Georges Delnons letzte Saison im Basler Dreispartenhaus beginnt heute Dienstag mit «Föhn. Ein zyklisches Wetterspiel», einem Musiktheater von Christian Zehnder, Fortunat Frölich und Urs Widmer. Es ist Widmers letzter Theatertext. Morgen folgt die Premiere von Jacques Offenbachs Oper «Les Contes d’Hoffmann» Wir treffen einen gut gelaunten Theaterdirektor voller Vorfreude auf das Kommende. Unser Gespräch geht über sein letztes Jahr in Basel hinaus, dreht sich ums Theater in der Schweiz.

Wie ist das im letzten Jahr als Theaterintendant. Hat man dasselbe Problem wie der amerikanische Präsident, ist man eine Lame Duck?

Georges Delnon: Auf mich in Basel trifft der Begriff nicht zu. Ich konnte meine letzte Spielzeit wunschgemäss planen. Die Gefahr ist eher, dass man als Intendant sentimental wird. Man beginnt automatisch Bilanz zu ziehen, zurückzuschauen. Aber gerade das will ich vermeiden.

Oder ist das letzte Jahr eine Chance, mehr künstlerische Risiken eingehen zu können?

Das ist so. Ich kann Risiken eingehen, die ich in einer ersten Spielzeit noch vermeide. Sie kommen auch: Ich habe gerade heute mit Regisseur Calixto Bieito über seine Inszenierung von Mozarts Oper «Così fan tutte» gesprochen.

Auf dem Spielplan stehen allerdings auffallend viele Klassiker. Bauen Sie da nicht auf sichere Werte?

Dieser letzte Spielplan ist in enger Zusammenarbeit mit den Regisseurinnen und Regisseuren entstanden. Es geht nicht mehr darum, etwas Neues zu lancieren, sondern darum, gemeinsam mit den Regisseuren, die das Theater in den vergangenen neun Jahren ästhetisch geprägt haben, nochmals Produktionen zu entwickeln.

Das tun Sie ja gerade in der Sparte Oper. Inwiefern prägen Regisseure wie Calixto Bieito oder Christof Loy die Opernregie generell?

Es gibt Regisseure in der Oper, die den Zuschauer direkt ansprechen, ihn provozieren wollen, um ihn so zu einer Reaktion herauszufordern und ihn in die eigene Reflexion über ein Stück miteinzubeziehen. Dazu zählen Calixto Bieito und mit einer ganz anderen Handschrift auch Christof Loy. Das ist der Schlüssel zu ihrem Erfolg, den sie auch in Basel haben – obwohl Zuschauerreaktionen, wie bei Bieito, aufgewühlt bis ablehnend sein können. Aber in Basel ist ein solcher Diskurs eben möglich. Zugleich müssen in einem Spielplan andere Handschriften mit einer kühleren Reflexion Platz haben. Es kommt auf den richtigen Mix an. Mir liegen Künstler wie Bieito oder Loy jedoch besonders am Herzen; mit ihnen werde ich auch in Hamburg zusammenarbeiten.

Wie hat sich die Theater- und Opernszene in der Schweiz entwickelt in den vergangenen Jahren?

Ich spreche nicht gern von der Schweizer Szene. Wir spielen in einer deutschsprachigen Theaterszene mit, allenfalls in einer europäischen – was auch für Zürich zutrifft. Ästhetisch steht das Theater Basel jedoch Frankfurt und Stuttgart näher als Zürich. Die anderen Deutschschweizer Häuser bewegen sich eher im regionalen Raum. Die Wege sind zwar kurz in der Schweiz, aber die Zuschauer reisen und vergleichen kaum.

Vermissen Sie es, dass es keine Schweizer Szene gibt?

Die Deutschschweiz orientiert sich an Deutschland und die Romandie an Paris. Der Wunsch von uns Theaterleuten wäre, dass es eine Schweizer Szene gäbe. Aber sie entsteht nicht. Ich frage mich – auch selbstkritisch – warum. Weshalb gibt es keine grössere Neugier der Schweizer Häuser aneinander? Weshalb fehlen grössere Denkplattformen – so wie es sie in Deutschland gibt. Ich vermisse den intellektuellen Diskurs über Theaterästhetik in unserem Land, gerade weil die Qualität hier hoch ist.

Basel hatte lange den Ruf, das innovativste Theater, die innovativste Oper zu haben? Stimmt das noch, seit in Zürich Barbara Frey das Schauspielhaus und Andreas Homoki das Opernhaus leiten?

In der Oper ist das Basler Haus immer noch das innovativste. Wir können in Basel ästhetische Formen zeigen, die in Zürich noch nicht akzeptiert werden. Aber viel mehr als ein städtisches Theater leistet die freie Szene einen grossen Beitrag zur Innovation. Hier entsteht in anderen inhaltlichen Zusammenhängen und anderen ökonomischen Verhältnissen Neues. Städtische Theater sind meist sehr aufmerksam und integrieren solche Bewegungen. Dann gibt es wiederum Zeiten, in denen städtische Häuser Innovatives leisten. Zwischen ihnen und der freien Szene entsteht so ein spannender Wettbewerb.

