Auf dem Deck des Inselspital-Dampfers weht eine kräftige Brise. Giuliano Musio stützt sich auf die Reling und überblickt die Lage. Im Osten der Bahnhofausgang Schanzenstrasse, wegen seiner Dachform «Welle» genannt, im Westen die Hochhäuser von Bümpliz, im Süden der Gurten, davor Münster, Bundeshaus und Schwellenmätteli – die Aareschwelle zwischen Marzili und Matte ist ein wichtiger Schauplatz im Roman «Wirbellos», an dem der 40-jährige Autor zurzeit schreibt. «Dort mündet die Aare ins Meer», sagt Musio. Er hat Bern im Buch kurzerhand ans Mittelmeer verschoben.

Anonym in Gesellschaft

Im Inselspital, auf der Terrasse des Panoramarestaurants, kann er sich die Verwandlung seiner Stadt besonders gut vorstellen. In diesem Spital war er zuvor bereits auf Recherche in der Abteilung für Zentralsterilisation, wo der Protagonist von «Wirbellos» arbeitet.

Doch meistens führt ihn ein anderer Grund hierher: «Als ich in der Cafeteria des Frauenspitals auf Freunde in Behandlung wartete, merkte ich, dass ich in anonymen Spitalkantinen gut arbeiten kann», erzählt er. Niemand wundert sich, weshalb einer den ganzen Tag dasitzt und nicht viel tut ausser tippen, ab und zu den Laptop zu einer Steckdose trägt oder Kaffee und Snacks holt.

Musio braucht Lärm und Bewegung zum Arbeiten. Der Zug funktioniert zum Beispiel auch – so ist das Pendeln zu seinem Nebenjob als Korrektor bei der «Neuen Zürcher Zeitung» keine verlorene Zeit. Am häufigsten arbeitet er in Beizen, vor allem in seinem Stammcafé Kairo. Und sein erfolgreiches Debüt, der Mysteryroman «Scheinwerfen» (2015), hat ihm Türen geöffnet: «Ich traue mich jetzt eher, für Recherchezwecke irgendwo anzuklopfen.»

«Flederhamster»

Vor «Wirbellos», das 2019 erscheint, veröffentlicht Giuliano Musio im Oktober das «Keinzigartige Lexikon» mit Illustrationen von Manuel Kämpfer. Es basiert auf Kolumnen für die Zeitung «Der Bund» und definiert Fantasiebegriffe wie «Flederhamster» oder «klitzegross». Der Witz ist, dass sie mit unikalen Morphemen spielen. Das sind Wortbestandteile, die nur in einem einzigen Wort vorkommen, wie «kunter» in «kunterbunt» oder «Him» in «Himbeere». «Seit Jahren schon entdecke ich alle ein bis zwei Monate wieder ein neues», sagt Musio.

Linguistik bezeichnet der studierte Germanist als «grosse Leidenschaft». Systematik und Regeln bestimmen auch seine Arbeitsweise. Für einen Roman erstellt er zuerst über Monate hinweg einen akribischen Plan, Kapitel für Kapitel, Szene für Szene. «Mich befriedigt die Erfüllung klarer Strukturen, die ich mir vorgebe», sagt der Autor. Zu Hause ordnet er sein ganzes Hab und Gut nach einem eigenen Schachtelsystem.

Unendliche Geschichte

Mit seinen Zwängen bringt Giuliano Musio manchmal Lektoren fast zum Verzweifeln, aber auch sich selbst. So scheiterte etwa der Versuch, jedes Kapitel von «Scheinwerfen» in gleich viele Zeichen zu packen, analog zur Standardlänge von Episoden in TV-Serien.

Andererseits: Ohne Freiheitsdrang wäre er nicht Autor geworden. «Ich bin in einer fünfköpfigen Familie in ziemlich engen Wohnverhältnissen aufgewachsen», sagt der Sohn eines schweizerisch-italienischen Arbeiterpaars aus Burgdorf. Mit dem Schreiben, das ihm keine Grenzen setzte, begann er sehr früh.

Die Kindergärtnerin las ihm einmal über ein Jahr verteilt «Jim Knopf» vor. «Dieses nach vorne offene, grossräumige Erzählen löst in mir noch heute Glücksgefühle aus», sagt der Autor. Die kurze Form interessierte ihn folglich nie. Und selbst sein Hobby, das Insektenforschen, ist eine unendliche Geschichte.

Fast jede Woche entdeckt er am Wegrand ein Insekt, das er noch nicht kennt. «Und das, ohne in fremde Länder reisen zu müssen.» Der Blick auf seine nahe Umgebung prägt wiederum seine Romane. Das Label «Lokalkolorit» ist ihm aber nicht geheuer. «Ich will, dass meine Geschichten überall funktionieren», sagt Giuliano Musio und blickt in Richtung Küste.