2017 war ein schwieriges Jahr für Eminem. Nach vier Jahren Sendepause lieferte der amerikanische Rapper mit «Revival» kurz vor Weihnachten 2017 ein Album ab, das alles andere war als die im Titel versprochene «Wiederbelebung». Fans und Kritiker waren sich schnell einig: Der erfolgreichste weisse Rapper aller Zeiten hatte seinen Biss verloren. Er tischte aufgeweichte Piano-Balladen auf, holte sich eine Armada von Gastsängern ins Studio (Beyoncé, Ed Sheeran, Alicia Keys und Pink), als gelte es, eine Charts- Compilation zusammenzustellen.

Der Flop als Antrieb

Der Comeback-Versuch war eine Bruchlandung – mit weltweit nur 1,1 Millionen verkauften Einheiten für Eminem-Verhält- nisse auch ein kommerzieller Flop. Man hätte dem Rapper nicht verübelt, wenn er sich nach dieser Niederlage aus dem Musikbusiness verabschiedet hätte. Doch genau das Gegenteil ist passiert. Am Freitag hat der 45-Jährige nur neun Monate nach «Revival» das Album «Kamikaze» veröffentlicht. Es gab keine Vorankündigung und anstelle einer breiten Werbekampagne einzig das Frontcover (eine Verneigung vor den Beastie Boys) und einen lapidaren Tweet aus der Feder des Künstlers: «Tried not 2 overthink this 1… enjoy.»

Er habe dieses Album nicht zerdenken wollen. Das klingt beinahe nach einem Schuldeingeständnis, nach Reue oder Bereitschaft zur Selbstkritik – allesamt Züge, die nicht zu Eminems herausragenden Eigenschaften zählen. Auch der Titeltrack eröffnet mit Zeilen, die erahnen lassen, dass die Kritik dem Superstar zugesetzt hat: «Okay, how do I say this? (fuck, fuck, fuck) Last year didn’t work out so well for me (fuck, fuck, fuck) Fuck last year.» Doch ist «Kamikaze» (dieses Mal passt der Titel) kein Album, auf dem der Mann aus dem Mittleren Westen seine Wunden leckt. Es ist eine Retourkutsche – mit Düsenantrieb und Sprengkopf.

Bereits im Opener «The Ringer» teilt Eminem in alle Richtungen aus wie ein Boxer, der sich aus einem Schwitzkasten befreien muss. In fünfeinhalb atem(be) raubenden Minuten bekommt die junge Garde amerikanischer Rapper ihr Fett weg, ehe Donald Trump ein paar wohlplatzierte Tiefschläge einstecken muss. Doch mit dem Präsidenten mag sich Eminem nicht lange aufhalten, denn sein wahrer Groll richtet sich gegen die Berufsgruppe der Kultur-Journalisten («But my beef is more media journalists»), die er bei Bedarf auch namentlich an den Pranger stellt.

Hier hätte Eminem freilich gut daran getan, seine Zeilen wenn nicht zu zerdenken, so doch zu überdenken. Dann wäre ihm vielleicht aufgefallen, dass es nicht sonderlich konsequent ist, den amerikanischen Präsidenten für seine Angriffe auf die Pressefreiheit zu schelten, um im nächsten Atemzug gegen Kritiker zu wettern, die einem Album eine schlechte Bewertung gegeben haben. Auch wirkt Eminem mit seinen 45 Jahren wie ein verbitterter Nostalgiker, der aktuelle Trends nicht versteht, wenn er gegen Trap und andere angesagte Hip-Hop- Genres wettert. Hier hätte der Superstar etwas mehr Grösse und Gelassenheit an den Tag legen können.

Eminem ist jetzt wirklich zurück

Andererseits will man von Eminem weder Reflektion noch Besonnenheit. Der Zeilenschmied war schon immer dann am besten, wenn er mit dem Rücken zur Wand rappte. Und das tut er auf «Kamikaze» wie lange nicht mehr: In «The Ringer» beweist er das Lungenvolumen eines Apnoetauchers, in «Not Alike» jagt er Wortsilben wie Handgranatensplitter in Richtung Harvey Weinstein, und im Endspurt von «Lucky You» fangen seine Stimmbänder Feuer. Technisch ist das rekordverdächtig, doch ist «Kamikaze» in seinen besten Momenten auch unglaublich lustig. Etwa in einer Zeile in «Fall», in der Eminem sich mit der Schrottkarre seines Gegenübers vergleicht: «Compare me to your car ’cause I’m just barely gettin’ started» – sinngemäss: Ich habe mich noch nicht mal warmgelaufen.

Vielleicht ist man dem Album besonders wohlgesinnt, weil man nicht mehr mit so einem Wurf gerechnet hätte. Nach den ersten paar Hördurchläufen ist man jedoch sehr versucht, «Kamikaze» zu Eminems bestem Album seit seinem prägenden Majorlabel-Debüt «The Slim Shady LP» von 1999 zu küren. Das mag hoch gegriffen sein, doch so viel steht auf jeden Fall fest: «Kamikaze» ist das ComebackAlbum, das «Revival» hätte sein sollen. 2018 wird ein gutes Jahr für Eminem.

Eminem «Kamikaze», Universal.