Schlichte Holztische, Sitznischen mit Retro-Sesseln, eine markante freistehende Bar, zeitlose Barhocker, höchstwahrscheinlich Max Bill. Das Innere des Café Plüsch ist so gekonnt gestaltet, dass man es gar nicht mehr wahrnimmt. Angenehme Ordnung herrscht im Raum, das Licht stimmt, leise World Music dringt aus unsichtbaren Boxen. Auf der Strasse vor der Fensterfront zirkeln Lastwagen und beliefern Wiedikon mit irgendwelchen Waren. Hier verbringt Thomas Meyer regelmässig ein paar Stunden und arbeitet am Laptop. Der 44-jährige Autor wohnt ganz in der Nähe und kennt das Café schon seit zwölf Jahren. Gerade hat er sich einen Tee bestellt.

Das Bild ist bekannt und wurde schon hundertfach erzählt: der Schriftsteller, der im Café das Treiben um sich herum beobachtet. Damit hat ein Aufenthalt im «Plüsch» für Thomas Meyer allerdings wenig zu tun. Es sind ganz pragmatische Gründe, die ihn hierher oder in andere Zürcher Cafés treiben: «Zu Hause werde ich zu sehr abgelenkt, da arbeite ich nicht gerne. Ein eigenes Büro ist teuer und zu einsam, es fehlt an Leben.»

Eine Bürogemeinschaft widerstrebt ihm ebenfalls: «Ich habe die soziale Dynamik in Büroteams nie gemocht. Es wird erwartet, dass man sich miteinander unterhält und teilnimmt», erzählt er. «An meinem Arbeitsort will ich das Persönliche draussen lassen, einfach schweigen und arbeiten. Viele Leute finden es aber komisch oder sind brüskiert, wenn man nicht interagieren möchte.» Es bleibt: das Café. Ein Ort mit menschlichem Grundrauschen, ohne soziale Verpflichtungen. Hier kann er sich ins Schreiben vertiefen.

Kein literarisches Konzept

Was dabei herauskommt, ist erstaunlich vielfältig. Auf seinen Erstling und Bestseller «Wolkenbruchs Reise in die Arme einer Schickse» folgte 2014 ein Roman über einen verrückten Preussenkönig. 2015 veröffentlichte Meyer «Einhundertvierundvierzig Einsichten», poetische, schmerzhaft-entlarvende Sentenzen zu unserem Zusammenleben. Viel Aufmerksamkeit fand 2016 sein Essay «Trennt euch!», ein Plädoyer für das Schlussmachen – laut Meyers Einschätzung sollten vier von fünf Partnerschaften beendet werden.

Historische bis zeitgenössische Stoffe, lange bis kürzeste Formen – Meyer bewegt sich äusserst wendig durch die Palette literarischer Genres. Braucht er diese Breite als Herausforderung, um weiterzukommen? «Ich suche das nicht und verfolge auch keine Strategie. Mir Dinge auszudenken, gehört zu meinem Alltag und passiert ständig – ich kann es weder begünstigen noch verhindern», erzählt Meyer, der vor seiner Autorenkarriere als Werbetexter gearbeitet hatte. «Die Ideen kommen einfach, ja ich ersaufe fast in ihnen.»

Spannender findet er die Frage, welche Idee er dann tatsächlich umsetzt: «Es ist wie mit der Liebe: Man sieht jeden Tag irgendwo einen attraktiven Menschen. Aber plötzlich kommt eine Person, mit der man weiter geht und für die man vieles andere aufopfert.»

Warten auf den Schub

Mal brauche dieser Prozess mehr, mal weniger Zeit. Beim Thema Paartrennung hat sich sein Antrieb über Jahre aufgebaut: «Ich habe bei mir und anderen oft erlebt, dass eine Beziehung nicht passte. Die Leute leiden, halten aber trotzdem daran fest. Das ist absolut unvernünftig – und faszinierend.»

Wenn Meyer spricht, tut er es präzise und mit Bedacht. Gleichzeitig spielt in seinen Mundwinkeln oft ein schelmisches Grinsen, von dem man nicht immer weiss, worauf es zielt. Sein Blick auf die Welt ist ein humorvoller, aber auch ein nüchterner, unbestechlicher. Da kommen druckreife Sätze wie: «Viele Leute bitten einen um Rat und werden dann ungehalten, wenn man ihn erteilt.» Sachverhalte elegant auf den Punkt bringen, das kann Meyer gut.

Dazu passt auch sein nächstes Projekt «Meyers kleines Lexikon», das im Frühling erscheinen wird. Darin versieht er Begriffe mit eigenen Definitionen. Auch einen neuen Roman hat er begonnen. «Da warte ich noch auf den Schub, der mich vorwärtstreibt.» Wenn es so weit ist, wird Thomas Meyer wohl öfter im Café Plüsch anzutreffen sein.