergangenheit sein; zurück in jenes schattig-dunkle Vor- und Nachkriegs-Paris, dass der Nobelpreisträger von 2014 wie kein anderer lebender Autor in seinen Kurzromanen immer neu beschwört. Denn schreiben heisst für Modiano vor allem: erinnern! Seine Romane zu lesen, ist wie das Studium vergilbter, wieder ans Tageslicht geholter Stadtpläne von Paris; ein Blättern in staubigen Büchern und Fotoalben um «den Geheimnissen von Paris» auf die Spur zu kommen. Und damit jenen Verlorenen und Vergessenen, die einst seine Geschichte mit-schrieben: Wesen wie der geheimnisvollen «Dora Bruder» aus Modianos gleichnamigem Roman von 1997. Jenen «Unbekannten Frauen», welchen der Autor zwei Jahre später wendungsreich nachspürte. Oder auch jener «Kleinen Bijou», deren plötzliches Auftauchen aus der Vergangenheit Modiano 2001 zu einem seiner schönsten Bücher überhaupt inspirierte.

Folgt man den alten, in seinen Romanen ausgebreiteten weitverzweigten Stadt-Koordinaten, so ist es, als laufe man durch ein nächtliches Paris-Museum verlorener Leben. Denn immer ist es Nacht in den weitläufigen Erinnerungs-Korridoren, zu deren Durchquerung dieser Schriftsteller uns wiederkehrend einlädt.

Der Zauber wirkt

Als ich wenig später in der Rue de l’Arcade Nr. 42 stehe, wo Modianos 2015 auf deutsch erschienener Roman «Damit du dich im Viertel nicht verirrst» spielt, und mein Blick staunend an den krustig-braunen Fassaden über dem Café emporklettert, ist es genau wie am Morgen in der zahlreiche Metrostationen entfernten Rue de l’Abbé-de-l’Epèe: Der Zauber wirkt! Denn bei jedem Gutgekleideten, der wenig später das Café betritt, denke ich, es könnte jener geheimnisvolle Jean Daragane aus dem Buch sein, der den Ich-Erzähler dorthin bestellt, um ihm sein verloren gegangenes Adressbüchlein zurückzugeben. In der Rue de l’Arcade Nr. 42 trifft Daragane sich mit dem Unbekannten – und landet wenig später in einer ebenso dunklen wie faszinierenden Mordfallgeschichte.

Irgendwann verschlägt es mich, den Schauplätzen seines Romans «Ein so junger Hund» von 1993 folgend, in eines der zahlreichen Cafés auf Montmartre. Und plötzlich ist es, als werde sich jeden Moment die Glastür öffnen und René Menthe, jener charismatische, unvergessliche Homosexuelle aus Modianos frühem Roman «Villa Triste», eintreten, sich an die Bar stellen, einen hellen Port verlangen, um damit einmal mehr seinen Ekel angesichts der Leere und der Banalität des menschlichen Seins runterzuspülen.

Und ist jener junge, selbstvergessene Mann, den ich tags darauf humpelnd die Place des Pyramides überqueren sehe, womöglich jener Zwanzigjährige aus «Unfall in der Nacht» von 2003, den ein plötzlich aus der Dunkelheit auftauchender Wagen streift und leicht verletzt?

Und da drüben? Ist das nicht jene rätselhafte Madame Hubersen aus Modianos aktuellem Roman «Schlafende Erinnerungen», die trotz der Hitze, die die nächtliche Stadt unverändert im Griff hat, seit einer Stunde im Pelzmantel am Tresen sitzt und Schnaps trinkt?

Gestern oder heute?

Streift man, den Büchern dieses Autors, wie Stadt- oder Lageplänen folgend, durch das sommerheisse Paris, so ist es, als mischten sich nach und nach die Stimmen und Silhouetten all derer, die er in seinen Romanen wiederbelebt und zum Sprechen gebracht hat, mit all jenen, die in diesen Stunden meine Wege kreuzen. Denn vielleicht ist es ja genau das, was Patrick Modiano uns mit seinen Geschichten suggerieren möchte: dass Geschichte nie zu Ende ist, dass wir nur ein paar Schritte zurückgehen müssen, damit alles wieder da ist! Ob an der Place Saint- Michel, einem der Schauplätze seines Romans «Aus tiefstem Vergessen» oder vis-à-vis dem Unic Hotel in der Rue du Montparnasse, wo der Roman «Gräser der Nacht» 2012 passagenweise spielt. Ganz gleich wo – denn Modianos Paris ist überall gleich faszinierend!

Patrick Modiano «Schlafende Erinnerungen». Roman , 112 Seiten.

«Unsere Anfänge im Leben». Theaterstück. 110 Seiten. Beide: Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Hanser.