Die Musik von Arnold Schönberg ist für viele Konzertbesucherinnen und Konzertbesucher ein rotes Tuch. Sie haben nun eines seiner berühmtesten und singulärsten Stücke ausgewählt: den «Pierrot lunaire». Was fasziniert Sie daran?

Patricia Kopatchinskaja: In der alten Sowjetunion wussten wir kaum etwas von der neuen westlichen Musik, wir kannten nur Bach, Beethoven, Tschaikowsky, Rachmaninow, Schostakowitsch. Als ich 13-jährig nach Wien kam, entdeckte ich all diese neue Musik, angefangen mit der Zweiten Wiener Schule: Schönberg, Berg, Webern. Man kann sich das im freien Westen vielleicht schwer vorstellen, aber für mich war diese Musik gleichbedeutend mit Freiheit, auch individueller und politischer Freiheit. Ich sog alles begierig auf und habe sehr viel davon selber gespielt. Und bis jetzt fühle ich eine Verpflichtung, diese Schätze zu pflegen und weiterzugeben.

Der «Pierrot lunaire» wurde 1912 uraufgeführt. Stilistisch gehört er dem Fin de Siècle an. Was an diesem Werk kann uns heute noch berühren und bewegen?

Von Vivaldi über Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach, Beethoven bis zu Brahms hatten wir zweihundert Jahre lang eine gewissermassen ungebrochene Tradition von musikalischen Formen und Ausdrucksmitteln, sozusagen einen geordneten Kosmos. Schönberg hat diesen Kosmos zum Explodieren gebracht, ähnlich wie Einstein gleichzeitig die klassische Physik. Es ist kaum ein Zufall, dass Schönberg seine neue Musiksprache gerade mit diesem absurden Clown, dem Pierrot, gefunden hat, der ausserhalb der geordneten bürgerlichen Welt steht. Pierrot hat ja auch auf die Malerei gewirkt, zum Beispiel jene von Ensor, Picasso und anderen. Diese befreiende Wirkung des Pierrot wirkt in der Musik bis heute nach.

Das Werk wurde für eine Diseuse geschrieben. Es wurde immer wieder diskutiert, wie der «Sprechgesang» auszuführen ist – mehr Gesang oder mehr Rezitation. Wofür entscheiden Sie sich?

Das Sprachliche muss sehr deutlich und verständlich bleiben und darf jedenfalls nicht durch «Gesang» zugedeckt werden. Nebenbei bemerkt täte das Sprechende jeder Musik gut, auch der instrumentalen, zum Beispiel bei Bach und Mozart.

Wie sind Sie als Geigerin über- haupt darauf gekommen, dieses Werk aufzuführen?

Früher hatte ich nur kleine Zugaben mit Stimme gemacht. Mehrmals habe ich den «Pierrot» als Geigerin gespielt und immer gewünscht, einmal die Sprechrolle zu übernehmen. Als ich vor drei Jahren wegen Armschmerzen kaum mehr üben konnte, habe ich die Zeit genutzt, um den «Pierrot» zu lernen.

Gehen Sie auf andere Weise an dieses Werk heran denn als Sängerin?

Vielleicht bin ich mir als Instrumentalistin auch in der Rolle bewusster über den Beitrag der Instrumentalstimmen und suche vor allem das Mit- und Gegeneinander im Ensemble.

Sie erscheinen im Pierrot-Gewand, aber Sie verwenden auch sonst szenische Elemente. Wie sehr ist dieser «Pierrot» inszeniert?

Pierrot kam aus der Welt der Commedia dell’Arte und des Variétés, er ist ein komödiantischer Clown. Wenn Schönbergs Pierrot «mit groteskem Riesenbogen» zuerst auf seiner Bratsche und dann auf der Glatze seines Widersachers Cassanders kratzt, so kann ich mir nicht verkneifen, das anzudeuten. Solche szenischen Elemente haben sich in der Improvisation ergeben, bleiben aber im Hintergrund.

Zwischen den Gesangsteilen wird es auch instrumentale Zwischenspiele geben. Weshalb?

«Pierrot» ist zu kurz für einen ganzen Abend und kann gleichzeitig auf die Dauer die Interpreten und das Publikum ermüden. Wir haben deshalb schon früh Instrumentalstücke eingefügt, zum Beispiel Chopin, Berio und andere. Dann haben wir entdeckt, dass Schönberg selber auf einer Spanientournee sein eigenes Arrangement des Kaiserwalzers mit dem «Pierrot» kombiniert hat. Deshalb spielen wir jetzt zwischen den drei Teilen des «Pierrot» die Strauss-Walzerarrangements von Schönberg, Berg und Webern, das passt zu Variété und Music-Hall und ist ein schöner Kontrast.

Werden wir weitere ähnliche Projekte von Ihnen erwarten dürfen?

«Pierrot» ist mir ans Herz gewach- sen, den werde ich mein Leben lang machen. Soeben habe ich auch die Gesangsrolle des Geheimpolizisten, des Gepopo in György Ligetis «Mysteries of the Macabre», gelernt und mit der Camerata Bern aufgeführt: Ein Riesenspass, auch dabei werde ich bleiben. Ein weiteres Stimmstück schreibt uns Francisco Coll, der geniale junge spanische Komponist, der in Luzern lebt. Diese Stimmrollen eröffnen mir eine weitere neue Welt.

Pierrot lunaire 21. Februar, Kultur- und Kongresshaus, Aarau. 22. Februar, Landgasthof Riehen. 7. April, Theater Rigiblick, Zürich.