2821. Was für uns wie eine beliebig zusammengewürfelte Zahl erscheint, ist für Lubna Abukhair (26) der Unterschied zwischen Heimat und Exil. 2821 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Damaskus und Aarau. Die syrische Theaterwissenschafterin und Regisseurin Lubna Abukhair verliess vor zwei Jahren ihre Heimat und lebt seither als Geflüchtete in der Schweiz. Während dieser Zeit war sie in verschiedenen Theaterprojekten am Schauspielhaus Zürich und an der Zürcher Hochschule der Künste involviert. Kommenden Freitag wird ihr Kurzstück «Damaszener Café» in der Bar im Stall bei der Alten Reithalle uraufgeführt. Die Idee für das Stück habe sie seit drei Jahren mit sich getragen. «Nun kann ich das Stück in Zusammenarbeit mit dem Theater Tuchlaube endlich umsetzen», erzählt Abukhair im Gespräch.

«Niemand weiss, wie viele es sind»

Die Bilder und Geschichten, die wir aus Syrien kennen, haben sich in unser Gedächtnis eingebrannt. Zugrunde gerichtete Städte, verzweifelte Flüchtlinge und Männer mit Maschinengewehren. Doch Lubna Abukhair will mit ihrem Stück ein syrisches Kapitel aufdecken, das bei uns wenig Beachtung gefunden hat. «Es verschwinden jeden Tag Frauen und niemand weiss genau, wie viele es sind», sagt Abukhair. Seit Beginn des Krieges sind viele Menschen von einem Tag auf den anderen einfach nicht mehr da. Verwandte und Freunde wissen oft nicht über das Schicksal ihrer Liebsten Bescheid, ob sie überhaupt noch am Leben sind.

Einige wenige kommen wieder frei und erzählen Geschichten von unvorstellbarer Grausamkeit. Sie erzählen, wie sie von den Männern des «Mukhabarat» – Syriens Geheimdienste – entführt und in Foltergefängnisse eingesperrt wurden, wo sie jegliche Form von physischer und psychischer Folter erlitten haben. Es ist schwer abzuschätzen, wie viele solcher Foltergefängnisse in Syrien gesamthaft existieren. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat bereits vor fünf Jahren rund 27 Haftanstalten identifiziert.

Abukhair erzählt, dass sich in fast jeder Ortschaft in Syrien ein unterirdischer Raum befinde, der von den Geheimdiensten zwecks systematischer Folter benutzt werde. Das Regime von Baschar al-Assad ziele dabei ganz bewusst auf Frauen ab, so Abukhair: «Die Frauen werden vergewaltigt und entstellt. Falls sie überhaupt lebend aus dem Gefängnis herauskommen, werden sie von der Gesellschaft verstossen. Sie sind dann nichts mehr wert.»

Von der Gesellschaft verstossen

Amnesty International spricht von einer sogenannten «doppelten Folter», da die Tortur mit dem Ende der Haft nicht aufhört. Die Frauen werden zum Teil von ihren Familien auch dann verbannt, wenn sie nicht vergewaltigt wurden. Vergewaltigung und sexueller Missbrauch sind in der syrischen Gesellschaft weiterhin extreme Tabuthemen. Viele freigelassene Frauen fänden nur schwer wieder Arbeit, verlassen das Land oder begehen Suizid. Lubna Abukhair kennt diese Geschichten. Sie ist mehrere Male über die syrisch-libanesische Grenze nach Beirut gereist. In Flüchtlingslagern hat sie mit Frauen geredet, die in Gefängnissen gefangen gehalten wurden. Basierend auf solchen Geschichten, hat Abukhair «Damaszener Café» inszeniert. Im Zentrum des Kurzstücks steht Nadia, die von der Regisseurin selbst gespielt wird. Nadia ist eine Anwältin, die im Zusammenhang mit der Revolution von 2011 verhaftet und misshandelt wurde. Nach ihrer Haftentlassung zieht sie durch die Cafés in der Damaszener Altstadt und erzählt von ihrem Leid.

Der Mut einer Künstlerin

Die Regisseurin hat die Willkür des Regimes selbst erfahren. Nachdem sie vor zwei Jahren für einen Workshop in die Schweiz kam, warteten bei Abukhairs Rückkehr zwei Männer des Geheimdienstes vor der Schule auf sie. Die Männer brachten sie in ein Gefängnis, wo ein Militäroffizier ihr Fragen zu ihrem Auslandsaufenthalt stellte. Insgesamt sechs Stunden lang. «Während dieser Zeit hörte ich Schreie von Menschen, die gefoltert wurden. Darunter waren auch Kinder. Manchmal fällt es mir jetzt noch schwer, einzuschlafen», sagt Abukhair. Einige Zeit später wurde ihr Hochschulabschluss annulliert. Zu Beginn habe sie noch Angst gehabt, erzählt die Theaterfrau. «Aber jetzt habe ich keine Angst mehr. Ich weiss, was ich sagen will. Als Künstlerin muss ich über diese Menschen und ihr Schicksal reden, denn sie selbst können es nicht.»

Damaszener Café Fr. 31. August 20.15 Uhr. Bar im Stall, Aarau.