Sie müssen überleben – also werden sie hemerophil. Das ist nichts Perverses oder Verbotenes. Und gäbe es ein Verbot, beachteten sie es nicht. Sie gehen mit Bestimmtheit einen darauf zwitschern, erstaunlich pünktlich, in aller Herrgottsfrüh; man könnte die Uhr nach ihnen richten. Es sind Vögel.

Jeder hört sie gern, jeder spricht entzückt von ihnen. Und schaut dann nicht hin, wo die Zivilisation brachial die Piepmatze vergrämt. Man sieht ein Weibchen auf einer Brache brüten, und rundum schwenken für eine neue Betonstadt die Kräne. Still verschwindet eine Vogelart nach der andern. Es sei denn, sie passen sich dem grössten Feind an und werden – eben – hemerophil, heisst: sie folgen der menschlichen Zivilisation.

Man muss unwillkürlich lachen, wenn eine Amsel in einem Velokorb ihr Nest gebaut hat. Oder Meisenküken in einem Briefkasten nach Futter piepsen. Und sogar ein Aschenbecher am Portal der Firma vom aufgezwungen hemerophilen Federfreund als Familiensitz not-besetzt wurde. Das sind alles Szenen, die in einem neuen Film vorkommen: «Welcome to Zwitscherland – wie das Land, so die Vögel».

Der offizielle Filmtrailer zu «Welcome to Zwitscherland».

Treue Begleiter

Der Untertitel gibt die Leitlinie vor, worauf die so unterschiedlichen Geschichten der Vögel erzählt werden: Sie alle – die Vögel – sollen uns indirekt unsere Eigenarten vor Augen führen. Denn da gebe es Wahlverwandtschaften, Parallelen, Unterschiede. Manche dieser Analogien wirken ohne grösseren Kommentar einleuchtend; andere sind spürbar der Skriptidee geschuldet, phasenweise daher bemühend; einige ächzen gewaltig unter der erzählerischen Zwangsmanschette.

Viel plausibler ist die zweite Leitspur: Eine namentlich nicht genannte Frau folgt ihrem verstorbenen Vorfahren, der sich das halbe Leben lang mit still brennendem Enthusiasmus für Vögel interessiert hatte und viel seiner Beobachtungen in ein Feldbuch eintrug.

Die Erklärung dazu stimmt ohne Wenn und Aber: «Vögel begleiten uns – ohne dass wir das bewusst wahrnehmen würden – ein Leben lang. Sie sind unweigerlich Teil der Erinnerung und damit der eigenen Wurzeln und des Gefühls, zu Hause zu sein.»

Autor des Films und des Buchs, auch Kameramann und Cutter, ist der Basler Marc Tschudin (52). Er war zunächst Fotojournalist, dann wechselte er zu Film und Fernsehen. Die Idee zum Film sei ihm vor ein paar Jahren gekommen, während der Arbeit zu einem Film für die Vogelwarte Sempach.

Kapitelweise werden Themen angesprochen wie Heimweh, Wehrbereitschaft und die Nachbarn, «Nah und Bern», Zugwind und Vogelzug – vom Wiedehopf etwa ist nicht klar, ist das ein nach Afrika auswandernder Schweizer oder ein Afrikaner mit Vorzugsdomizil Schweiz?

Ohne Klischees zu kratzen, bisweilen auch zu rammen, geht das phasenweise nicht. Es braucht dann auch etwas viel Kommentar, um die hergeholten Parallelen zu erläutern. Schade drum, weil das Beste, das Packende, das Ergreifende, auch Amüsante am Film, kurz: alles Lebendige von den Vögeln herkommt. Nicht überraschend. Wenn man dem Zauber aber genauer nachspürt, dann sind es diese ungemein stark-stillen Bilder von der Vogelwelt, aber auch generell.

Vorbild und Trostspender

Da muss dann sogar überhaupt kein Vogel mehr herumflattern, um trotzdem eine Szene zu erhalten voller Zauber. Man müsste beispielsweise mal einen drögen Pendlermorgen mit den Augen Tschudins sehen – man wäre betört von der angeblichen Monotonie.

Auch ein banaler Zutritt zu einer Stadtwohnung wird bei Tschudin zum ästhetischen Genuss.
Ganz zu schweigen von den Szenen mit den Vögeln. Statt krampfhafter Analogien hätte man sich mehr präzise Erzählung zu den Vögeln gewünscht. Das, was man lernt, ist erstaunlich genug.

Die Pünktlichkeit des Gezwitschers am frühen Morgen nannten wir bereits. Das eiskalte Ausharren eines Vogels, der sich als Waldboden tarnt und wirklich nur dem Kenner auffällt, dem Kenner mit Engelsgeduld, ist etwas Zweites. Die Szene, wo ein Vogel auf dem Pistenkreuz eines Airports landet und sich verzieht, als über ihm eine brachiale Flugmaschine des Menschen hereindonnert, ist tief ernst und ironisch zugleich. Die Szene macht den Auftakt im Film. Der Vogel kehrt zurück. Und man weiss: Eines Tages kommt er nicht mehr retour.

So ist das wunderschön und traurig zugleich. Trost spenden – einmal mehr – die Vögel. Der Film geht dort am besten unter die Haut, wo der Vogel den Vordergrund ausfüllt als Hauptobjekt. Und im Hintergrund Menschen vorbei schlurfen, ohne Sinn und Auge für das Wunder gleich nebenan. Zuweilen ist das grotesk, wie in Swissminiatur, wo Spatzen die Puppenschweiz als Fluggiganten beherrschen.

Der Vogel ist hemerophil. Es sollte umgekehrt sein: Der Mensch besinne sich und werde ornithophil.

Welcome to Zwitscherland (CH 2018) 84 Min. Regie: Marc Tschudin. Ab jetzt im Kino. ★★★☆☆