Erst ist da nur ein Gang. Grauer Boden, weisse Wände, Licht, das von der Decke hinunter leuchtet. Unruhe liegt in der Luft, als stünde etwas Unheimliches bevor. Vielleicht weil man allein hier drin ist, im Kunsthaus Baselland, wo man sonst durch so offene Räume schlendert und sich anschaut, worauf man Lust hat. Die Unbefangenheit, mit der man sich sonst durchs Museum bewegt, hat einer Spannung Platz gemacht. Und einer Gewissheit: Hier kommt was Grosses.

Rebecca Kunz kommt 1986 in Bern zur Welt. Nach der Matur macht sie ein Praktikum in einem Architekturbüro, merkt aber rasch, dass die Arbeit nichts für sie ist. «Zu flach.» Räume faszinieren sie, aber es reicht nicht, sie nur auf Plänen und Modellen umzusetzen. Sie hängt ein Studium in Visueller Kommunikation an und gründet mit ihrer Studienkollegin Rebekka Schaerer das Künstlerinnenduo Rebecca Rebekka. Auch hier stehen keine konkreten Räume im Zentrum. Dafür aber die Möglichkeit, sich künstlerisch auszudrücken – die beiden Frauen spiegeln sich, führen spielerische Interventionen durch, machen Tiere aus Brotlaiben und alten Pinseln, die sie zu Herden zusammensetzen und im Ausstellungsraum verteilen. Eine erfüllende Arbeit, vor allem für Rebecca Kunz, die jetzt definitiv merkt, dass ihre Zukunft nicht im Architekturbüro liegt. Drei Jahre arbeiten die beiden Frauen zusammen, dann trennen sie sich und Kunz zieht nach Basel: Master in Fine Arts. Die Faszination für Räume nimmt sie mit.

Besuch im Schauerhaus

Nach zweimal links abbiegen eine Tür, man drückt die Klinke, betritt den Raum und es ist, als hätte man lange die Luft angehalten und dürfte jetzt endlich ausatmen. Ein Raum, so weiss, dass die Konturen verschwimmen. Keine Ecken sind zu sehen, keine Indikatoren, wo die Wände aufhören und der Boden beginnt. Hinten links ist eine Tür auszumachen, man behält sie im Auge, sie ist neben der Decke der einzige Fixpunkt. In der Dramaturgie dieser Arbeit stellt dieser Raum für Kunz den Moment des Resets dar. «Ich will deine Speicherkarte löschen und neu programmieren». Erst der Gang, in dem sich die Spannung aufgebaut hat, und jetzt das hier, ein weites, unerträgliches Nichts. Dankbar schielt man zur Tür. Nichts wie raus hier.

Für ihre Masterarbeit beschliesst Kunz, alles auf eine Karte zu setzen. Sie findet ein leerstehendes Haus im Gellert und quartiert sich fünf Monate lang ein. Während dieser Zeit, erzählt sie, sei dieses Haus in sie hineingewachsen. Und umgekehrt. Das erinnert an die Schauerromane des 19. Jahrhunderts, in denen Häuser die psychischen Zustände ihrer Bewohner spiegeln und ein Eigenleben entwickeln. Ganz so gruslig steht es um das Haus im Gellert nicht, aber der Vergleich ist mit jedem Schritt präsent.

Kunz hat die Räume mit eigenen Mitteln verfremdet und ist dabei so subtil vorgegangen, dass die Interventionen nicht als solche zu erkennen sind: Wer hindurch läuft, hat das Gefühl, in einem höchst merkwürdigen Paralleluniversum gelandet zu sein. Alles scheint ein paar wenige Millimeter von der Wirklichkeit verschoben zu sein, gerade genug, dass es noch in den Realitätskatalog passt. Das Licht gerade rosa genug, dass es als Dämmerung durchgeht, die Zimmer zwar seltsam in die Länge gezogen oder verkürzt, aber nie so, dass sie surreal wirken. «Ich will, dass man etwas spürt», sagt Kunz und meint damit nicht die Bewunderung oder Freude, die man erlebt, wenn man sich vor schöne Kunst stellt. Sie will kein Betrachter-Werk-Verhältnis, sondern eine immersive Erfahrung ermöglichen. Wer in ihren Räumen steht, soll nicht nur den Raum, sondern auch sich selbst erfahren.

Die Arbeit bleibt während der Diplomschau 2018 der HGK ein Geheimtipp, sie befindet sich nicht wie die anderen im Kunsthaus Baselland. Dessen Direktorin Ines Goldbach kommt erst kurz vor Schluss vorbei und ist beeindruckt. Ein paar Tage später kriegt Kunz einen Anruf. Sie soll auf einen Kaffee im Kunsthaus vorbeikommen.

Magnetisch schön

Wieder ein Gang. Grauer Boden, eine Lifttür. Gehört sie dazu? Die Frage ist falsch gestellt. Kunz hat nichts dem Zufall überlassen. Aber das muss nicht heissen, dass auch alles eine Funktion hat. Der Gang führt weiter, an einer Tür vorbei, einmal ums Eck – und endet plötzlich. Da, wo es eigentlich weitergehen sollte, steht eine weisse Wand. Also zurück zur Tür.

Ines Goldbach sieht Potenzial, sie will Kunz für eine Einzelausstellung ins Haus holen. Wenn die Direktorin über die junge Künstlerin spricht, fallen grosse Worte: radikal sei sie, mutig. Es gäbe wenige Künstlerinnen und Künstler, die so kurz nach der Ausbildung schon eine solch bedingungslose Richtung einschlagen. Als Kunz klar wird, wie teuer die geplante Ausstellung im Kunsthaus Baselland kommt, schraubt sie nicht etwa ihr Vorhaben runter, sondern setzt sich an den Computer und schreibt Gesuche an Berner Stiftungen, Swisslos und Kultur Stadt Bern. Wenige Monate später hat sie das Geld zusammen.

Dieses Licht! Eine hellblaue Fläche strahlt einem von der Wand gegenüber entgegen, so magnetisch schön, dass man sich sofort an die sakralen Räume von James Turrell erinnert. Und was er einmal in einem Interview gesagt hat: Licht offenbart nicht, es ist selbst die Offenbarung. Auf dem sandbraunen Teppich liegen säuberlich gefaltete hellgrüne Steppdecken. Es ist das erste Mal, dass Kunz in dieser aufwühlenden Folge von Räumen Funktion andeutet: Was soll dieser Ort? Wozu wird er genutzt? Die Speicherkarte füllt sich langsam mit Inhalt. Es gibt, wie übrigens in allen anderen Räumen auch, keine Fenster zur Zerstreuung, kein Draussen zur Orientierung. Zeit und Emotionen ballen sich zu unangenehmen Klüngeln, nichts entweicht.

Auch wenn man es sich noch so wünscht: Der letzte Raum sorgt nicht für Erlösung. Im Gegenteil, er stellt das ganze Gerüst noch einmal auf den Kopf. Als man endlich aus der letzten Tür tritt, hat man das Gefühl, eine Weltreise hinter sich zu haben. Und will gleich noch einmal von vorne beginnen.

Rebecca Kunz, Kunsthaus Baselland. Bis 28. April, St. Jakobs-Strasse 170, Muttenz.