Der Tod gehört zum menschlichen Dasein. Trotzdem fällt es uns nicht leicht, mit ihm umzugehen, vor allem, wenn er von uns geliebte Menschen trifft oder uns selber bevorsteht. Dann müssen wir uns Fragen stellen, mit denen wir uns am liebsten nicht beschäftigen würden. Fragen wie: Was bleibt von einem Menschen nach seinem Tod? Was bedeutet dessen Verschwinden für die Hinterbliebenen? An was erinnern wir uns und was vergessen wir?

Die Aargauer Regisseurin Nathalie Oestreicher scheute sich nicht vor diesen Fragen, sondern stellte sich ihnen in ihrem Dokumentarfilm «Apfel und Vulkan», der 2017 den Basler Filmpreis gewonnen hat und kommenden Donnerstag in den Kinos anläuft.

Den Anstoss zum Dokumentarfilm gab Oestreichers Freundin Fabienne. Sie ist an Krebs erkrankt und ihr bleibt nicht mehr viel Zeit. Ihre grösste Sorge gilt nun ihren zwei kleinen Töchtern. Da die Regisseurin als Kind ihren Vater und später ihren grossen Bruder verloren hatte, will Fabienne von ihr wissen, was auf ihre eigenen Töchter bald zukommen wird.

Doch Oestreicher muss feststellen, dass sie keine Antworten hat und ihre eigenen Erinnerungen alles andere als verlässlich sind. Die Gespräche mit Fabienne führen die Regisseurin so auf eine filmische Suche nach Antworten, die auch ihre eigene Familiengeschichte umfasst.

Gratwanderung

«Apfel und Vulkan» zeigt uns von der ersten Sekunde an die subjektive Sicht der Regisseurin, eingefangen mit unscharfen Bildern, welche die Kurzsichtigkeit von Oestreicher suggerieren. Mit der Erzählstimme aus dem Off (Susanne-Marie Wrage) und ihrer Präsenz vor der Kamera ist Oestreicher zugleich Protagonistin und Bezugsperson für den Zuschauer. Sie führt uns durch die Gespräche mit Fabienne sowie ihrer eigenen Mutter und jüngeren Schwester.

Der Trailer zum Film:

War der Film nicht eine Zumutung für Oestreichers Familienmitglieder, die sich den Tod geliebter Menschen in Erinnerung rufen mussten? «Das war natürlich eine Gratwanderung: Wann ist etwas zu persönlich und wann ist es universell?», erzählt Oestreicher. «Als Filmemacherin hat man eine grosse Verantwortung und es ist wichtig, dass man auf Augenhöhe ist mit den Menschen. Ich will keine Filme machen, in denen ich jemanden zwinge, etwas zu sagen.»

In «Apfel und Vulkan» nimmt der Zuschauer hautnah teil an intimen Momenten der Familie Oestreicher. Zum Beispiel, als sich die Regisseurin und ihre Schwester daran erinnern, wie sie ihren Vater tot im Wohnzimmer auffanden. Oder wenn Oestreicher auf den Berg klettert, wo ihr Bruder an einem Wintermorgen tot aufgefunden wurde.

Das sind berührende Szenen, die einem nahe gehen. Szenen, die Oestreicher auch kritisch reflektiert: «Es gab einige Momente, in denen ich mich fragte: was mache ich da? Zum Beispiel als ich auf den Berg kletterte, wo mein Bruder starb; ist das etwas, wo man mit der Kamera hingeht?»

Im Nachhinein habe sie aber gemerkt, dass diese Szenen wichtig sind, nicht zuletzt wegen Fabienne. Sie sei die Erste gewesen, die Oestreicher nicht als Opfer gesehen habe und sie so zwang, ein anderes Licht auf ihre eigene Geschichte zu werfen.

Herzerwärmende Fabienne

Obwohl der Film ein schweres Thema anspricht, kriecht man als Zuschauer am Ende des Abspanns nicht aus einem deprimierenden Loch hervor. Das liegt einerseits daran, dass Oestreicher auch heitere Momente ihres Familienalltags einfängt.

Ein weiterer Grund ist Fabienne. Wie sie angesichts ihres Todes offen über ihre Ängste, aber auch Hoffnungen spricht und ihre humorvolle Persönlichkeit aufblitzen lässt, ist herzerwärmend.

Dem pflichtet auch die Regisseurin bei. «Fabienne ist unglaublich. Sie ist so konkret in dem, was sie sagt und wie sie es sagt. Nach vielen Begegnungen im Vorfeld kam es schlussendlich zu zwei Gesprächen für unsere Filmaufnahmen, bei denen sie genau wusste, was sie sagen und hinterlassen wollte.»

Durch den ganzen Film hinweg beweist Oestreicher Fingerspitzengefühl mit den Akteuren. Sie wirkt weder aufdringlich noch verkommt die subjektive Form des Filmes zur Nabelschau. Während des Interviews hebt Oestreicher hervor, dass Fabienne ihr keine Auflagen für den Film gemacht habe. Dennoch sei es ihr wichtig gewesen, dass alle Beteiligten den Film gesehen haben und dahinter stehen können.

Was soll man als Zuschauer am Ende mitnehmen von ihrem Film? «Ich habe keine allgemeingültigen Rezepte für den Umgang mit dem Tod. Mir ist es wichtig, dass man im Kino traurig sein, aber auch lachen kann. Denn das Leben ist so, mängisch isches alles mitenand

Apfel und Vulkan (CH 2017) 81 Min. Regie: Nathalie Oestreicher. Ab Do. 14.6. im Kino. Vorpremiere Di. 12.6. in Anwesenheit von Nathalie Oestreicher, Kino Freier Film, Aarau.