1959 entwarf Jean Tinguely ein Manifest, das er aus einem Flugzeug über der Stadt Düsseldorf abwerfen lassen wollte. Darin schrieb er: «Lasst es sein, Kathedralen und Pyramiden zu bauen, die zerbröckeln wie Zuckerwerk. Atmet tief, lebt im Jetzt!»

Damals hätte sich der Künstler kaum träumen lassen, dass ihm nach seinem Tod 1991 ein Museum gebaut wird. Der Künstler, der die Kunst zeitlebens vor musealer Langeweile und elitärer Vereinnahmung retten wollte, sein Werk wurde letztendlich selbst museal.

Die Leitung des Museum Tinguely in Basel ist sich des Widerspruchs bewusst. Es blickt daher weit über den Tellerrand hinaus. Der derzeit gezeigte Ausstellungsparcours des Künstlerpaars Steiner & Lenzlinger ist ein gutes Beispiel dafür, wie Tinguelys Anspruch an die Kunst weiterlebt. Er war ein Pionier, der Faszination und Schrecken, zweckfreie Fröhlichkeit und absurde Leerläufe des Maschinenzeitalters bleibend in der Kunstwelt verankert hat. Die neue Sammlungspräsentation im Museum Tinguely zeigt, wie er das geschafft hat.

Eine Brücke für Basel

Tinguely wollte mehr, als im Museum hängen. Er wollte auch eine Brücke in Basel bauen. 1990 war die Wettsteinbrücke in die Jahre gekommen. Die Basler stimmten darüber ab, ob die alte durch eine neue des spanischen Architekten Santiago Calatrava ersetzt, oder ob sie saniert werden soll. Die Stimmbürger entschieden sich für den Sanierungsentwurf der Architekten Bischoff und Rüegg.

Tinguelys Entwurf kam nicht zur Abstimmung. Er wurde als Spinnerei abgetan. «Geisterschiff» hat er seine Brückenmodelle getauft. Zwei davon sind nun erstmals zu sehen, ergänzt durch Archivmaterial, das den Brückenstreit von Basel dokumentiert.

Das «Geisterschiff» ist nicht das einzige Stück, das für die neue Sammlungspräsentation aus dem 140 Werke umfassenden Archiv geholt wurde. Da ist auch «Café Kyoto» zu sehen, ein Spiegelkabinett, das Tinguely 1987 in Japan eingerichtet hat. Oder die seit langem nicht mehr gezeigte Installation «Plateau agriculturel», eine Hommage an die Arbeitswelt der Bauern.

Die junge Kuratorin Sandra Beate Reinmann hatte drei Stockwerke zur Verfügung, um Tinguely neu zu erzählen. Das ist ihr und ihrem Team gelungen. In unterschiedlich inszenierten Räumen werden die wichtigsten Werkgruppen des Künstlers gezeigt.

Der Rundgang offenbart, mit welch kreativer Energie sich Tinguely innert kurzer Zeit einen Platz in der internationalen Kunstwelt sicherte. Zwischen den Mitte der Fünfzigerjahre entworfenen ersten Drahtreliefs bis zu den spektakulären, sich selbst zerstörenden Maschinen vergingen nur eben mal fünf Jahre.

1967 hatte Tinguely seine Formensprache bereits durchdekliniert: die performative Skulptur, Objekte aus Alttagsgegenständen und Schrott, die wuchtigen, schwarz bemalten und die farbig gestalteten Plastiken.

Es ist aber nicht bloss interessant, sich wieder einmal der Kreativität Tinguelys auszusetzen; es macht auch immer noch Spass. Seine ebenfalls neu gezeigte Werkgruppe «Débri(s)collages» beispielsweise: Da tanzen und drehen sich Bohrmaschinen und Staubwedel um die eigene Achse und werden zum absurden Abbild des kleinbürgerlichen Haushalts in den Siebzigerjahren.

Selfie mit Schnurrbart

«Stillstand geht nicht» ist der Name der neuen Schau. Er ist aber auch Programm. Das Museum hat mit «Meta Tinguely» einen digitalen Ausstellungsguide geschaffen, für Handys, Tabletts oder Computer. Da werden mit Videos die wichtigsten Werkgruppen erklärt, die Funktionsweise der Maschinen erläutert oder interaktive Spiele angeboten.

Der Besucher kann sich seinen eigenen Tinguely-Sound zusammenstellen oder ein Selfie mit Tinguely-Schnurrbart entwerfen. Ganz im Sinne des Künstlers, der sich selbst so porträtiert hat: «Ich bin Jean Tinguely, und ich mache Maschinen, die keinen Nutzen haben.»