Am Freitag, dem 13. November, um 23.30 Uhr veröffentlichte ich folgende Zeilen auf meiner Facebook-Seite:

Ich bin in #Paris im Hotel. Wartend. Es ist so beelendend, beängstigend und traurig. Niemand weiss Genaueres bis jetzt....

Posted by Jürg Halter on Freitag, 13. November 2015

Jürg Halters Facebook-Eintrag aus Paris

Ich war am Mittag in Paris angekommen, um die «Paris Photo»-Messe zu besuchen. Nach meiner Ankunft setzte ich mich in der Gare de Lyon in ein Restaurant. Plötzlich waren schwer bewaffnete Polizisten zu sehen. Ich wurde vom Kellner gebeten zu zahlen und den Bahnhof zu verlassen. Alle Reisenden wurden durch denselben Ausgang aus dem Gebäude gewiesen. Ich dachte: In Paris ist man seit dem Attentat auf die «Charlie Hebdo»-Redaktion wohl übervorsichtig. Aber Informationen gab es keine. Ich nahm ein Taxi zum Hotel. Der Fahrer sagte, die Evakuierung habe nichts zu bedeuten. Das passiere öfters.

Am Nachmittag ging ich auf die «Paris Photo» im «Grande Palais» im 8. Arrondissement.

Am Abend sass ich in einem Bistro im 6. Arrondissement, trank ein Bier. Dachte: Paris, diese wunderbare Stadt, gut, wieder hier zu sein. Um zirka halb elf erhielt ich eine Nachricht von meinen Freunden, mit denen ich mich für später verabredet hatte. Es hätte eine Schiesserei gegeben und Explosionen. Ich las und verstand nicht. Ich sah, wie die Leute um mich zu ihren Smartphones griffen, einige telefonierten. Eine Frau weinte. Was war passiert? Ich habe kein Smartphone, rief meine Freunde an. Es seien kaum mehr Menschen auf den Strassen, alle Taxis besetzt. Sie teilten mir mit, dass sie nun der Seine entlang zu Fuss in Richtung Hotel losgingen. Derweil kam eine Bekannte ins Bistro. Auf ihrem Smartphone lasen wir Liveticker. Der Terror hatte Paris wieder erreicht. Ich dachte: Es hätte auch dieses Bistro treffen können. Meine Bekannte begann plötzlich zu zittern. Sie sagte, das Restaurant «La Belle Equipe», wo einer Menschen hinrichtete, hätte sie heute aufsuchen wollen, es sei eines ihrer Lieblingslokale. Wir bestellten Whiskey, tranken schweigend, verabschiedeten uns.

Ich ging den kurzen Weg zum Hotel zu Fuss. Aber bei jedem Auto, das vorüberfuhr, schlug mein Herz schneller. Sass dort drin ein Terrorist? – Ich erreichte das Hotel, ging auf mein Zimmer. Klickte mich am Computer durch die Nachrichten. Affektiv schrieb ich ein paar Zeilen auf Facebook. Dann SMS an Bekannte und Freunde, von denen ich wusste, dass sie zu der Zeit auch in Paris waren, fragte nach, ob alles gut sei. Ja, zum Glück. Aber alle unter Schock. Erste Nachrichten aus der Schweiz erreichten mich.

Ich rief meinen Vater an, beruhigte ihn, oder vielmehr, er beruhigte mich. Zumindest versuchte er es. Ich war unter einer Spannung, die mir neu war. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, unmittelbar am eigenen Leib durch Terrorismus bedroht zu sein. Dieses Gefühl habe ich Tage später noch, wenn auch schwächer. Ich zog die Vorhänge. Mein Zimmer war ebenerdig gelegen. Ich las Tweets. Erste Leute instrumentalisierten die Ereignisse für ihre politischen Forderungen. Ich klappte den Computer zu und dachte: selbstgerechte Arschlöcher. Ich ging zum Zimmer meiner Freunde. Wir buchten einen Zug für Samstagmorgen. Wir wollten raus aus Paris.

Um 8.40 Uhr schrieb ich auf meiner Facebook-Seite:

Schlaflos aufstehen in Paris. Gefühl der Unfreiheit. Trockene Kehle. Enge in der Brust. Gedanken an Menschen für die solche Morgenstunden Normalität sind. #ParisAttacks

Posted by Jürg Halter on Freitag, 13. November 2015

Jürg Halter schreibt auf Facebook am Morgen nach den Attentaten in Paris

Wir fuhren im Taxi durch ein weitgehend menschenleeres Paris zur Gare de Lyon. Ohne Kontrolle betraten wir den Bahnhof. Gegen zehn Uhr schrieb ich auf Twitter:

