Peter Zumthor macht ein Nickerchen. «Das waren jetzt aber keine zehn Minuten», sagt er zur Pressefrau vom Kunsthaus Bregenz (KUB). Der Architekt rappelt sich aus den beiden Sesseln, die er zu einer provisorischen Liege zusammengeschoben hat, schlüpft in seine leichten Wildlederschlarpen, zieht den Sakko über und ist bereit für eine Führung. «Dear to me» heisst die Ausstellung, die der Pritzker-Preisträger zum Jubiläum seines Museumbaus am Bodensee eingerichtet hat.

Vor 20 Jahren wurde das KUB eröffnet. Seither ist es zu einer der ersten Adressen in der europäischen Museumslandschaft geworden. Über hundert Künstlerinnen und Künstler folgten bisher der Einladung, eigens für die vier Stockwerke Ausstellungen zu konzipieren. Er sei sehr zufrieden, wie das Haus geführt werde, sagt Zumthor.

Im Parterre ist ein leuchtend roter Teppich um eine schwarze, quadratische Bühne ausgelegt. Zumthor klatscht in die Hände. Er testet die Akustik. Um die Ecke kommt Peter Conradin Zumthor, Sohn des Architekten, mittlerweile renommierter Perkussionist, der mit der Musikerin Vera Kappeler und seinen Kindern im bündnerischen Haldenstein lebt, wie der Vater. Für «Dear to me» arbeiten Vater und Sohn zusammen. Peter Conradin hat für die Ausstellung das Musikprogramm konzipiert (siehe Box). Seine Installation im ersten Stock werden wir später sehen.

«Wie findest Du es?», fragt der Vater. Der Sohn: «Super! Ich mag diese schwarzen Formen an der Wand, weil sie auch eine akustische Funktion haben. Und wenn ich mir vorstelle, dass hier noch Barbetrieb ist …»

«Ja, es wird Drinks in drei Farben geben: giftgrün, blau und rot», antwortet der Vater. Er freut sich sichtlich. Den Eingangsraum habe er so konzipiert, dass er für Lesungen und Konzerte tauge. Sitzen wird das Publikum auf eigens von ihm entworfenen Stühlen. Das Haus werde temporär zu einem Haus für alle Künste, sagt Zumthor. «Anstatt dass ich meine Arbeit zeige, laden wir zum dreimonatigen Fest.»

Wir nehmen die Treppe. Eine jener hohen, schmalen, lang gezogenen Raumfluchten, die niemand vergisst, der sie je hochgestiegen ist.

Im ersten Stock steht eine kleine Holzstele mitten im Raum. Auf dem Resonanzkörper eine Spieluhr mit Handantrieb. Durch sie hindurch läuft ein Papierstreifen, eine Lochkarte. «Das sind 16 Meter Musik», erklärt Zumthor. Entworfen hat das Objekt sein Sohn. Er beauftragte die Komponistin Olga Neuwirth, für seine 33-Ton-Spieluhr zu komponieren. «Tinkle for P.Z.» heisst das Werk, «Klimpern für Peter Zumthor.» «Mir gefällt, dass diese Ausstellung eine Family Affair ist», sagt Zumthor. Seine Tochter habe ebenfalls mitgearbeitet.

In der Geschichte

An den Wänden im Saal hängen Fotografien von Hélène Binet. Sie zeigen den Steinboden, den der griechische Architekt Dimitris Pikionis in den Fünfzigerjahren rund um die Akropolis in Athen entworfen hat. «Das ist eine sehr wichtige Arbeit für mich», sagt Zumthor. «Der Architekt hat diese Wege aus den Trümmern des Tempels zusammengesetzt. Architektur ist immer auch Zeuge der Geschichte.»

Diese Arbeit sei die einzige, die Architektur zeige. Ihm sei es bei der Ausstellung nicht darum gegangen, sein Werk zu präsentieren. Sondern eben das, was ihm lieb sei, so Zumthor. Für diejenigen, die doch noch etwas Zumthor erleben möchten, gäbe es im Foyer eine filmische Collage des Regisseurs Christoph Schaub zu sehen. Er hat Interviews, Vorträge und Gespräche aus den letzten 30 Jahren zu einem Porträt montiert.

In der Zeitmaschine

Der erste Stock war beinah leer. Im zweiten kommt nun das Gegenteil: eine in konzentrischen Kreisen angelegte, riesige Bibliothek. Bei unserem Rundgang sind viele Gestelle noch leer. «Kommt ihr voran? Haben wir genug Bücher, um alles zu füllen?», fragt der Maestro die jungen Assistenten, die sich über unzählige Bücherkisten beugen. Morgen kämen nochmals sechs Paletten, antwortet eine Mitarbeiterin. «Wir sind im Plan.» 44 000 Bücher werden hier für das Publikum frei zugänglich sein. «Das ist doch unglaublich», schwärmt Zumthor, während er an den bereits gefüllten Regalen entlanggeht. «Ich liebe Bücher. Hier könnte ich Tage verbringen.»

Jahrzehnte hat der Besitzer dieser Bibliothek darin zugebracht: der Bündner Antiquar, Buchhändler und Liedermacher Walter Lietha. Er sammelt seit den späten Sechzigerjahren. In Bregenz steht nur ein Teil seiner Bibliothek, über die er schreibt: «Bücher sind grossartige Zeitmaschinen, die Gedanken blitzschnell über die Zeiten hinweg in unser Bewusstsein senden können.» Wir gehen die nächste, lange Treppe hoch ins Obergeschoss.

Im Himmel

«Erzähl der Presse keinen Scheiss», ruft Gerda Steiner aus einer Ecke. Zumthor setzt sein breites Lachen auf, und die blauen Augen unter den buschigen Augenbrauen lachen mit. Die Künstlerin braucht sich keine Sorgen zu machen. Zumthor spricht, wie er baut. Er ist das Gegenteil einer Quasselstrippe und wird misstrauisch, wenn etwas zu verkopft wird. Er liebt die Ruhe. Und deshalb auch Gärten.

Gerda Steiner und ihr Partner Jörg Lenzlinger erhielten von ihm den Auftrag, im obersten Geschoss des KUB einen solchen einzurichten. Es ist ein hängender Garten geworden, aus Dutzenden Mobiles. Lenzlinger erklärt, wie sie aus ihrem immensen Fundus diese schwebende Zauberwelt kreiert haben, samt Tonspur, die aus Moosgebilden tönt. «Lungenkraut» heisse das raumfüllende Gebilde, das auch Bezüge zum Kosmos, zu Planeten und Sternschnuppen habe.

Peter Zumthor hat sich mittlerweile auf einen der grossen Steine gesetzt. Nach einer Weile sagt er: «Es ist schön. Hier setzt man sich einfach hin und ist.» Leise fügt er an: «Ich bin sehr zufrieden mit allem. Unten der rote Teppich, dann das Minimale, dann die Wucht der Bibliothek …» «Und hier oben kann man wieder alles vergessen», wirft Lenzlinger ein. Sie lachen.