Sogar Regieassistentin Angelina Burri kann Pause machen! Was zwanzig Minuten vor einer Generalprobe absolut nicht selbstverständlich ist, scheint bei der Theatercompany Texte und Töne normal. Das Durchatmen des Produktionsteams um Regisseur Kaspar Geiger vor dem letzten Durchlauf steht aber in Totalkontrast zur Anspannung in der Halle des Ziegelhof-Areals in Liestal.

Dort kauern 13 junge Frauen und Männer auf dem Kachelboden. Zentrum des Raums ist ein grosser Teich, über dessen Wasseroberfläche ein Felsbrocken hängt. Zu Beginn stören (noch) keine Sitzgelegenheiten diese Atmosphäre. Hinter der Fensterfront sieht man die Autos der Pendler auf dem Heimweg, aber es gibt keinen Grund, sich von der Hallen-Gegenwelt abzuwenden.

Die dreizehn am Boden beben in Embryohaltung. Sie zittern und geben Laute von sich. Manchmal klingt es nach rhythmischen Rülpsern; manchmal gackern sie. Wohl noch nie war Gegacker so musikalisch, kaum je ein Gackerchor so leidend. Die dreizehn sind der Chor – und der Chor prägt diesen Abend. In schwarzer Unterwäsche und mit Lederbändern um Oberschenkel oder Bauch wirken sie wie Hugo-Boss-Models in einer Themenkollektion «altes Babylon». Sie bewegen sich mal wendig, mal als Zombies und wechseln ohne Verzögerung zwischen Talmud-Passagen und Lauten, die vom Dichter Joachim Ringelnatz stammen könnten.

Der Chor ist die komponierte Menschheit. Die zwei Solo-Schauspieler Bianca Kriel und Roger Bonjour haben es dagegen schwer. Oft müssen sie sich im Hintergrund halten. Über Lautsprecher eingespielte Texte machen es den beiden, die mit ihren Monologen bereits gegen die komponierte Menschheit ankommen sollen, ebenso schwer wie der Fakt, dass auch sie keine klar fassbaren Figuren spielen.

Spirituelles Oratorium

Im Teich blubbert Trockeneis. Ist das die Ursuppe? Die Assoziation ist begründet: «rûah» (gesprochen ungefähr «ruäch») ist eine Auseinandersetzung mit der Schöpfung. «Die hebräische Bibel nennt das, was wir als den Heiligen Geist kennen, mit einem weiblichen Wort: rûah», steht im Programmheft. Es ist der Ausschnitt einer Predigt und wie eine kirchliche Messe fühlt sich «rûah» auch an. Eine Messe, die nicht an den Glauben an etwas Bestimmtes appelliert, sondern als spirituelles Oratorium wirkt. Die Musik ist wichtiger als Erzählungen und Argumentationen, Töne schlagen Texte.

Die langen Textblöcke – von Genesis-Passagen bis zum Cyborg-Manifest von Donna Haraway – wollen eine Debatte über Existenz und Ursachen führen. Aber diese Texte sind teilweise redundant; das Vermittelte bleibt unscharf. Die Wiederholung steigert dafür die klangliche Kraft der Sprache. Wiederholung, Glockengesang, instrumentale Begleitung: Das Allzubekannte wird auseinandergerissen und neu zusammengefügt. Durchaus auch auf der inhaltlichen Ebene.

«Ich glaube nicht und nicht an Gott!», ruft Roger Bonjour in einem starken Moment. Bei «rûah» darf die in der Bibel geschmähte Lilith die Herrschaft des Mannes hinterfragen. Bei «rûah» schafft Gott auch Transgender und Intersexuelle nach seinem Abbild. Bei «rûah» ertönt, angesichts der Überbevölkerung, ein Appell zum Ende der Vermehrung – und es wird bedrohten Tierarten wie der Mopsfledermaus und des amphibischen Grundfischs Schlammpeitziger gedenkt.

In sakrales Licht getaucht

Der Chor, die Musik und die Live-Perkussion haben einen Verbündeten: ein geradezu sakrales Licht. Mal tauchen die Scheinwerfer den Raum in Wasserreflexionen, schaffen so Hallenbadstimmung und mal formen sie ein gleissend helles Quadrat an der Decke der ehemaligen Fabrik. Man glaubt, die Erlösung stehe kurz bevor. Wunder werden während zweier Stunden in dieser Halle mit Brauereivergangenheit real.

Die Theatercompany Texte und Töne hat einen Weg gefunden, wie Menschen über Wasser gehen können. Die Spieler gehen wirklich über Wasser – auch wenn diese Methode bei einer Sturmflut niemanden retten würde.
«rûah» ist ein Oratorium. Aber dieses Oratorium würde kein Organist in der Kirche spielen. Bei «rûah» muss der Glauben die Debatte aushalten. Es ist eine Messe des Suchens und des Zweifelns.

«rûah» : 24. – 26. und 30. August bis 2. September, jeweils um 20.30 Uhr. Ziegelhofareal, Liestal. www.texteundtoene.ch.