Vor jedem Film, der in Cannes gezeigt wird, läuft ein kurzes Introvideo des Festivals. Es beginnt im Meer, dann schwenkt die Kamera hinauf in den Nachthimmel. Vor den Sternen bauen sich rote Stufen auf, sie führen höher und höher. Ganz oben, nach der letzten Stufe, erscheint schliesslich, prächtig glänzend, das offizielle Logo der Filmfestspiele. Die Botschaft des Videos: Cannes ist die Spitze der Filmwelt. Höher kann es für den Film, der gleich folgt, gar nicht gehen.

Die roten Stufen im Video repräsentieren die «montée des marches»: den berühmten roten Treppenaufstieg vor dem Palais, wo alle grossen Filmpremieren stattfinden. Hinter dem Palais reihen sich die Jachten, vor dem Palais erstreckt sich die Croisette mit Gucci-, Prada- und weiteren Luxusmarkenshops. Cannes ist die Stadt des Reichtums und des Glamours. Es sind die Schönen und Mächtigen, die während der zwölf Festivaltage die «montée des marches» hochsteigen. Studiochefs, Sponsoren, Mäzene und Filmstars schreiten durch ein Blitzlichtgewitter, vorbei an kreischenden Fans – und stürzen sich in ein Paralleluniversum. Was auf den Kinoleinwänden im Palais gezeigt wird, könnte meistens nicht weiter entfernt sein von der Lebenswirklichkeit dieser Reichen und Schönen.

Banlieues und Flüchtlinge

Glamouröse Hollywoodfilmpremieren wie Quentin Tarantinos «Once Upon a Time in Hollywood» sind in Cannes zur Ausnahme geworden. Heute sind es sozialrealistische Autorenfilme aus Europa und Asien, die im Wettbewerb des Festivals den Ton angeben. Filme, die nicht ganz oben, sondern ganz unten spielen. «Les misérables» etwa nimmt die Pariser Banlieues ins Visier und erzählt von Polizeigewalt an Jugendlichen. Der 39-jährige Regisseur Ladj Ly, dessen Eltern einst aus Mali nach Paris kamen, ist in diesem Milieu aufgewachsen. Die 36-jährige Regisseurin Mati Diop wuchs ebenfalls in Paris auf und hat Wurzeln im Senegal. Ihr Film «Atlantique» handelt von einer missglückten Mittelmeerüberquerung.

Diop und Ly haben es beide mit ihren Debütfilmen auf Anhieb in den Wettbewerb von Cannes geschafft. Sie repräsentieren die aufregenden neuen Stimmen, die es dieses Jahr mit Veteranen wie Ken Loach aufnehmen. Der 82-jährige Brite dreht wütende Filme über die Ausbeutung der Arbeiterklasse. Mit seinem neuen Film «Sorry We Missed You», der von einer SpitexPflegerin handelt, könnte Loach zum dritten Mal die Goldene Palme gewinnen. Der gewaltige Kontrast zwischen seiner Filmwelt und jener des Festivals ist ihm nicht entgangen: «Ja, unsere Filmpremiere fand in Sichtweite der Bucht statt, wo die Jachten der Milliardäre liegen. Doch das Kino nährt sich aus solchen Gegensätzen.»

Was das bedeutet, verdeutlicht Ruben Östlund. Der schwedische Regisseur stellte diese Woche in Cannes sein Filmprojekt «Triangle of Sadness» potenziellen Investoren vor. Er handelt von Supermodels, die auf einer Jacht vom – marxistischen – Kapitän vergiftet werden. Östlunds letzter Film «The Square» hatte vor zwei Jahren in Cannes Premiere gefeiert, und eine Szene darin hatte er speziell im Hinblick auf das Festival geschrieben. Sie zeigt ein Gala-Dinner, das ausartet. «Ich wollte den Zuschauern in Cannes, die sich ebenfalls in Smoking und Abendkleid werfen, mit dieser Szene einen Spiegel vorhalten», sagt Östlund. Die Wettbewerbsjury belohnte ihn mit der Goldenen Palme.

Was löst dieser Blick in den Spiegel bei den erlauchten Premierengästen aus? Was passiert, nachdem sie durch den Palais-Ausgang wieder aus den Tiefen der cineastischen Parallelwelt herausgeklettert sind? Nun, die Nacht ist jung. Und in den teuren Hotels und auf den teuren Jachten ist man mit sich und seiner privilegierten Welt schnell wieder im Reinen.

In Weinsteins Schatten

Man darf nur nicht zu genau hinsehen. Der «Hollywood Reporter» berichtete jüngst in einem Exposé von jungen Frauen, die jedes Jahr mit grossen Ambitionen nach Cannes kommen. Auf den Jachten würden ihnen Filmproduzenten aus Hollywood Rollen anbieten – im Tausch gegen Sex. Über Cannes liegt immer noch der Schatten von Harvey Weinstein. Der in Ungnade gefallene Ex-Studiochef galt als Partykönig von Cannes. Viele seiner Hotelzimmer-Skandale, die im Herbst 2017 aufflogen, sollen sich in dieser Stadt, während des Festivals, ereignet haben.

In Cannes lief dieses Jahr ein Film, der auf den Fall Weinstein anspielt: «Nina Wu» des taiwanesischen Regisseurs Midi Z handelt von einer glücklosen Schauspielerin, die eine prominente Rolle erhält, nachdem sie von einem Filmproduzenten vergewaltigt wurde. Hauptdarstellerin Wu Ke Xi, die auch das Drehbuch geschrieben hat, sagt, dass sie mit dem Film die von übermächtigen Männern dominierte Filmindustrie kritisiere. «Bei meinem ersten Filmdreh hat mich der Regisseur geohrfeigt, weil ich es wagte, ihm eine Frage zu stellen», erzählt Wu. «Niemand auf dem Set sagte etwas, denn keiner wollte den Job verlieren.» Nach der Premiere wurde «Nina Wu» als wichtiger #MeToo-Film gefeiert.

Die grössten Ausrufezeichen setzen in Cannes die asiatischen Filme. Nachdem letztes Jahr mit «Shoplifters» ein japanischer Film die Goldene Palme gewann, gilt heuer «Parasite» aus Südkorea als aussichtsreicher Kandidat. Das Meisterwerk von Bong Joon-Ho handelt von einer verarmten Familie, die sich mit Lügen und Tricks in das Anwesen einer reichen Familie hineinwurmt – mit fatalen Konsequenzen. «Nicht nur bei uns in Korea verhärten sich die Fronten zwischen den sozialen Klassen», sagt Hauptdarsteller Song Kang-ho. «Doch keiner spricht darüber.» Umso wichtiger sei es, die sozialen Spannungen in Filmen zu reflektieren. An einem Ort wie Cannes, wo man von ganz oben bis nach ganz unten blicken kann.