So kann es Schlossherren gehen, wenn das Volk feiert. Das Argovia-Fäscht im Birrfeld beeinträchtigte am Samstag das exponierte Schloss Brunegg derart, dass dort um 17 Uhr kein klassisches Pfingstfestival-Konzert stattfinden konnte. Die Organisatoren mussten kurzerhand umdisponieren, im Brunegger Restaurant Sternen gibt es einen edlen Cheminée-Raum, der genügend Leuten Platz bietet.

Hier stand nicht nur rechtzeitig ein zweiter Steinway-Flügel bereit, auch die Aufnahmetechnik von Radio SRF 2 musste neu eingerichtet werden, um das Konzert aufzeichnen zu können. «Claire’s Choice» war angesagt. Es ist immer interessant, wenn Künstlerpersönlichkeiten die Stücke spielen, die ihnen besonders am Herzen liegen.

Claire Huangci ist in unseren Breitengraden spätestens seit ihrem Gewinn des renommierten Geza-Anda-Wettbewerbs 2018 in Zürich ein Begriff. Dieser Wettbewerb ist insofern speziell, als hier – ganz im Geiste des genialen Mozart-Interpreten Geza Anda – über die technische Brillanz hinaus die musikalische Gestaltung entscheidend mit- juriert wird.

Die in Amerika aufgewachsene Chinesin gewann nicht nur den Hauptpreis, sie bekam vom Publikum auch den «Mozart-Preis» zugesprochen. Mozart – das wissen alle Musiker(innen) – fordert in seiner Schlichtheit höchste Musikalität, und auch die bringt Huangci mit. Ihre «Speisekarte» für das Rezital am Samstag war delikat und dramaturgisch mitreissend. Sympathisch war auch, dass die zierliche Künstlerin das Programm kurzerhand umstellte und neu ansagte.

Mit freudiger Brillanz

Sie begann nicht mit Mozart, sondern mit Scarlatti, dessen Cembalosonaten zwar bekannt sind – unter anderem, weil sie Johann Sebastian Bach beeinflusst haben – man hört sie aber selten im Konzertsaal. Virtuos verspielt machte sich Huangci an den 1. Satz der Sonate in h-Moll K. 27 und brachte auch die spanische Folklore, die Scarlatti inspiriert hatte, eindrücklich zur Geltung.

Nun war sie bereit für Mozarts Sonate B-Dur KV 333. Herrlich, wie sie im Andante cantabile phrasierte und es mit subtilem Anschlag ausdifferenzierte, um dann im Schlussrondo loszulegen: mit kernigen Läufen, markantem Zugriff und freudiger Brillanz. Schade, dass man dabei ihren Pedaleinsatz als dumpfes Geräusch wahrnahm, spielt sie doch mit hohen Absätzen und tritt es entsprechend von oben.

Neben Mozart bestehen zu können, ist für einen heutigen Komponisten nicht einfach. Huangci spielte die «Albumblätter» von Mischa Käser, der diesmal Composer in residence ist, gleich nach der Mozart-Sonate. Es handelt sich um kurze, fast pointillistische Charakterstücke aus dem Jahre 1988, als Käser noch bei Roland Moser studierte. Huangci spielte sie mit grosser Empathie, sie erfasste die unterschiedlichen Charaktere genau und gestaltete sie mit subtilem Anschlag, dramaturgischer Raffinesse und kecker Akzentsetzung. Der Applaus dafür war herzlich und galt der Pianistin wie dem anwesenden Komponisten gleichermassen.

Eine ganz andere Welt

Der zweite Teil dieses Rezitals offenbarte dann eine ganz andere Welt. Claire Huangci steigerte sich so richtig in die vier von ihr ausgewählten Préludes von Sergej Rachmaninow. So zierlich sie von Gestalt ist, mit welchem Schwung und welcher Kraft sie die vollgriffigen Passagen auftürmte, raubte einem den Atem. Es ist ja bekannt, welch grosse Hände Rachmaninow selber hatte, entsprechend weite Griffe gilt es hier virtuos zu bewältigen. Huangci donnerte los und hielt den Klang pedaltechnisch dennoch transparent, das war sensationell!

Ihr Rezital schloss sie mit der hochvirtuosen «Toccatina»-Etüde op. 40 Nr. 3 des unbekannten Ukrainers Nikolai Kapustin (*1937), deren jazzige Rhythmen bei Huangci nur so stoben. Das davon hell begeisterte Publikum wurde nun in die Pause entlassen, um sich danach noch Antonín Dvořáks Klavierquartett op. 87 zu Gemüte zu führen. Das Streichtrio bildeten die Geigerin Rosanne Philippens der Bratschist Jürg Dähler und der Cellist David Cohen. Die vier spielten wie aus einem Guss und zelebrierten den üppigen vollen Klang, wobei einen Claire Huangci immer wieder mit agogisch subtilen Übergängen überraschte.