Das Theater Basel musste einen starken Zuschauerrückgang hinnehmen. Es wird viel über das Theater in der Krise geredet, nicht nur in Basel. Sehen Sie das auch so?

Nein, die Zuschauerzahlen in Basel sind wieder besser, wir haben wieder gutgemacht, was wir zuvor verloren haben. Ich glaube nicht an eine Krise des Theaters. Natürlich ist das kulturelle Angebot heute viel grösser, die Konkurrenz ist gross. Es ist sogar möglich, über das Internet am Kulturleben zu partizipieren. Gesamthaft haben die Zuschauerzahlen bei den Stadttheatern abgenommen, weil sie ihre alte Funktion als einziger Ort kultureller, ästhetischer Auseinandersetzungen verloren haben. Aber der Live-Moment hat eine Zukunft, denn die elektronischen Medien führen zu einer Übersättigung.

Wir beobachten, dass das Theater auch auf politischer Ebene an Akzeptanz verliert – wie die anderen Künste auch.

Immer weniger Politiker haben ein Bewusstsein für die Bedeutung der Kultur. Wenn heute Basels Regierungspräsident Guy Morin droht, das Theater nach unten zu nivellieren, wenn Baselland nicht 1,4 Millionen mehr zahlt, macht er es zum Spielball politischer Interessen. Ich kann zwar gedanklich seine Argumentation nachvollziehen, dass Baselland mehr bezahlen muss. Nur hat die bikantonale Finanzpolitik nichts mit dem gesellschaftlichen Auftrag ans Theater zu tun.

Ist eine Aussage, die die Qualität des Theaters vom Zahlwillen Basellands abhängig macht, nicht auch Ausdruck eines mangelnden städtischen Selbstbewusstseins?

Das kann sein. Aber es gibt einen tieferen Grund: Das Theater wird in der politischen Auseinandersetzung im Parlament weniger als öffentlicher Debattierort und dafür als Teil einer Kreativwirtschaft gesehen. Das ist verheerend, weil die Theater damit einem ökonomischen System unterstellt werden. Theater braucht es aber als gesellschaftliche Gegenkraft, als einen Ort, an dem andere Gesetze – solche der Subversion – gelten. Theater braucht es als gesellschaftliches Korrektiv. Die spannendste Kunst ist stets aus Widerstand heraus entstanden. Kann Theater eine Gesellschaft nicht mehr aus ihren Angeln heben, zieht man ihm die Zähne.

Wenn Sie die Zeit in Basel zurückdrehen und nochmals anfangen könnten, was würden Sie anders machen?

Die richtige Antwort wäre wohl: Ich würde nichts ändern. Aber, dass das Schauspiel nicht denselben Erfolg wie die Oper vorweisen kann, erachte ich als ein Problem. Ich wurde als Mann des Musiktheaters gewählt. Damit war eine Gewichtung gesetzt, auch wenn ich dem entgegengearbeitet habe. Ich gehe in dem Bereich, der mir näher ist, automatisch grössere Risiken ein, weil ich sie besser einschätzen kann. In der Oper haben wir bereits in der ersten Spielzeit mit Calixto Bieitos Lesart von Verdis «Don Carlos» die Grenzen ausgelotet. Im Schauspiel gelang das erst mit «Biedermann und die Brandstifter».

Wie beurteilen Sie rückblickend das Experiment mit der Integration der Freien Gruppe «Far a Day Cage»?

Ich halte es für richtig. Teils hat die Gruppe hier neue Formen entwickelt – unter dem Druck Stadttheater. Es gab bessere und schlechtere Produktionen. Dass nun aber Tomas Schweigen Leiter des Schauspielhauses Wien wird, sehe ich als positives Resultat für das Theater Basel und für ihn selbst. Aus dem Austausch zwischen Freier Szene und Stadttheater entsteht immer wieder etwas Neues.

Was war für Sie das künstlerische Highlight Ihrer Basler Zeit?

Diese Frage kann ich so nicht beantworten. Das für mich Wichtigste ist, dass das Theater Basel in der Zusammenarbeit mit der Kunstmesse Art und der Fondation Beyeler an einer fünften Sparte gearbeitet hat, an der Verknüpfung von darstellender und bildender Kunst. Das ging von der Kunst-Oper «Il Tempo del Postino» über «The Life and Death of Marina Abramovic», die Performances «14 Rooms» bis zum Regisseur Romeo Castellucci, der während der Art 2015 ein Stück nach Basel bringt. Das Theater hat sich so hin zu neuen Perspektiven geöffnet, über Kunst und Ritual neu nachgedacht. Das ist in Basel möglich.

Die Verbindungen von Kunst und Theater ist für Sie wichtiger als die zweimalige Auszeichnung «Bestes Opernhaus des Jahres»?

Natürlich waren diese Auszeichnungen für das Haus sehr wichtig. Aber dass ich etwas zur Entwicklung der Theaterkunst beitragen kann ist für mich persönlich ein Highlight. Die Verbindung von Kunst und Theater bereichert die Kulturszene hier und sorgt über Europa hinaus für Aufsehen. Wichtig für mich ist auch, dass ich im Kontakt mit Architekten über Architektur nachdenken kann. Basel hat meinen Horizont erweitert für andere Bereiche, die letztlich auch mit Theater zu tun haben.