Aus Protest gegen die Kürzungen der Baselbieter Kultursubventionen haben Sie vor einem Jahr den Verband Kultur Baselland gegründet. Das war der Hauptanlass. Konnte der Verband seither wenigstens einen einzigen Kürzungsfranken rückgängig machen?

Marc Joset: Nein, leider nicht. Aber es gibt weitere gute Gründe, weshalb es diesen Verband braucht. Die Kulturschaffenden bekommen eine gemeinsame Stimme, koordinieren ihre Anliegen. Und wir machen uns weiterhin politisch bemerkbar, nehmen die Sparmassnahmen zumindest nicht ohne Proteste hin.
Irene Maag: Wir wehren uns dagegen, doch letztlich ist es nicht in unserer Macht, die Kürzungen rückgängig zu machen. Der Landrat hat hier das letzte Wort. Mir macht es aber den Anschein, als würden viele Parlamentarier obrigkeitshörig agieren und ihre Macht nicht nutzen. Vielleicht wollen sie das auch nicht.

Im Gegenteil: Die jüngsten Budgetanträge von SP-Landrat Stefan Zemp gegen einen Teil der Kürzungen sind im Dezember nicht durchgekommen.

Joset: Diese Budgetanträge haben wir stark unterstützt, unter anderem über unser neu geschaffenes Kulturparlament. Aber die Linken kamen damit gegen die bürgerliche Mehrheit nicht durch. Unter den Bürgerlichen gibt es zwar kulturaffine Politiker, die diese Anträge unter anderen Umständen unterstützt hätten. Die Devise, etwa der FDP-Fraktion, lautete aber sehr klar: «Sparen geht über alles! Es schert niemand aus!»

Konnten anderweitig Gelder generiert werden? Etwa über den Kulturpool der Gemeinden?

Maag: Nein, es wäre eigenartig, wenn wir in ehrenamtlicher Arbeit die Lücke, die der Staat hinterlässt, füllen müssten.
Joset: Einige Gemeinden haben einen gemeinsamen Kulturfördertopf, etwa das Leimental. Binningen anderseits hat letztes Jahr seinen Kulturbeitrag nicht ausgeschöpft, weil es Projektgelder nur bewilligt, wenn sich der Kanton auch an ihnen beteiligt. Die Gemeinden können und wollen diese Lücke also nicht füllen.

Was hat der Verband bisher bewirkt?

Joset: Wir möchten gerne Gesprächspartner auf Augenhöhe mit der Regierung und der Verwaltung sein. Wir haben letzten Frühling mit den Regierungsräten Monika Gschwind und Toni Lauber und der Kulturchefin Esther Roth Antrittsgespräche geführt. Unsere Initiative wurde begrüsst. Monika Gschwind hat uns angeboten, dass wir allenfalls künftig auch eine «Vermittlungsfunktion» einnehmen könnten. Wobei die Nagelprobe erst jetzt kommt, wenn es um die Neuverhandlungen der Kulturvertragspauschale geht. Wir wünschen uns natürlich, so bald wie möglich in den Prozess einbezogen zu werden.

Ist es Ihre Strategie, friedlich das Gespräch mit der Regierung zu suchen, oder verstehen Sie sich eher als Opposition, die ihr den Kampf ansagt?

Maag: Bis jetzt war der Dialog höflich. Wir wünschen uns aber eine bessere Kommunikation. Es ist zum Beispiel wichtig, dass wir erfahren, wie Kulturgelder hin- und hergeschoben werden; etwa, dass bei der Kulturförderung gespart worden ist, um die Neuerung beim Kunsthaus Baselland finanzieren zu können. Es ist wunderbar, dass das Kunsthaus einen Finanzierungskredit bekommt. Das Sparen andernorts provoziert aber einen Verteilkampf innerhalb der Kulturszene.
Joset: Es gibt ja viele Verbände, die inhaltlich in zahlreichen Fragen eine oppositionelle Haltung einnehmen, aber ernstzunehmende Gesprächspartner – oft gesetzlich verbrieft – der Regierung sind. Diese Doppelrolle ist mir vertraut. Im Gespräch bleibt man anständig, inhaltlich ist man anderer Meinung, hat andere Ziele.

