Mit einem Hilferuf endete das Theaterfestival Basel. Nach dem Applaus für ihr Stück «Apokalypse» kamen die polnischen Schauspieler zurück auf die Bühne, um auf die Zustände in ihrem Land aufmerksam zu machen. «Unser Land ist von innen unter Attacke», verlas ein Schauspieler eine Rede. Die neue rechtspopulistische Regierung erfinde Monster, verbreite Ängste. Vor wenigen Tagen sei der Direktor des wichtigen «Adam Mickiewicz Instituts» entlassen worden; am Teatr Polski in Breslau sei der Intendant ausgewechselt worden. In Polen sei man ein Patriot oder ein Verräter. Was Kunst sei, entscheide, wer an der Macht ist. «Wir verlieren unsere Freiheit. Unsere Stimme. Unsere Macht. Unsere Unabhängigkeit. Sogar unsere Seltsamkeit.»

Ein berührender Moment. Während wir auf das Kriegselend in Syrien und den Vormarsch der Rechtspopulisten in Mecklenburg-Vorpommern schauen, ist die Hexenjagd in Polen etwas aus dem Blickfeld geraten. Die Künstler bangen um ihre Existenzgrundlage, um Demokratie, um ein offenes Kunstverständnis.

Es steht nicht gut um die Welt. Mit Weltuntergangsszenarien hatte das Theaterfestival am vorletzten Dienstag begonnen – in «Sound of Music» sangen die Musical-Darsteller von Umwelt- und Wirtschaftskatastrophen. Mit Weltuntergangsszenarien ging es gestern zu Ende – «Apokalypse» erzählt von Desillusion, Hilflosigkeit und Apathie angesichts einer Welt voller menschlicher Katastrophen.

Dazwischen lagen 13 Tage voller Glück. Denn im Theater macht sogar das Unglück glücklich, wenn es inhaltlich berührt, ästhetisch überzeugt – oder beides. Das geschah äusserst oft.

Mehr Zuschauer als 2014

Die dritte Ausgabe des biennalen internationalen Theaterfestivals Basel war ein Erfolg. Inhaltlich, qualitativ und auch quantitativ. Über 9000 Besucherinnen und Besuchern kamen. Die Zahl der abgesetzten Tickets ist gemäss der Veranstalter um 18 Prozent höher als bei der vergangenen Ausgabe. Die durchschnittliche Auslastung betrug 82 Prozent. Das sind zwar 4 Prozent weniger als vor zwei Jahren, doch das Festival hat dieses Jahr mehr gezeigt und mehr Spielorte einbezogen. Neben Kaserne, Junges Theater, Roxy Birsfelden, Theater Basel und Turnhalle Klingental fungierten neu auch das neuestheater.ch in Dornach, das Jugendhaus Lavater in Birsfelden und das Union Basel als Festival-Spielstätten.

Diese Ausweitung habe sich bewährt, sagt die künstlerische Leiterin, Carena Schlewitt. Die Häuser arbeiteten hervorragend zusammen, die Zuschauer schätzten die örtliche Diversität. Sie habe «viele, viele neue Gesichter» gesehen – an jeder Spielstelle andere. Nicht zuletzt die positiven Reaktionen auf die Maibaum-Aktion im Zentrum Birsfeldens habe sie darin bestärkt, das Festival ein nächstes Mal noch stärker in die Region hineinzutragen.

«Mit dieser dritten Ausgabe hat sich das Festival weiter etabliert», lautet Carena Schlewitts Fazit. Anhand der Zuschauerreaktionen stellt sie fest: «Es war noch einmal eine Steigerung zu den letzten beiden Ausgaben.» Einige Künstler blieben diesmal über mehrere Tage vor Ort. Das habe den Austausch intensiviert – und auch den Zuspruch.

Der Publikumsliebling war die Gruppe Forced Entertainment. Abend für Abend erzählten die Schauspieler abwechselnd Shakespeare-Stücke nach. Mit Haushaltsgegenständen. Die so poetische wie lustige und kluge Theater-Serie entwickelte ein Suchtpotenzial. Wer einmal hinging, ging noch mal hin und noch mal. Oder schaute per Livestream rein.

Einige Produktionen haben das Publikum gespalten. Das hat auch Carena Schlewitt beobachtet. Das sei schon auch gewollt, sei eine Qualität von Kunst, sagt sie. Tatsächlich konnte man über viele Stücke streiten, aber stets auf hohem Niveau. Dank der enormen Vielfalt an Themen und Formen, von Zirzensischem bis zur interaktiven Ausstellung, sollten alle etwas für sich gefunden haben.

Das strapazierfähigste Publikum

Das Festival zeigte, stärker als das vergleichsweise homogene Stadttheater, was Theater alles kann. Dass es so vieles ist, so unterschiedlich. Man staunt, was für gross aufgezogene Geschichten eine freie Truppe aus Belgien stemmen kann («The Blind Poet») oder wie unbeschreiblich zeitgenössischer Tanz sein kann («Jaguar» aus Portugal und den Kap Verden).

Manches war sehr unterhaltsam, anderes verlangte dem Publikum alles ab. «Die Apokalypse» war ein sperriges, textlastiges Stück, bei dem am Samstag überdies die Übertitelung teils ausfiel. Bei gefühlten 35 Grad sassen die Zuschauer in der Reithalle – und die meisten blieben sitzen, die ganzen zwei Stunden. Auch bei «Jaguar» gehört das Durchleiden quälender Szenen dazu. Strawinskys «Le Sacre du Printemps» ertönt und die Choreografie ist wie von einem anderen Stern. 1913 führte die Uraufführung von Sacre in Paris im Zuschauerraum zu Tumulten. 2016 bleibt das Basler Publikum still sitzen. Neugierig und offen für, wie es scheint, alles.