Vor Wochenfrist erschien in dieser Zeitung ein Essay der Autorin Corinna T. Sievers. Die Solothurner Literaturtage hatten ein Podium zu Machtstrukturen im Literaturbetrieb organisiert, aber keine der drei kraftvollen Schweizer Frauenstimmen, die sich aufgedrängt hätten, waren dazu eingeladen. Also bekam Sievers bei uns eine Bühne. Sie hatte eine Carte blanche.

Corinna T. Sievers ist eine Autorin, die in ihren Büchern so kühn und unerschrocken über Sex schreibt, wie das kaum eine andere Frau wagen würde, wohl aber mancher Mann. Ihr jüngstes Buch handelt von einer Erotomanin, es ist radikal, explizit und kalt. Sievers hätte sehr viel zu sagen über die tief verankerte Ordnung der Geschlechter und wie diese sich in unseren Bildern von Sexualität und sexuellen Vorurteilen spiegelt. In ihrem Essay bei uns schrieb sie über den Literaturbetrieb: Sie schrieb über den Sexismus, dem eine Jungautorin mit grosser Wahrscheinlichkeit in ihrer Laufbahn begegnet, sie schrieb über Machtverhältnisse, die in vielen und vor allem grossen Verlagen immer noch vorherrschen, über die Vormachtstellung von Kritikern, die Bücher von Männern bevorzugen und über das verbreitete männliche Desinteresse an Büchern von Frauen, die von weiblicher Erfahrung erzählen. Zugespitzt und pointiert benannte sie Missstände, die in mehrfachen Studien für den deutschsprachigen Raum erforscht und so bekannt wie unüberwindbar scheinen.

Doch warum provoziert das? Die Autorin erhielt viele Rückmeldungen, die meisten davon positiv, aber einige sehr böse, manche davon an ihre Praxis adressiert, wo sie als Ärztin arbeitet, eine auch an den Teamleiter der Kulturredaktion dieser Zeitung, meinen Chef. Die Fähigkeit zur Literatur wurde ihr abgesprochen, Aufmerksamkeitshascherei vorgeworfen und die sexistischen Angriffe beim letztjährigen Wettlesen in Klagenfurt verleugnet. Nichts gegen Kritik, aber dass die Kritik nicht auf den Text oder dessen Aussage sondern auf die Person zielt, herablassend im Tonfall und diffamierend ist, spricht Bände.

Auch auf meiner Facebook-Seite, wo ich ihren Essay gepostet hatte, ploppten zahlreiche Kommentare auf. Darunter jene des Medienpolitaktivisten und Theaterautors Guy Krneta. Auch diese zielten gegen die Person, waren herablassend im Tonfall und diffamierend, später publizierte er einen Artikel in einem lokalen, links-grünen Online-Blog. Corinna T. Sievers präsentiere sich als Opfer, hiess es – wie falsch: Dass sie das Wort ergreift, ist gerade eine Stärke. Der Essay habe nichts mit der hiesigen Szene zu tun, hiess es - was auch gar nicht der Anspruch des Textes war, der Fokus ist weiter. Er diskreditiere die jungen Autorinnen des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel, hiess es - dabei handelte der Essay gar nicht von Biel, er ist umfassender. Krneta hat das Schweizerische Literaturinstitut in Biel mitbegründet, ein äusserst verdienstvolles Engagement, und er ist in zahlreichen Gremien der Schweizer Literaturszene engagiert. Natürlich sollen sich auch Männer zu feministischen Anliegen äussern. Nur so kommen diese in der Mitte der Gesellschaft an. Aber wenn sich ein Mann zum Beschützer der jungen Autorinnen aufschwingt und zugleich aggressiv die kraftvolle Stimme einer unerschrockenen, unabhängigen, erfahrenen Frau und Feministin diffamiert, ist das ein giftiges Gemisch. Es sind zwei Seiten derselben Medaille: eine patriarchale Haltung, die sich im Gewand des Guten kleidet.

Das Podium in Solothurn zu Machtstrukturen im Literaturbetrieb war durchaus interessant. Im Fokus stand die Situation in der Schweiz. Annette Hug sprach von einer Zwischenbilanz, wichtig sei, das bisher Erreichte zu würdigen. Und alle waren sich einig, es bleibe noch viel zu tun. Silvia Ricci Lempen aus der Romandie richtete den Blick auf die Definitionsmacht: Auch wenn mittlerweile viele Autorinnen in den Literaturbetrieb drängten, Vorbilder, Referenzen seien immer noch männlich. Man sucht nach dem neuen Max Frisch, wer aber sucht nach der neuen Laure Wyss?

Doch der Essay von Corinna T. Sievers geht ans Lebendige. Nicht nur mit den vielsagenden, aggressiven, misogynen Reaktionen, die Text und Person auslösen. Aufgrund des Essays haben junge Autorinnen Vertrauen gefasst, haben sich bei mir an den Solothurner Literaturtagen gemeldet und mir ihre Geschichten erzählt. Geschichten von sexuellen Übergriffen, nicht bloss die Hand auf dem Knie. Auf der Geschäftsstelle des Autorenverbands sind bisher keine derartigen Vorkommnisse gemeldet, ich kenne Namen.

Sexistische Übergriffe gibt es sehr wohl in diesem linken, aufgeklärten, wohlmeinenden aber auch von mächtigen informellen Machtstrukturen und gesellschaftlichen Vorurteilen geprägten Milieu. Um sich wehren zu können, brauchen die jungen Autorinnen eine Ombudsstelle – aber auch weibliche Netzwerke, Vorbilder und mächtige Frauenstimmen. Wer diese diskreditiert, kann kein Freund der jungen Autorinnen sein.