Es beginnt mit einem Unfall. Heinrich Übel Junior fährt mitten in der Nacht ins fiktive Fräcktal zum Vater zurück. Achtzehn Jahre zuvor hatte dieser den Sohn verstossen. «Mein lieber Abfall, du bist weit vom Stamm gefallen!», hatte Heinrich Übel Senior dem Sohn hinterhergerufen. Nun aber ist sich der Vater nach einem Sturz der eigenen Unverletzlichkeit nicht mehr so sicher. Deshalb ruft er den verlorenen Sohn zurück. Auch diesen ereilt ein Unfall. Auf der vereisten Brücke über den winterlich gefrorenen See rutscht er mit dem geliehenen Chevrolet und kracht ins Brückengeländer. «Der Wagen liegt auf der Fahrerseite. Ein Vorderrad dreht sich noch, ein paar Schneeflocken zu einer dünnen Flamme aufwirbelnd», schreibt Thomas Hürlimann in seinem neuen Roman «Heimkehr». Kurz darauf lässt er Übel Junior sagen: «Schon verwandelt sich die Kälte in Wärme, leicht fliesst der Atem, und habe ich je etwas Schöneres gesehen als diesen Strassenpfosten: vollendete Form, mit einer Kappe aus Schnee?»

Hochstimmung statt Angst

Auch Thomas Hürlimann hatte einen Unfall. «In einer schwierigen Phase meines Lebens hat es mich aus der Kurve getragen», sagt er seinem Lektor in den Presseunterlagen, die seinem neuen Roman beigelegt sind. «Es war zwei Uhr nachts, die Welt schlief. Ich wankte von der Brücke, wo es passiert war, ans Ufer und setzte mich zum Sterben hin. Aber was ich in diesem Moment erlebte, war nicht Angst, sondern eine absolute Hochstimmung. Ein simpler Strassenpfosten erschien mir traumhaft schön, als ideale Form. Ein hässliches Haus wurde zu einem Prachtschloss. Und erst die Sterne, der Himmel! Ich glaubte, über die Grenze in eine andere Welt zu schweben.»

Die Initialzündung für «Heimkehr» kam jedoch später. Thomas Hürlimann war von Egon Ammann, seinem letztes Jahr verstorbenen Verleger, nach Sizilien eingeladen worden. «Da verband sich der Unfall mit dem rauschenden sizilianischen Frühling, der Tod mit der Auferstehung», so Hürlimann.

2013 ereilte den Autor eine Krebsdiagnose. Damit kommt eine biografische Überschreibung hinzu. In einem Text mit dem Titel «Kurze Story meiner Auferweckung», der 2015 in der «Zeit» publiziert war, schildert Hürlimann, wie er nach der Operation erwachte und sich fragte, ob vielleicht ein Zettel an seinem grossen Zeh hing, er also gar nicht mehr lebte. Als er aus dem Spital kam «koste mich eine lieblich frische Luft», so Hürlimann weiter, aber der Lärm der Menschen war ihm unerträglich geworden. Ein Teil von ihm sei irgendwo im Spital verloren gegangen, schreibt Hürlimann: «Noch längere Zeit blieb ich im Innern der Kapsel, sinnlos durchs finstere All kreisend, unfähig zur Rückkehr ins alte Leben.» Eine Erfahrung, die ihn in dem Text veranlasst, über die Figur des heiligen Lazarus nachzudenken.

Wie sein Schöpfer findet sich Übel Junior in «Heimkehr» auf Sizilien wieder. Und wie Hürlimann hat er eine Narbe im Gesicht, die ihm den Respekt der Einheimischen verschafft («Auch ich habe mich gewagt dem Tod frontal zu stellen. Wir Männer tragen unsere Male im Gesicht», erklärt ihm ein Mafiaboss.) Doch Übel Junior ist sich selbst abhandengekommen. Er kennt nur noch seinen Namen und sein Geburtsdatum – es ist der 21. Dezember 1950, das Geburtsdatum Hürlimanns. Nur langsam dringen ihm Bruchstücke der verlorenen Erinnerungen ins Bewusstsein. Übel Junior versucht, zu rekonstruieren, was in der Unfallnacht geschehen war. Vor allem, wie er auf die Insel gekommen ist. Dieses Sizilien, wo die Menschen der Antike das Paradies verorteten und wo Odysseus dem Kyklopen einen Pfahl ins Auge rammte: die «Kernszene der sizilianischen Literatur» und «ihr tausendfach variiertes Thema, die Blendung».

