Am Ende ihres Lebens liegt die 94-jährige Maria Lassnig in einem Krankenhausbett in Wien und will nur noch eins: zeichnen. Sie hält einen Stift in der Hand, zitterig, aber bestimmt. Ihr Assistent und langjähriger Freund Hans-Werner Poschauko legt ihr den Zeichenblock unter die Hand, und die bedeutendste Künstlerin Österreichs zieht ihre letzten Striche: Schwarz und kraftvoll, als wäre kein Ende in Sicht. Ein paar Stunden später ist sie tot. Für immer weg.

Hans-Werner Poschauko schüttelt den Kopf. «Naa, die Maria ist immer noch hier», sagt er in schönstem Wienerisch und schiebt sich ein Stück Apfelkuchen in den Mund. «Manchmal springt sie mich regelrecht aus ihren Bildern an!» Poschauko sitzt im Café des Basler Kunstmuseums und erinnert sich an die Künstlerin, die er fast dreissig Jahre lang begleitet hat: Maria Lassnig, 2014 gestorben und doch noch am Leben. Er ist hier, um sie dabei zu unterstützen. Wie immer.

Trinken mit Beckett

Maria Lassnig wird 1919 in Kappel im österreichischen Kärnten geboren. Sie zeigt früh zeichnerisches Talent und beginnt während des Zweiten Weltkrieges an der Akademie in Wien Malerei zu studieren. Dort hat der federführende Professor, Maler Wilhelm Dachauer, keine guten Worte für Lassnigs expressive Malerei übrig: «Sie malen ja ganz entartet», soll er der jungen Künstlerin gesagt haben, worauf sie die Klasse wechselt.

Hans-Werner Poschauko, geboren 1963 in Graz, studierte an der Universität für angewandte Kunst unter Maria Lassnig. Die beiden wurden Freunde und Poschauko zum Assistenten von Lassnig. In ihren letzten Lebensjahren war er ihr engster Vertrauter, bei Veranstaltungen stellte sie ihn jeweils als «meinen Engel» vor. Poschauko ist bildender Künstler (mit seiner Frau Teil des Künstlerduos «Plank & Poschauko») und lebt in Wien.

Hans-Werner Poschauko und Maria Lassnig.

Hans-Werner Poschauko, geboren 1963 in Graz, studierte an der Universität für angewandte Kunst unter Maria Lassnig. Die beiden wurden Freunde und Poschauko zum Assistenten von Lassnig. In ihren letzten Lebensjahren war er ihr engster Vertrauter, bei Veranstaltungen stellte sie ihn jeweils als «meinen Engel» vor. Poschauko ist bildender Künstler (mit seiner Frau Teil des Künstlerduos «Plank & Poschauko») und lebt in Wien.

Nach dem Diplom folgen Stationen in Klagenfurt und Paris, wo Lassnig in den 1960er-Jahren lebt und sich mit Paul Celan und dessen Frau Gisèle Lestrange anfreundet. Später wird sie Poschauko oft von dieser Zeit berichten – zum Beispiel, als er ihr erzählt, dass er gerade Samuel Beckett lese. «Ah ja, der Beckett! Der war auch mal bei Paul zu Besuch. Total versoffen, der Mann!»

1964 stirbt Lassnigs Mutter, ein Verlust, der sie ihr ganzes Leben begleiten wird. «Ich war ein richtiges Mutti-Kind. Wie sehr ich sie gebraucht habe, habe ich erst gemerkt, nachdem sie gestorben war», schreibt sie später in eins ihrer zahlreichen Tagebücher. Von Trauer überwältigt, beginnt Lassnig, ihre Empfindungen nachzuzeichnen. Sie sucht nach einer Realität, die «mehr in meinem Besitz ist als die Aussenwelt».

«Sie müssen es sich so vorstellen», sagt Poschauko. «Bevor sie anfängt zu malen, schliesst Maria die Augen und spürt in sich hinein. Dann malt sie nur das, was sie fühlen kann. Da frage ich sie: Maria, diese Figur hat ja gar keine Haare! Und sie sagt: Versuch du mal, Haare zu spüren!»