Jürg Halter schreibt auf Twitter über die Soldaten am Pariser Bahnhof

Auf dem Weg zum Gleis fielen uns an einer Mauer stehende Taschen auf. Ich wurde nervös, schaute mich um. Ob sie den patrouillierenden Polizisten und Soldaten schon aufgefallen waren? Nach ein paar Minuten standen mehrere Polizisten um die Taschen. Ein älterer Mann ging auf sie zu, hob sie auf. Fehlalarm. Mein Herz ging schneller. Wir bestiegen den TGV, ohne Kontrolle. Ich wurde noch unruhiger. Versuchte mich lesend abzulenken. Später erfuhr ich: Der TGV nach uns verunfallte. Es gab Tote. Kein Terrorismus. Zum Glück reiste ich nicht alleine. Um 13.47 Uhr schrieb ich auf Facebook:

Zurück aus Paris. Soeben in Basel aus dem Zug gestiegen. Herz schlägt bis zum Hals. Ich fühle keinen Hass, nur Trauer. Ohnmacht. #ParisAttacks

Posted by Jürg Halter on Samstag, 14. November 2015

Jürg Halter schreibt auf Facebook nach seiner Rückkehr aus Paris

Ich war erleichtert, in der Schweiz zu sein, doch ich merkte, etwas in mir hatte sich verändert. Das Sicherheitsgefühl. Natürlich weiss ich, dass bei uns das Risiko durch einen Autounfall umzukommen tausendmal höher ist, aber dieses Wissen half mir momentan kaum. Ich dachte: Ab wann ist man traumatisiert?

Ich schlief wenig. Am Sonntagmorgen schrieb ich auf Twitter:

Jürg Halter schreibt auf Twitter nach seiner Rückkehr aus Paris

Ich las den ganzen Tag Artikel über Paris, die Hintergründe, vergass die Zeit. Unter anderem dachte ich: Wenn so offen über den Islam wie über das Christentum gesprochen würde, wäre das ein Gewinn. Aber das Thema wird feige rechten Hetzern überlassen. Weshalb die freiwillige Selbstzensur? Weil sich unbestimmt tolerant zu geben bequemer ist als sich mit den komplexen Verhältnissen in der Welt auseinanderzusetzen? Natürlich gibt es den Islam nicht, natürlich soll sich kein Muslim für Paris entschuldigen müssen, das wäre geradezu absurd, sind doch die meisten Opfer des IS Muslime. Aber wir müssen offen über den Islam sprechen können, auf den sich der IS beruft. «Das hat nichts mit dem Islam zu tun» ist nicht gerade Ausdruck einer selbstkritischen Haltung.

Gibts Selbstzweifel im Islam? Ist das im Koran angelegt? Eine Frage jagte die andere. Ich erkannte, ich weiss zu wenig. Ich las weiter, dachte: Unter anderem mehr westliche Solidarität mit allen Opfern des IS im Mittleren und Nahen Osten würde den IS längerfristig schwächen. Aber wie und wo sollte diese Solidarität zum Ausdruck kommen? Klar ist: Es wird weitere Attentate geben. Militärische Einsätze wirken, wenn überhaupt, nur kurzfristig. Aber wie? Provozieren diese nicht zuerst neue Racheakte? Und die Drohnen der USA? Wie viele zivile Opfer haben sie bislang zur Folge? Wer profitiert vom Krieg? Zuerst die Rüstungsindustrie. – Solange der Westen in Gemeinschaft mit den Diktatoren die Bevölkerung im Mittleren und Nahen Osten ausbedeutet, wird die Region instabil bleiben.

Wir stehen alle in der Verantwortung. Christen, Muslime, Linke, Rechte, Atheisten, alle, die sich, trotzt Meinungsverschiedenheiten auf bestimmte demokratische Werte einigen können und wollen. – Ich dachte an meinen palästinensischen Bekannten in Bern, der mir schrieb, was in Paris geschah sei bei ihm zu Hause im Libanon, wo er zuvor lebte, Alltag. Ich telefonierte mit einer Freundin, die am 13. November auch in Paris war. Wie ging es ihr? Sie erzählte, eine Bekannte ihrer Galeristin habe am Freitag durch eines der Attentate sechs Freunde verloren. Sie sassen gemeinsam an einem Tisch vor dem Restaurant «La Belle Equipe». Alle ausradiert.

Am Montag schrieb ich folgende Tweets: 

Jürg Halter zu Offenheit und wie diese Terroristen ausnützen

Jürg Halter zur europäischen Schweigeminute

Jürg Halter zur Verantwortung von Saudi Arabien und Katar

Jürg Halter zu Medien, die IS-Videobotschaften verbreiten

Am Dienstag las ich noch schläfrig Schlagzeilen quer, die, besonders im Vergleich, Ausdruck der medialen Überforderung waren. Zuerst: «Terrorrisiko wird stark überschätzt», als Nächstes: «Bis Terroristen Atomwaffen haben, ist es nur eine Frage der Zeit». Ich musste lachen. Schwarzer Humor hilft. Ich war wach. Ich las Tweets, dachte bei einigen: Zu sagen «wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen», ist einfach, wenn man selber nicht in Paris war. Mehr Demut wäre angebracht. Kaputte Welt.

Ich schaltete den Computer aus, ging an der Aare spazieren. Unruhig, fragend dem stummen Fluss entlang. – Sagte vor mich hin: Willkommen in einer neuen Wirklichkeit.