Übel Junior bricht von der paradiesischen Insel auf, um die Löcher der Erinnerung zu stopfen. Aber er ist einer, der über Umwege zum Ziel gelangt. Er «scheitert sich hinauf», wie Hürlimann sagt. So zieht er zunächst in die falsche Richtung. Er hat auf Sizilien die Liebe kennen gelernt («Die! Keine andere. Sie ist es»). Auf den Spuren dieser Schönen reist er zunächst nach Malta und dann auf den afrikanischen Kontinent. Es ist der Anfang einer Odyssee, die ihn später zurück ins Milieu der «Salonlöwen der Zürcher TV-, Kunst- und Psychoszene» und dann in die DDR vor dem Mauerfall bringt. Zwei weitere Male setzt er zur Heimkehr zum Vater an.

Thomas Hürlimanns Roman ist ein Fest der Sprache. Der Text sprüht und funkelt mit Bildmacht, Witz und Selbstironie – denn natürlich schöpft Hürlimann, der sich auch als Autor von Theaterstücken («Das Einsiedler Welttheater») einen Namen gemacht hat, wie in seinen früheren Büchern «Der grosse Kater» (über seinen Vater Bundesrat Hans Hürlimann), «Vierzig Rosen» (über die Mutter) und «Fräulein Stark» (über sich selbst) aus seinem Familienleben. Der Vater in «Heimkehr» hat sich aus dem Nichts des «Verrecktals» als Gummifabrikant erschaffen («das väterliche Erfolgsprinzip: nicht mit sich selber diskutieren, mit sich selber diskutieren macht schwach, zupacken, handeln!»). Verkaufsschlager des «Gummistiers» waren die «Verhüterli», die allerdings durch den Siegeszug von Pille und Plastik verdrängt werden. Die Mutter, Elena Rosa Maria Übel-Katz, Mimi genannt, hat sich mutmasslich früh das Leben genommen und ihre Asche bei Sizilien ins Meer streuen lassen. Und Übel Junior verbrachte auf Kosten des Vaters zahllose Gastsemester an der Uni in Zürich, ohne jedoch den gewünschten Doktor zu erlangen. Dafür hat er einen ganzen «Papierpalast» erschaffen, in dem er versucht, sein Leben in alphabetische Ordnung zu bringen. Und auch ein Kater taucht wieder auf.

Anlehnung an Lazarus

Neben dem vordergründig humoristischen Ton lässt Hürlimann philosophische Themen anklingen. «Auf Sizilien hat Empedokles den Seelenwandel verkündet, Platon die Wirklichkeit der Ideen gelehrt, Goethe die Urpflanze gesucht, Pirandello Komödien geschrieben», sagt Übel Junior und genau diese Themen behandelt der Autor in seinem Roman. Ist das Leben ein Traum? Auch diese Frage stellt er. Und die Idee der ewigen Wiederkehr arbeitet der 67-Jährige mit refrainartigen Wiederholungen und Variationen der Geschehnisse in der Unfallnacht musikalisch in den Text ein. Grundmotiv dürfte jedoch die Figur des Lazarus sein, über die der Autor im erwähnten Artikel in der «Zeit» schreibt. Jesus hat diesen aus dem Grab geholt und ihm zu ewigem Leben verholfen – oder verdammt. «In der Leere dieser Gestalt wird die Leere einer Zukunft sichtbar, die alle Grenzen verwischt, die Grenze zwischen Jugend und Alter, zwischen Leben und Tod», schreibt er.

Nach zwölf Jahren auch krankheitsbedingter Stille ist Thomas Hürlimann ein Buch voller Heiterkeit, Poesie und Tiefgang gelungen, bei dem man sich dennoch fragt, ob er für sein Thema wirklich 500 Seiten brauchte. Eine Variation über Leben und Tod.