Nicht mehr als eine Steinschleuder hatte der alttestamentarische David zur Hand, als er den vermeintlich überlegenen Goliath in die Knie zwang. Künstlerinnen und Künstler sind manchmal die Davids von heute. Kenntnisreich, schlau, im gezielten Eingriff lehnen sie sich gegen die Dominanz des Mainstream auf. «Wenn ich etwas sage» – das lernen sie mit Blick auf die politische Weltkarte –, «stelle ich Wirklichkeit her.» Und wenn Fake News in Echtzeit den gesunden Menschenverstand einer Zivilbevölkerung unterwandern, muss es auch Wege geben, den Spiess umzudrehen und andere Fiktionen in die Welt zu entlassen. Tactical-Media-Künstler sind trickreich unterwegs. Unabhängig und voller Erfinderlust nutzen sie das World Wide Web, eignen sich die Strahlkraft medialer Auftritte an und imitieren die Rhetorik von Mächtigen. Sie inszenieren das Tatsächliche und stellen unserem digital modellierten Weltbild die berechtigte Frage: «How Much of this is Fiction?»

Taktiken der Umkehrung

Das Künstlerduo HeHe (Helen Evans und Heiko Hansen) hat zur Ausstellung im Haus der elektronischen Künste eine eigens in Auftrag gegebene Arbeit realisiert. In Zusammenarbeit mit einem Gymnasium in der Stadt Tramblay nordöstlich von Paris probte es den Aufstand. Echt, im realen Raum und mit dem ganzen Wissen, das Jugendliche in der französischen Banlieue aus Erfahrung, Erinnerung und Medienkonsum bei sich haben. Der aus der Versuchsanordnung hervorgegangene Trailer speichert mehr als das Ergebnis einer aussergewöhnlichen Unterrichtseinheit. Der künstlerische Zugriff auf soziale Umstände und deren architektonische Kulisse fragt nach der Bedeutung von Rebellion. Er lehrte die Jugendlichen – und wahrscheinlich auch ihre Lehrkräfte – etwas über den Unterschied zwischen Drohgebärde und Gefahr. Im Begehren, eigene Bilder herzustellen, rüttelt er an den Grenzen zwischen Erfindung und Wirklichkeit, Ohnmacht und (kontrolliertem) Ausbruch.

Normalität voller Sprengstoff

Leichtfüssig kommt die Methode der Tactical-Media-Kunst daher, und nicht selten ist die Umkehrung und Fortschreibung des Realen voller Charme und Unterhaltungswert. Wobei die Erzählungen, welche nun die Kunstprojekte im Haus der elektronischen Künste in sinnlicher Dichte präsentieren, oft erschreckend nahe liegen an genau der Wirklichkeit, die das Unglaubliche als Normalität anerkennt.

«Share The Safety» – so lauten der Werbespot und die URL eines Online-Shops, der seit dem 22. Juni 2016 Handfeuerwaffen offeriert. Kunden der «National Rifle Association» machen mit dem Erwerb einer Pistole nicht nur sich selbst eine Freude. Jeder Kauf stellt einem mittelloseren US-Bürger eine Waffe in Aussicht, der sich gefährdet fühlt. Dass sich der erfundene Deal ziemlich rasch als Hoax des amerikanischen Künstlerkollektivs The Yes Men herausstellte, ändert nichts an der erschreckenden Tatsache des E-Mail-Verkehrs mit seinen Machern: Die Nachfrage besteht.

Als sich die Chemiekatastrophe im indischen Bhopal 2004 zum zwanzigsten Mal jährte, stellte sich ein Sprecher der verantwortlichen Firma zu einem Livegespräch mit BBC World News zur Verfügung. «Jude Finisterra» – der endzeitliche Name flimmerte unbescholten über Tausende privater Bildschirme – zeigte sich reuig und stellte den Hinterbliebenen und Beeinträchtigten grosszügige Entschädigungen in Aussicht. Doch Achtung: Das Video im Haus der elektronischen Künste lässt auch die Kulisse aufscheinen. Yes Men hatten das Office in Indien simuliert und ihre satirische Performance medial in die unüberbrückbare Kluft eingemittet zwischen Opfern und Tätern. Die Falschmeldung auf BBC blieb nicht Fiktion. Sie sorgte für Aufruhr und warf einen Spot auf ein dramatisches wirtschaftliches Gefälle.

Sinnliche Präsentation

Der Titel der Ausstellung kommt ohne Fragezeichen aus und ist damit auch Behauptung und These. Er zitiert die Neonleuchtschrift der Berner Künstlerin Maia Gusberti, die als eine von zahlreichen Informationsquellen in die verdunkelte Ausstellungshalle strahlt. «How Much of this is Fiction» ist eine brisante Ausstellung. Sie hat die Angst der Menschheit ebenso zum Thema wie den militärischen Geltungsdrang. Sie setzt einen Wissensdurst voraus und leuchtet gleichzeitig blinde Flecken der medialen Wahrnehmung aus. Wenn es ihr gelingt, ihre Besucherinnen und Besucher zu animieren, liegt es daran, dass sie es – kritisch, akribisch, genau – auf einen Flirt anlegt: Wir kennen die verführerischen Oberflächen und den Reiz der Interaktion so gut. Und brechen darum auf, auch an die äussersten Grenzen, bis zum «Guantanamo Bay Museum of Art and History».

Haus der elektronischen Künste

Eröffnung heute Mittwoch, 22. März, 19 Uhr – bis 21. Mai.