Raffael Schuppisser

Das letzte Album «Dark Angel» endete mit einem grauenhaften Bild: «I liege unger der Isdecki,/ äs Meitli, wo am Ufer steit, fragt sich/ obi öppe verreckt sig.» Dann öffnet sich die Erde und das lyrische Ich steigt hinunter zu seinem Todesengel. Der Vorhang fällt. «Das isch es gsi.»
Drei Jahre hat die Auferstehung gedauert. In dieser Zeit hat Kutti MC a.k.a. Jürg Halter Songtexte geschrieben, ist der Dunkelheit entronnen und ins Licht geflohen - «Sunne» heisst sein neues Album. Die Musik ist heller geworden, die Texte sind lebensbejahender. Im ersten Lied setzt der Dichter den Stift aufs Blatt, wendet das Blatt und schreibt sich fort. Dann geht es nur noch weni-ge Takte, bis er sich ins Zentrum der Welt katapultiert: «I be d Sunne, wo döt obe am Himmu steiht,/ d Mitti, wo alles drum kreist», heisst es im Titel-Track. Kutti MC ist angekommen.

«Dark Angel» war introvertierter. «In ‹Sunne› gehe ich wieder mehr auf die Welt zu, das ist Teil eines Aufbruchs und Ausbruchs», meint Halter im Gespräch mit der Mittelland Zeitung. Auf die Welt zugehen, ihr Liebe entgegenbringen und sich nicht dem plumpen Zynismus ergeben, davon handeln viele Zeilen: «D Sälbschtironi langet nid zum Überläbe hie,/ muesch scho no a angere Fäde zieh.»
Auch die Musik wird getragen von einem steten schwermütigen Optimismus. Die Berliner Band One Shot Orchestra, zu der auch der ehemalige Lunik-Bassist Jacob Suske gehört, sorgt für ein Soundgemisch, das gleichsam digital und organisch ist, das mal fragil und zerbrechlich wirkt, mal monströs und schnaubend daherkommt - und in dessen Pop-Appeal auch eine Prise Folk passt. Kutti selbst singt, spricht und haucht mehr, als er rappt, die Silben werden nicht effektvoll geschmettert, sondern nachhaltig betont.

Kutti MC hat sich mit seinem Debütalbum «Jugend und Kultur» 2005 als dichtender Rapper einen Namen gemacht. Er war der von Feuilletonisten lang ersehnte und in hohen Tönen gelobte Gegenpol zum materealistischen «Höher, besser, weiter»-Einheitsbrei des Hip-Hops. Rap war zwar die erste Inspirationsquelle des Musikers, aus der Hip-Hop-Kultur heraus lässt sich seinem neuen Album allerdings nicht mehr gerecht werden - weder musikalisch noch thematisch.
«Sunne» hört sich an, als ob sich der Dichter Jürg Halter - von dem zwei Gedichtbände im Ammann-Verlag erschienen sind - und der Musiker Kutti MC nähergekommen wären. Der Künstler selbst sieht das allerdings nicht so. Für ihn seien Jürg Halter und Kutti MC noch nie grundsätzlich zu trennen gewesen. Sein Medium sei die Sprache, die er unterschiedlich zum Ausdruck bringe. Die Songtexte in der Mundart, die Gedichte in der Schriftsprache. «Bei Lyrik braucht es immer eine Sprache, die über den Moment hinaus Gültigkeit bewahrt. Songs hingegen sind oft viel unmittelbarere Zeitzeugnisse, sie erlauben einem expliziter auf die Gegenwart zu reagieren», erklärt Halter.
So tut er das zum Beispiel in «I & mi Compi». Hier wird im Web-2.0-Jargon die Netzbeziehung zwischen User und PC kritisch kommentiert. Und in «Wannabe-It-Girl-Boogie» werden mit einem populärkulturell aufgeladenen Vokabular die Möchtegern-Alternativen, die verkrampft anders zu sein versuchen, als Spiesser demaskiert. Das ist gelungen. Fulminant ist Kutti aber dann, wenn er sich den grossen Themen zuwendet. Wenn er etwa im vertrackten Song «Hallo» die immerwährende, uns antreibende Sehnsucht in Verse fasst. «Mi geds nome i mire Vorstellig, i mire Vorstellig/ find i zu dir, weiss ned, öb d hüt Nacht no stirbsch/ oder scho übermorn gebore wirsch.» Solche Wortgebilde, die mit poetischer Schärfe Räume öffnen, sodass die Welt für einen Augenblick tatsächlich fassbar wird - wo findet man das schon in einem Popsong. Bei Büne Huber? Bei Kuno Lauener? Kaum. Was das lyrische Raffinement angeht, spielt Kutti MC in einer anderen Liga. Hier ist ein Musiker am Werk, der auch als Dichter besteht.

Immer wieder wird die Verlorenheit des Individuums in Welt und Zeit thematisiert. Die Schwierigkeit, wie man angesichts der eigenen Unbedeutsamkeit dem Leben dennoch offen entgegentreten kann, sodass es bedeutsam wird. Ein Paradox, das es auszuhalten gilt. «Man soll über die eigene Bedeutungslosigkeit auch mal lachen können. Dadurch kann man das, was man macht, umso ernster nehmen», so formuliert es Halter aus dem Stegreif. Und im Titel-Track «Sunne» kommt das Verhältnis zwischen Welt und Individuum in einem wunderbaren Bild zur Geltung: «Irgendwo zwüsche Urknall u Supernova,/ verdrücken i e Büchse Cola/ und dänke: d Überforderig isch unändlech/ bi unändlech chly, wie söll is nur länke.»
Wenn man ans Gute in der Welt glauben will, vielleicht Gott, aber nicht die Dichter für tot erklärt und der Populärkultur einen Funken Interesse entgegenbringt - dann kann man nicht anders: Man muss «Sunne» lieben.

Kutti MC Sunne. Two Gentlemen. Erscheint am 28. August.