Am 29. Juli 1890 jagte sich Vincent van Gogh im Pariser Vorort Auvers-sur-Oise eine Kugel in den Bauch. Zwei Tage später erlag der niederländische Maler seinen Verletzungen. Er hinterliess über 800 Gemälde von unschätzbarem Wert – aber keinen Abschiedsbrief.

Weshalb beging der damals 37-Jährige Suizid? Darüber rätselten seine Zeitgenossen, die Forschung – und jetzt auch der ambitionierte Kinofilm «Loving Vincent», der am Dienstagabend das 15. internationale Animationsfilmfestival Fantoche in Baden eröffnete.

Nicht Suizid, sondern Mord?

«Loving Vincent» erzählt vom jungen Armand Roulin, der sich ein Jahr nach Van Goghs Tod aufmacht, einen Brief des berühmten Malers an dessen Hinterbliebenen zu übergeben.

Roulin reist nach Auvers und merkt in Gesprächen mit den Dorfbewohnern, dass sich ihre Aussagen über Van Goghs Tod oft widersprechen. War es nicht Suizid, sondern Mord? Roulin macht sich auf die Suche nach den wahren Umständen.

Freilich, viel spannender als diese etwas gar zusammengeschusterte Krimihandlung ist, was für prächtige und einzigartige Bilder «Loving Vincent» in unsere Netzhaut einbrennt.

So entstand «Loving Vincent»: Das Making-of eines einzigartigen Projekts.

Wer den 95-minütigen Animationsfilm schaut, erliegt bald einmal der Illusion, dass der niederländische Meister heute noch am Leben sein muss – und seinen Gemälden in der Zwischenzeit das Laufen und Sprechen beigebracht hat.

Von Hand gemalt

Der Clou: Der gesamte Film wurde in Van Goghs unverkennbarem Stil von Hand gemalt. Und seien wir ehrlich: Seine Pinselstriche liessen doch immer schon Motion erahnen.

Die beiden Co-Regisseure des Films, Hugh Welchman und Dorota Kobiela, stellten zunächst mit echten Darstellern (u.a. «Game of Thrones»-Star Jerome Flynn, Bild) die Szenen und Schauplätze aus Van Goghs berühmtesten Gemälden nach.

Im Zeitraffer: Künstlerin Dena Peterson malt eine Filmszene.

Diese Aufnahmen wurden dann auf Leinwände projiziert, die insgesamt 115 Maler aus ganz Europa mit Ölfarbe nachmalten. Am Schluss resultierten 65 000 solcher Gemälde, die nacheinander abgespielt den Film ergeben.

Bewegtes Van-Gogh-Gemälde eröffnet Fantoche

Das Publikum in Baden ist begeistert.

Schwindelgefühle

Das alles zu betrachten, kann zunächst Schwindelgefühle auslösen. Doch schon nach wenigen Minuten fühlt es sich so an, als hockten wir selber in Van Goghs berühmtem «Nachtcafé» (1888) oder als streiften wir durch sein «Weizenfeld mit Zypressen» (1889). Der mitreissende Soundtrack von Clint Mansell («Black Swan») tut das Übrige.

Keine Frage: «Loving Vincent» ist ein grossartiger Auftakt in das Festival, das den «Fan» zu Recht schon in seinem Namen trägt. Auf keinen Fall verpassen!

Loving Vincent Vorführungen am Fantoche: Do 7.9., 20:45; Sa 9.9., 14:15; So 10.9., 16:15. Kino Trafo, Baden