Das Mittelmeer schwappt azurblau an Europas Küste. Die mediterrane Sonne lockt an die Strände und sorgt für Stau in den Alpen. Dieses Frühlingsritual von uns Nordeuropäern ist Routine — und damit der Tod jedes Zweifels. Dieser könnte durchaus aufkommen in diesen Tagen, in diesem Frühling 2017. Zweifel daran, ob es sich hier wirklich immer noch so seelenruhig sonnenbaden lässt, an diesem Strand mit Blick über das gleissende Wasser hin zum südlichen Horizont. Denn eigentlich wissen wir: Wir blicken auf ein Meer der Tränen, auf ein Massengrab.

Die Autorin Renata Burckhardt und der Schauspieler und Regisseur Lorenz Nufer begeben sich mit ihrer Produktion «Träges Herz» in der Kaserne Basel mitten in diesen Widerspruch: Wie ertragen wir es, vom Elend der an unseren Küsten Gestrandeten und Ertrunkenen zu wissen — und trotzdem weiterzumachen, wie bisher?

Das Stück erzählt von einer Reise in diesen Ausnahmezustand an den Rändern Europas, in Griechenland und in der Türkei. Ein junger Mann ist aus seinen Ferien dorthin nicht zurückgekehrt. Er ist geblieben, um den Menschen zu helfen. Zur Freundin, zur Mutter und Schwester hat er kaum mehr Kontakt. Letztere macht sich auf den Weg, den Bruder zu suchen. Die Reise der Businessfrau (Julia Schmidt) wird aber nicht wie geplant zum Kurztrip zwischen zwei Geschäftssitzungen. Vielmehr wird sie zur Reise ins Chaos der derzeitigen Ereignisse.

Am Ende, nach ihrer Odyssee durch die Flüchtlingscamps, implodiert das kühl-rationale Weltbild der Schwester. Zu gross und zu absurd ist das Elend, das sie erlebt. Ihre zu Beginn abschätzige Haltung gegenüber dem Engagements des Bruders weicht dem Verstehen. Und während sie den Bruder sucht, wird jener zu einer Ikone der Bewegung freiwillig Helfender. Aus dem leichtsinnig durchs Leben surfenden Hipster ist ein glühender Kämpfer für die Menschlichkeit geworden.

Recherchen vor Ort

Burckhardt und Regisseur Nufer haben sich die Recherchen zum Stück aufgeteilt. Die Autorin arbeitete von der Schweiz aus und entwarf die Geschichte um das Geschwisterpaar. Nufer reiste nach Griechenland und Mazedonien und hielt seine Eindrücke in Videos fest. Wir sehen Aufnahmen aus den Camps, und begegnen zwei Schweizern, die selbst ihren Beruf an den Nagel gehängt haben, angesichts der Flüchtlingsmisere: Michael Räber und Michael Grossenbacher von der privaten Hilfsinitiative Schwizerchrüz. Sie schildern die schier unlösbaren Aufgaben ihrer Arbeit: «Wie verteile ich 200 PET-Flaschen Wasser an 500 afghanische Flüchtlinge?» Und sie appellieren an uns, jetzt doch endlich aufzuwachen und zu handeln.

Der Bühnenbildner Chasper Bertschinger setzt das Stück in eine weisse Arena, um die sich das Publikum gruppiert. Die Wand eines Schiffscontainers dient als Projektionsfläche für die Videodokumente. Mit wenigen Mitteln werden die Reisestationen der Schwester skizziert: Die Begegnung mit einem Flüchtlingspaar, eine Autofahrt ins nächste Camp, wo der Bruder aber auch nicht zu finden ist. Sie spricht mit Helfern, telefoniert mit der Mutter und der Freundin des Bruders und mit dem Chef zu Hause. Der Musiker Dominik Blumer und Pascale Pfeuti spielen diese Figuren in lockeren Wechseln. Die anfangs zickig und arrogant auftretende Schwester verliert ihre Contenance und ihre Distanziertheit zusehends. Spätestens als sie sich in einem brennenden Camp wiederfindet, lösen sich auch ihre aus Selbstschutz konstruierten Widerstände in Rauch auf.

Der Wechsel zwischen der Theaterebene und den Videos entpuppt sich auch als Reflexion dieser Mittel: Im Vergleich mit der Unmittelbarkeit der authentischen Filmbilder wirken die Spielszenen streckenweise harmlos.

Radikaler Aufruf zum Schluss

«Träges Herz» ist ein klug gebautes Stück über unsere Ratlosigkeit angesichts des Flüchtlingselends. Es verhandelt die Motive der Helfer ebenso wie die Argumente, die gegen dieses Engagement in Stellung gebracht werden. Fies wird es dann, wenn die Schwester dem Bruder puren Eigennutz vorwirft. Das fremde Leid komme ihm gelegen, um sich selbst zu profilieren. Auch die Überforderung und Konsternation der Helfenden angesichts der Menschemassen und der europäischen Flüchtlingspolitik werden verhandelt. Die Reise der Schwester aus dem sicheren Teil Europas in die dunkle, schmerzvolle Welt des Bruders hat ein literarisches und cineastisches Vorbild. Jospeh Conrads Roman «Herz der Finsternis» und dessen Adaption von Francis Ford Coppola in «Apocalypse Now».

Zum Ende findet die Schwester den Bruder, gespielt von Nufer selbst, in einer Hütte in den Bergen. Er ist verzweifelt, ausgebrannt vom Kampf gegen Strukturen, Vorschriften, Politik. Seine Schwester plädiert für die rationale Sicht der Dinge: Wirkliche Hilfe braucht Zeit, Strukturen, Diplomatie. Der Bruder will nicht darauf warten. Ihm geht es um die Menschen hier und jetzt. Er hat sich mit 100 Flüchtlingen verschanzt und will versuchen, sie mit einem Flugzeug direkt nach Europa zu fliegen. Sein abschliessendes Manifest ist ein radikaler Aufruf gegen die verdammte Trägheit unserer Herzen.

Kaserne Basel: «Träges Herz». Bis Sa. 22. April. Jeweils 20 Uhr.