Vor zwei Wochen ging ein Bild um die Welt: Zwei junge Asiatinnen, bepackt mit prallvollen Louis-Vuitton-Taschen, kämpfen sich durch das hüfthohe Hochwasser in Venedig. «Nach uns die Sintflut» könnte der Titel lauten, oder «Shopping first».

Es ist schwer zu beurteilen, ob wir wirklich bereits mitten in einem Klimakollaps leben. Falls es so ist, wird es der best dokumentierte Weltuntergang der Geschichte sein. Niemand soll sagen, er hätte es nicht gewusst. Es liegt an uns, dass wir inmitten der sich überschlagenden Ereignisse den Überblick bewahren und reagieren. Kein einfaches Los, schon gar nicht für die Jugend.

Wie diese mit Mode, der damit verbundenen Identitätsfindung und den Ungeheuerlichkeiten der globalen Textilindustrie umgeht, das zeigt das Stück «Sweatshop». Das Junge Theater Basel hat für diese Produktion mit dem Schauspielhaus Zürich kooperiert, wo das Stück im Mai uraufgeführt wurde. Schauspieler und Schauspielerinnen beider Institutionen stehen auf der Bühne. Regie führte Sebastian Nübling, die Texte stammen von Güzin Kar (siehe bz vom Dienstag) und Lucien Haug.

Tanz um das Kalb

Am Anfang steht der Gang über den Catwalk, der weit in die Tribüne der Kaserne hineinragt. Hier üben drei Jugendliche, begleitet von einem Kameramann, die Selbstpräsentation. Das Thema heisst «Ich, Ich, Ich». Die Bewegungsabläufe sind schwindelerregend wie die Sprache, die von Hashtag- und Instagram-Slang durchtränkt ist. Die Kleider des Publikums werden ebenso Thema wie alle Formen des Jackentragens. Alle hier wären gerne «ein Ausrufezeichen», herausragend aus dem Meer der Gewöhnlichen. Influencer sein ist das Ziel. Alles richtet sich nach der Zahl der zu gewinnenden Follower.

Wer Ausbrechen will aus diesem Tanz ums Kalb der Selbstbehauptung, begibt sich aufs Glatteis. Denn, so der fiese Vorwurf: Auch wer Kritik übt am System der Selbstbehauptung durch Konsum, tut dies nur aus Egomanie, nur um weitere Follower zu generieren. So schrumpft die Frage nach dem Sein auf die Frage «Nike oder Adidas?».

Im Fegefeuer der Eitelkeit

In Mittelteil des Stücks folgt das Fegefeuer. Die drei Jugendlichen betreten die Welt hinter den Kulissen des Laufstegs. Wir sehen sie nur noch per Videoübertragung, wie sie durch ein Labyrinth mit Fahrstuhl und Zimmerfluchten irren. Es ist der Sweatshop, die Fabrik, wo die Kleider genäht werden. Begrüsst werden sie von einem Clown mit goldener Halskrause und roten Highheels. «Hier wird 365 Tage geschwitzt, damit ihr nie aufhören müsst zu kaufen.» In dieser Modehölle erwarten sie weitere Bewohner: Der Fashion-Junkie, der total drauf ist. Die Göre, die nur online shoppt. Das kleine Mädchen, das ihnen und den Zuschauern den Albtraum der Modeindustrie in nackten Zahlen zuflüstert. Die Skelette zweier Cowboys, die am Lagerfeuer über den Black Friday 2018 kalauern; den Tag an dem die Menschheit unterging, weil an diesem Tag alle plötzlich alles wollten.

Diese lang anhaltende, hinter den Kulissen live gespielte Videosequenz ist ein Zauberstück an Theater- und Videokunst. Die Hölle, die da inszeniert wird, ist diejenige der Widersprüche, in denen wir alle stecken. Jeder einigermassen informierte Zeitgenosse weiss, dass unsere Shoppingexzesse auf der haarsträubenden Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen beruhen. Auf dass die Gewinne der Aktionäre Jahr für Jahr steigen. Das ist nicht neu, aber für einmal umwerfend erzählt.

Was können wir tun?

Im dritten Teil legt die Inszenierung ihre Funktionsweise offen und lässt uns die Pappwelt hinter den Kulissen sehen. Im Zentrum steht nun die Näherin. Die Vietnamesin, in der Schweiz als Adoptivkind aufgewachsen, erzählt von ihrer Schwester, die seit sie zwölf ist, in einem Sweatshop arbeitet, für 120 Dollar im Monat.

Zurück von ihrem Trip wissen die Jugendlichen, was Sache ist. Nur: Was tun mit diesem Wissen? Eine sagt den schaurig schönen Satz: «Ich hab schon ein Burnout vom Nichts-Tun-Können.»

Aber wer will denn schon nichts tun können? Niemand. Denn das wäre die wirkliche Hölle: sehenden Auges das alles ertragen müssen. Wie die Situation verändert werden könnte, das demonstriert dieser erstaunliche Theaterabend auch noch. Ein Highlight der bisherigen Saison in Basel.

«Sweatshop» Bis 24. November. Kaserne Basel. www.jungestheaterbasel.ch