«Es gibt nur einen wahren King des Rock ’n’ Roll. Sein Name ist Chuck Berry», sagte Soul-Star Stevie Wonder über den amerikanischen Sänger, Gitarristen und Komponisten Chuck Berry, der heute seinen 90. Geburtstag feiert. Und Elvis? Was ist mit King Elvis? Galt nicht er als der unbestrittene «King of Rock ’n’ Roll»?

Elvis war ein Massenphänomen

Mit über einer Milliarde verkaufter Tonträger ist der 1977 verstorbene Elvis der mit Abstand erfolgreichste Musiker des Rock ’n’ Roll. Mehr noch: Elvis hatte damals eine noch nie da gewesene Jugend-Rebellion ausgelöst, eine Revolution, die die ganze Welt erfasste. Doch seine Musik hatte im Grunde nichts Revolutionäres. Alles, was den Rock ’n’ Roll der 50er-Jahre ausmachte, gehörte schon in den 40er-Jahren zum Standard-Repertoire des Rhythm and Blues. Der einzige Unterschied: Was damals unter dem Begriff «Race Music» gespielt wurde, war eine Musik von Schwarzen für Schwarze. Elvis war dagegen die geeignete Person, um mit einer originär afroamerikanischen Musik in die weisse, amerikanische Mittelschicht vorzudringen.

Elvis Presley - Jailhouse Rock

Elvis Presley - Jailhouse Rock

Chuck Berry war stilprägend

Und Chuck Berry? Der am 18. Oktober 1926 in St. Louis geborene Charles Edward Berry war vor allem als Gitarrist für den Rock ’n’ Roll und die gesamte Rockmusik stilprägend. «Mit seiner Gitarre schuf er ein einzigartiges Rock-’n’-Roll-Vokabular», schreibt der Rock-Publizist Ernst Hofacker, «mit seinem Spiel definierte er das kleine Einmaleins für jeden, der nach ihm die Gitarre in die Hand nahm, um damit zu rocken.»

Chuck Berry ist der Vater der Rockgitarre. Der Rhythm and Blues der 40er-Jahre war noch stark von Bläsern geprägt. Berry hat die Bläserriffs übersetzt, auf sein Instrument übertragen und etablierte damit die Gitarre als führendes Instrument der Pop- und Rockmusik. Dabei hat er die Gitarre wie im Chicago Blues als Rhythmus- und Solo-Instrument eingesetzt. Spielte rhythmische Figuren auf den tiefen Saiten, melodische Figuren als Antwort auf die Gesangsstimme (Call & Response) und schuf 1954 auf dem Song «Maybellene» «das erste grosse Gitarrensolo der Rockgeschichte».

Chuck Berry - Maybellene

Chuck Berry - Maybellene

«Maybellene» war eine Adaption des Country-Songs «Ida Red» aus dem Jahr 1938, den Berry mit neuem Text in eine Rock-’n’-Roll-Nummer verwandelte und damit den nationalen Durchbruch schaffte. Der Song stürmte nicht nur Platz 1 der Rhythm and Blues Charts, sondern auch Platz 5 in der landesweiten US-Pop-Hitparade. Dies zu einer Zeit notabene, als ein weisser Jüngling namens Elvis Presley gerade seine ersten Gehversuche unternahm und «That’s All Right» aufnahm. Chuck Berry war also nicht nur früher da als Elvis, er war auch der erste Afroamerikaner, der mit afroamerikanischer Musik auch die weissen Amerikaner erreichte. Er wurde zum Star, zu einem grossen Entertainer, der mit dem «Duckwalk» ein Markenzeichen und Show-Element schuf, das etwa auch AC/DC-Gitarrist Angus Young in sein Programm aufnahm.

Chuck Berry hat in der Folge mit Hits wie «Sweet Little Sixteen», «Roll Over Beethoven», «Back In The USA», «Rock ’n’ Roll Music» und vor allem «Johnny B. Good» absolute Klassiker des Rock ’n’ Roll geschaffen.

Chuck Berry - You Never Can Tell

Chuck Berry - You Never Can Tell

Chuck Berry ist ein Kind des schwarzen Mittelstandes. Literatur, Theater und Bibelzitate gehörten zur geistigen Grundnahrung des Elternhauses. Seine Songlyrics sind denn auch gespickt mit Wortspielereien und erzählen vom Leben, spiegeln die Wirklichkeit und machen auch nicht vor sozialkritischen Inhalten Halt. Etwas, das im amerikanischen Pop der 50er-Jahre eine Rarität war. Insofern kann Chuck Berry sogar als ein Vorläufer von Bob Dylan, des heutigen Literatur-Nobelpreisträgers, gesehen werden.

Go Chuck! Go, go, go!!

Elvis war ein genialer Interpret und Entertainer, der die Massen bewegen konnte. Aber im Gegensatz zu Chuck Berry war er weder Innovator noch Songschreiber. Aus musikalischer Sicht hat Chuck Berry den King um Längen überragt und ist mehr Rock ’n’ Roll als jeder andere.

Seine Auftritte sind selten geworden. Doch den Abtritt von der Bühne hat er immer wieder dementiert. «Solange ich noch ein wenig sehe und höre, mich noch ein wenig bewegen kann, mache ich weiter», liess er verlauten. Ein Rock ’n’ Roller gibt nicht auf. «Wenn du Rock ’n’ Roll einen anderen Namen geben willst, nenn ihn einfach Chuck Berry», meinte John Lennon. Elvis mag die Krone getragen haben, Chuck Berry war Rock ’n’ Roll.