Gut drei Wochen nach seinem 83. Geburtstag ist am 26. Dezember 2017 der Schweizer Philosoph Hans Saner gestorben. Man hatte länger nichts mehr von ihm vernommen. Er war schon länger schwer krank und langsam verstummt.

Saner wird meist zusammen mit Karl Jaspers genannt. Er war – spät berufen zur Philosophie – an der Universität Basel sein Assistent geworden und betreute später seinen Nachlass. Als enger Mitarbeiter Jaspers (1962 bis zu dessen Tod 1969) hatte er einen privilegierten Einblick in eine wichtige Epoche der europäischen Philosophie. Jaspers war Zeuge der persönlichen Katastrophe Martin Heideggers, der den Lockrufen des Nationalsozialismus erlag.

Die «Freundschaft» zwischen Heidegger und Jaspers war kompliziert. Hans Saner hat zusammen mit Walter Biemel den Briefwechsel der beiden herausgegeben. Über ihren früheren Liebhaber Heidegger, aber auch über vieles andere hat sich auch die Philosophin Hannah Arendt mit Karl Jaspers brieflich ausgetauscht. Auch diesen Briefwechsel hat Saner mit herausgegeben.

1934 geboren und in der vom Krieg verschonten Schweiz aufgewachsen hatte Saner dadurch eine besondere Perspektive auf die Abgründe der Philosophie gewonnen. Bevor er das Studium aufnahm, war er Lehrer im Kanton Bern. Er stammte aus einer Täuferfamilie, dies prägte sein Verhältnis zur Religion und zum Christentum. Was es bedeutet, in der Schweiz «ein Intellektueller» zu sein, war ihm deshalb bewusster als anderen, die einfach in eine Universitätslaufbahn hineinrutschen. Ihm gelang dieser Schritt nicht, die Berufung an die Universität Bern kam nicht zustande. Offenbar war er damals einigen massgeblichen Leuten zu links. So wurde er Dozent an der Musikakademie Basel und Publizist.

Verständlich, nicht populär

Man hat Saner oft attestiert, er verwende «eine Sprache, die man versteht». Dies heisst nicht, dass er «populär» sein wollte. Interviews gab er nur, wenn bestimmte Bedingungen gewahrt wurden. Ausschliesslich in Standardsprache solle gesprochen und das Gesprochene später – wenn überhaupt – nur geringfügig redigiert werden, verlangte er. Er vertraute der Spontaneität des Gedankens und wollte keine Pose und nachträgliche Stilisierung.

Aber es war ihm klar, dass der Intellektuelle nicht schweigen darf. Nicht als Besserwisser sollte er auftreten, die «politische Aufgabe der Intellektuellen in der Demokratie» definierte er 1988 so: «Dem Bürger auf eine verständliche Weise zu zeigen, was dieser Staat sein wollte, welche Aufgaben er sich selber in der Völkergemeinschaft zugedacht hat, was er heute noch sein könnte und was er in seinen faktischen Handlungen wirklich ist.»

Demokratie fasste er mit John Rawls als «ein fast gerechtes System». Gleichzeitig müsse man klar sehen: «Nichts garantiert, dass sie gerechtigkeitsstabil ist.» Die schweizerische Demokratie betrachtete er misstrauisch, sprach zuweilen von einer «Demokratie im Zerfall». Inwiefern in einer solchen Situation der Bürger zum Widerstand legitimiert oder sogar verpflichtet sein könnte, darüber dachte er in mehreren Texten nach.

Toleranz war ihm suspekt

Das Problem stellt sich nicht zuletzt als ein solches der Identifikation. Wie kann ich mich mit einem System identifizieren, das sich von seinen eigenen Grundsätzen entfernt? Identifizierung mit der Schweizer Demokratie findet heute oft verkürzt statt. «Da isch nümme mini Schwiiiz.» Man verwechselt einen illusionären als «früher» imaginierten Zustand mit der Idee. Solche Identitätsideologie ist heute durchgehend ein Motiv populistischer Politik.

Saner sah das Problem bereits früh und in aller Schärfe. Die Begriffe «Multikulturalität» oder «Toleranz» waren ihm suspekt. In eine Kultur wird man hineingeboren, «Enkulturation» heisst beides: Das Sich-Aneignen eines Bestandes und der Mitwirkung an seinem Wandel durch Weiterproduktion. «Konvivialität», das war sein Begriff: Zusammen leben können. «Toleranz» war es ebenfalls nicht. Sie ist entweder herablassend: Man ist halt tolerant. Und dann meist nicht ehrlich: Toleranz gibt es nur mit Zähneknirschen – wenn es nicht anders geht.

Gegen intellektuelle Überheblichkeit war er unerbittlich: «Das Paradox ist unaufhebbar: Man muss den Irrtum als Möglichkeit wollen, um wahr sein zu können.»