Welche weiteren Pläne konnten Sie umsetzen?

Maag: Wir haben Mitglieder und Medien regelmässig über kulturpolitische Themen informiert. Unter anderem haben wir moniert, dass im neuen Regierungsprogramm die «Kultur» kaum vorkommt.
Joset: Wir arbeiten an unserer Sichtbarkeit gegen Aussen. Und wir betonen immer wieder, dass Kultur nicht marginal ist, sondern mindestens so wichtig wie andere Lebensbereiche – nicht zuletzt für den Zusammenhalt der Gesellschaft.
Maag: Das Kulturparlament läuft. Dieses Projekt gab es in der Stadt schon, wir haben es aufs Land importiert.

Wie funktioniert es?

Joset: 43 Kulturschaffenden ist je eine meist bürgerliche Landrätin oder ein Landrat zugeteilt worden. So können sie persönlich, vielleicht bei einem Kaffee, erzählen, wie das so läuft in der Kulturszene, wie sie existieren können. Rund 24 Landräte sind bereits kontaktiert worden.

Was ist mit den bei der Verbandsgründung erwähnten Ideen, etwa dem Kultur-Abo und dem Kulturkalender?

Maag: Im Moment fehlen uns dafür noch die personellen und finanziellen Ressourcen. Aber wir haben viele Ideen auf Lager, etwa auch eine Gesprächsreihe.
Joset: Letztes Jahr haben wir unsere Ressourcen auf die finanzielle Situation konzentriert. Und 2017 müssen wir sie freihalten für die Debatte rund um die Kulturvertragspauschale.

Sie nennen sich Verband Kultur Baselland. Schliesst das die Stadt nicht aus?

Joset : Wir mussten uns vor einem Jahr aufgrund der angekündeten Kulturkürzungen kurzfristig sehr schnell organisieren. Wir hätten uns gern klar regional aufgestellt, aber das wäre kompliziert geworden und hätte zu lange gedauert. Kurzfristig sind wir ein Baselbieter Verband, das kann sich ändern.
Maag: Inhaltlich verstehen wir uns regional. Es macht keinen Sinn, Grenzen aufzustellen: generell nicht, in der Kultur schon gar nicht. Wir kommunizieren und kooperieren mit Kulturschaffenden und Kulturorganisationen aus der ganzen Region.

Städter dürfen auch Mitglied bei Ihnen werden, oder?

Maag: Ja, gerne!

Sie beide setzen sich dafür ein, dass Baselland die zentralen Kulturinstitutionen in Basel-Stadt weiterhin mitunterstützt. Eine geplante Kürzung der Kulturpauschale konnte vorerst verhindert werden, wenig später wurde innerhalb von Baselland gekürzt. Bringt das den Verband nicht in einen Interessenkonflikt?

Maag: Dieses Problem hat der Kanton, und wir sind die Leidtragenden. Wir setzten uns generell für den Erhalt von Kulturgeldern ein. Wir wollen keineswegs Stadt und Land gegeneinander ausspielen. Es muss ein Geben und ein Nehmen sein. Auch innerhalb des Kantons. Alle in der Kulturszene sind miteinander verbunden. Wenn die Kunstproduktion in Baselland zusammengestrichen wird, was stellt dann das Kunsthaus Baselland aus?

Wie soll es mit der Kulturvertragspauschale zwischen Stadt und Land weitergehen?

Joset: 2018 wollen die Kantone eine neue Lösung auf dem Tisch haben. Dieses Jahr wird also verhandelt. Am Ende wird wahrscheinlich auf hoher strategischer Ebene ein Entscheid gefällt, auch im Zusammenhang mit der Universität.

Wie ist Ihre Haltung dazu?

Maag: Wir möchten, dass die fünf Millionen, die der Kanton Baselland offenbar sparen will, für die Kultur erhalten bleiben. Eine offizielle Stellungnahme haben wir noch nicht verfasst.
Joset: Für eine neue Lösung zwischen Basel-Stadt und Land sind wir offen; wichtig ist, dass die Regierungen eine wirklich partnerschaftliche Lösung finden.