Die Haare sind das eine, oft haben Lassnigs Figuren aber auch keine Arme, keine Ohren, kaum ein Kinn. Auf die Leinwand kommt nur das, was Lassnigs augenblickliches Sensorium zulässt. Ihre Realität ist eine innere, eine gefühlte Realität. «Ich glaube, die Wahrheit durch den Willen in ein Bild zu bringen, würde heissen, einem zu kurzen und unlauteren Weg zu folgen», sagt sie einmal, «ich ziehe den reinigenden Weg des Unbewussten vor.»

Späte Karriere

1968 zieht Maria Lassnig nach New York, wo sie sich eine 16mm-Filmkamera kauft und zu filmen beginnt. Es entstehen Kurz- und Animationsfilme, von denen später lange Zeit kaum welche gezeigt werden. Vor ein paar Jahren erst hat sie Poschauko aufgearbeitet und der Kunstinstution MoMA PS1 in New York zur Verfügung gestellt – den ganzen Juni hindurch werden sie dort zu sehen sein. Es ist nicht das erste Mal, dass Lassnig in der bedeutenden Institution vertreten ist: Vor vier Jahren zeigte das MoMA bereits eine Retrospektive mit 50 Werken. Ein Ritterschlag für die Österreicherin – würde man meinen. Aber die damals über Neunzigjährige will nichts davon wissen. «Sag ihm, ich sei nicht da!», flüstert sie Poschauko zu, als er den Kurator am Telefon hat, «sag, ich sei krank!».

Maria Lassnig interessiert sich nicht für ihren Erfolg, entsprechend spät tritt er in ihr Leben. 1980 übernimmt sie an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien eine Professur für Malerei und beginnt, zu unterrichten. Im selben Jahr bespielt sie gemeinsam mit Valie Export den österreichischen Pavillon an der Biennale in Venedig. Es ist der späte Auftakt ihrer Weltkarriere, in den Jahren darauf stellt Maria Lassnig auf der documenta aus, in Paris, Zürich, Frankfurt und Rom. 2004 erhält sie den mit 50 000 Euro dotierten Max-Beckmann-Preis der Stadt Frankfurt, 2013 den goldenen Löwen in Venedig für ihr Lebenswerk.

Streng und verspielt

Poschauko ist dabei immer an ihrer Seite. Er lernt Lassnig in den 1980ern an der Hochschule kennen, als strenge Lehrerin, die gern mit dem dicken Bleistift mitten in die mühselig komponierten Aktzeichnungen pfuscht. «So muss das sein!» Aber auch eigenwillig verspielt ist sie, mit einer grossen Faszination für menschliche Beziehungen. Nach jeder Studentenfeier ruft Lassnig ihre Schüler einzeln in die Kammer und quetscht sie aus: Sag, wer hat gestern mit wem geschmust? Sie versteht sich auch als Kupplerin, Poschauko legt sie die fünf Jahre jüngere Künstlerin Claudia Plank ans Herz. Plank wird später seine Frau.

Je älter Lassnig wird, desto mehr zieht sie sich zurück. Sie will kaum noch berührt werden, hat immer wieder depressive Schübe. Tage, an denen sie fast nichts fühlt, an denen an Stelle ihres Bauches ein riesiges Loch klafft. Aber die Malerei holt sie immer wieder heraus. Einmal besucht sie Poschauko nach einem besonders düsteren Tag, er erwartet nichts Gutes. «Und als ich in ihr Atelier komm, da steht sie frischfröhlich da, als wär nie was passiert.» Sie habe sich die schwarze Seele vom Leib gemalt, meint sie und zeigt ihm das entsprechende Bild. «Ich konnte es kaum anschauen, da war alles Dunkle, alles Schwarze von Maria drin.»

Bis zu ihrem Tod spiegeln Lassnigs Bilder ihr Inneres wider. Sie muss hinter die Oberfläche, ein Grund, wieso sie zeit ihres Lebens die Fotografie verabscheut (mit Fotografie-Aficionado Hans-Ullrich Obrist entstand zu diesem Thema ein reger Briefwechsel). «Das ist alles nur Oberfläche!», pflegt sie zu sagen, «da ist nichts dahinter!».

Lassnig wollte keine gefrorenen Augenblicke, sie wollte Bewegung, Schichten, Leben. Und sie schaute nie zurück: Wenn ein Bild fertig gemalt war, stellte sie es rücklings auf, mit der Vorderseite zur Wand. Und sagte: «Es ist vorbei.»