Das Bild ist immer noch in den Köpfen. Cannes-Jurypräsidentin Cate Blanchett hat den linken Arm um Agnès Varda gelegt. Zusammen mit 80 Kolleginnen, einander eingehängt oder an der Hand haltend, marschieren sie die Stufen des Kinopalasts in Cannes hoch, um gegen die Untervertretung von Frauen in der Filmindustrie zu protestieren. Zwei Tage später hat Festivaldirektor Thierry Frémaux die Charta der Gruppierung 5050x2020 unterschrieben. Schwesternorganisationen in den USA und Grossbritannien (Time’s Up), Italien, Spanien und Griechenland unterstützen die Forderung nach einer Balance der Geschlechter bis zum Jahr 2020.

Frémaux hat sich verpflichtet, Statistiken darüber zu erstellen, wie viele Filme von Frauen und wie viele von Männern eingereicht wurden. Weiter soll transparent gemacht werden, wer die Filme auswählt. Das langfristige Ziel: Es soll Parität in allen Entscheidungsgremien herrschen. Das Filmfestival Venedig hat im August 2018 nachgezogen, die Berlinale diesen Februar.

Nur vier Regisseurinnen

Jetzt, ein Jahr später, stellt sich die Frage: Hat Cannes geliefert? In der Tat traf am Montag, ein Tag vor Festivalbeginn, eine Medienmitteilung mit Zahlen ein, die belegen sollen, dass das Festival gewillt ist, seine Verpflichtungen einzuhalten: Das Cannes-Organisationsteam 2019 hat einen Frauenanteil von 48 Prozent; das Auswahlkomitee besteht aus je vier Frauen und Männern; bei der Besetzung der verschiedenen Jurypräsidien wurde auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis geachtet.

Interessant sind die erstmals erhobenen Zahlen, wie viele Filme von Frauen eingereicht wurden: 26 Prozent im Bereich Langfilme, 32 Prozent bei den Kurz- und 44 Prozent bei den Abschlussfilmen von Filmschulen. Bei 19 von den insgesamt 69 Filmen in der offiziellen Auswahl hat eine Frau Regie geführt, das sind ganze 27,5 Prozent.

Eine jetzt erschienene vergleichende Studie von 5050x2020 belegt, dass der Anteil Regisseurinnen im Wettbewerb seit Beginn der Festivalgeschichte im Jahr 1946, obwohl ansteigend, die 20-Prozent-Marke nie überschritten hat, auch heuer nicht. Vier Regisseurinnen und 17 Regisseure sind im Wettbewerb, 19 Prozent.

Mati Diop ist die erste schwarze Regisseurin, die mit ihrem Debütfilm «Atlantique» im Wettbewerb ist und damit auch um die Goldene Kamera konkurriert. Die Frauenfrage lässt ein bisschen vergessen, dass es in der 5050x2020-Charta auch um Vielfalt geht. Die 36-jährige Pariserin, Tochter einer Französin und eines Senegalesen, hat sich selber gefragt, inwiefern ihr Geschlecht bei der Auswahl eine Rolle gespielt habe, wie sie dem «Hollywood Reporter» berichtete. Dass ihre Hautfarbe ein Faktor gewesen sein könnte, dessen sei sie sich nicht einmal bewusst gewesen. In Frankreich werde sie in erster Linie als Französin betrachtet.

Imagepflege oder nicht, Cannes hat etwas getan. So wurde im Palais auf Klage von weiblichen Teilnehmern ein Bereich eingerichtet, wo Mütter ihre Kinder stillen können. Letztes Jahr mussten sie dafür noch in den nahen Park ausweichen. Für ein Festival, das man oft mit Jacht-Partys voller Prostituierter assoziiere und das 2015 für den roten Teppich Highheels vorschrieb, sei das ein merklicher Wandel, schreibt der «Hollywood Reporter». Eine wesentliche Forderung aber hätten die Cannes-Verantwortlichen noch nicht erfüllt: Daten zur Demografie von Filmschaffenden und Festival-Hauptverantwortlichen zu erheben und transparent zu machen.

Filmfestivals seien die letzte Station einer Reise, die an den Filmschulen beginnt, wiederholte Frémaux im April. Damit hat er irgendwie recht. Doch ist an grossen Filmschulen wie den Universitäten von New York und Southern California knapp die Hälfte der Studentenschaft weiblich. Der Anteil von Filmen, die von Frauen eingereicht werden, wird also immer mehr gegen die 50-Prozent-Marke tendieren, irgendwann auch bei den Langfilmen. Frémaux muss garantieren, dass sich das in der Auswahl widerspiegelt. Damit ist noch nichts darüber gesagt, dass weibliche Filmemacher oft grössere Hürden zu überwinden haben und sie vielfach nicht dieselbe Aufmerksamkeit bekommen wie Männer, bemerkte die schottische Schauspielerin Tilda Swinton am Mittwoch. 5050x2020 wird in Cannes wieder einen Event organisieren, wo die diesjährige Ausgabe analysiert wird und neue Ziele formuliert werden. «Wir werden sehen, was passiert», sagt Frémaux.

Petition gegen Alain Delon

Und der Festivaldirektor hat noch ein Problem. Am Dienstag berichteten französische Medien von einer Online-Petition, die sich gegen die Auszeichnung von Alain Delon mit der goldenen Ehrenpalme richtet. Der französische Schauspieler hatte in den letzten Jahren mit unrühmlichen Fernsehauftritten auf sich aufmerksam gemacht, wo er Nähe zum Front National durchblicken liess, Schwulsein als unnatürlich bezeichnete und sich selber als Macho – wenn eine Frau zu ohrfeigen bedeute, ein Macho zu sein. Thierry Frémaux konterte die Empörung mit dem Recht auf Meinungsfreiheit und das hohe Alter Delons.

Alles eine Frage der Generation? Damit mag es jeder halten, wie er will. Immerhin wurde der heute 83-Jährige 2012 auch in Locarno unter Festivaldirektor Olivier Père mit dem Ehrenpreis gefeiert. Man darf ihn für ein Ekel halten, ein grossartiger Schauspieler war er allemal. Aber, um mit Tilda Swinton zu sprechen, es gibt ebenso viele aussergewöhnliche Schauspielerinnen, die man an seiner Stelle hätte auszeichnen können. Kaum einer steht für die französische Macho-Kultur wie Alain Delon. Und schon ist die Imagepflege dahin.